5 Jahre IT Entwicklungszentrum in Bangalore – Ein Unternehmergespräch

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Vipul SwaroopGeschrieben von:

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Das IT Unternehmen Categis GmbH (www.softwaretogo.de) bietet die Entwicklung von Individualsoftware, übernimmt Offshore Auftragsprogrammierung für deutsche Softwarehäuser und entwickelt eigene Produkte im Bereich Finanzen & Controlling. In 2011 fiel die Entscheidung für den Aufbau eines Offshore Entwicklungsstandortes in Bangalore, im sogenannten „Silicon Valley Indiens“. Das IT Entwicklungszentrum wurde im Februar 2012 in Betrieb genommen. Heute arbeiten dort 30 MitarbeiterInnen.

Gesellschafter-Geschäftsführer Sebastian Zang hat den Aufbau des IT Entwicklungszentrums verantwortet und leitet heute die Weiterentwicklung sowie Expansion; im Januar 2017 wurde ein weiteres Entwicklungszentrum in Hyderabad eröffnet. Der Unternehmer berichtet über die Herausforderungen und Erfolgsrezepte am Standort Indien in einem Interview mit IndienHeute.

IndienHeute: Sie haben vor wenigen Tagen das 5-jährige Jubiläum des IT Entwicklungszentrums gefeiert, dessen Aufbau Sie verantworten. Haben Sie die Ziele erreicht, die Sie sich zum Zeitpunkt der Entscheidung für den Standort Indien gesetzt hatten?
Sebastian Zang: Einige deutsche Unternehmen haben sich in Indien schon die Finger verbrannt, weil Sie die Herausforderungen falsch eingeschätzt hatten. Darum haben wir damals zu Beginn den Fokus darauf gelegt zu verstehen, was alles in Indien möglich ist, wieviel Entwicklungsarbeit und welche Entwicklungsarbeit nach Indien ausgelagert werden kann; unsere Ziele waren also sehr vorsichtig.
Als ich vor über 5 Jahren nach Bangalore gekommen bin, gab es zahlreiche kritische Stimmen. Die Expat-Szene klagte über mangelnde Loyalität, und ein hochrangiger IBM Manager aus dem HR Bereich warnte mich, wir würden keine Top Leute bekommen: Inder seien vor allem Marken-getrieben bei der Arbeitgeberwahl. Falsch. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das enge Coaching unserer Mitarbeiter bei der fachlichen Entwicklung und die Übertragung von Eigenverantwortung von unseren Team-Mitgliedern sehr geschätzt wird; Eigeninitiative und persönliche Wertschöpfung statt Konzernrichtlinien – das kommt extrem gut an, unsere Fluktuation ist deutlich unter dem Schnitt.

IndienHeute: Das heißt, Sie sind zufrieden mit der Entwicklung?
Sebastian Zang: Ja, ich bin sehr zufrieden. Natürlich, es gab Herausforderungen, aber die gibt es überall. Auf Indien zu setzen hat sich aber als richtig herausgestellt. Bangalore wurde nun sogar zur „most dynamic city in the world“, gekürt. Wer hätte das gedacht? Zu Beginn dieses Jahres haben wir sogar eine weitere Niederlassung in Hyderabad eröffnet; einer unserer Senior Manager mit exzellenten Führungsfähigkeiten hat dies möglich gemacht. Heute bedienen wir aus unseren beiden Entwicklungszentren heraus die IT Entwicklungsbedarfe von Unternehmen wie McDonald’s, HERAEUS, Dachser, vor allem aber von zahlreichen Mittelständlern.

IndienHeute: Was waren im Rückblick die entscheidenden Faktoren für den Erfolg? Anders formuliert: Was raten Sie anderen Unternehmern im Hinblick auf den Standort Indien?
Sebastian Zang: Ich bin gerade in einer Zeitschrift über einen dieser schlauen Sprüche gestolpert, der das eigentlich schön zusammenfasst: „Success consists of going from failure to failure without loss of enthusiasm …“. Es geht um Geduld und Lernbereitschaft. Das ist das Erfolgsrezept. Die besondere Herausforderung in Indien besteht vor allem im Personalmanagement: Wieviel Micromanagement ist erforderlich, wie incentiviert man Eigeninitiative in einer traditionell hierarchischen Gesellschaft oder: wie beugt man einer für die IT Industrie typischen Mitarbeiterfluktuation vor? Natürlich erhält man Orientierung aus Buchratgebern oder aus Gesprächen mit erfahrenen Expatriates, aber man muss das in Prozesse umsetzen, eine Unternehmenskultur entwickeln; das ist Error & Trial. Hier zahlt man als Unternehmer Lehrgeld.

IndienHeute: Welchen Rat würden Sie einem Unternehmer zum Thema Personalmanagement geben?
Sebastian Zang: Zum Beispiel: Bei der Einstellung der ersten Mitarbeiter – dem späteren Führungsteam – keine Kompromisse eingehen: Diese Mitarbeiter setzen den Ton, damit wird die Leistungskultur im Unternehmen definiert. Überhaupt haben wir unser Auswahlverfahren kontinuierlich verfeinert, um wirklich jene Kandidaten verlässlich auszufiltern, die wir in unserem Team haben wollen. Und bei Fehlgriffen haben wir konsequent die Notbremse gezogen, auch wenn das weh tut.
Außerdem sollte man sich der hierarchischen Führungskultur in Indien bewusst sein – aber keinesfalls leben! Hierarchische Unternehmenskulturen ersticken Selbstständigkeit und Eigeninitiative; stattdessen fordern wir in unserem Unternehmen Eigenverantwortung bereits bei unseren Trainees ein, haben eine gesunde Fehlerkultur entwickelt, und wir sorgen für permanente Feedbackprozesse, so dass die Richtung stimmt.

IndienHeute: Sie haben während des Aufbaus des IT Entwicklungszentrums sehr viel Zeit in Indien verbracht und verbringen auch heute noch viel Zeit hier in Indien. Wie gefällt Ihnen Ihr Lebensumfeld in Bangalore?
Sebastian Zang: Bangalore ist eine Metropole mit inzwischen 14 Millionen Einwohnern, es ist eine Stadt mit einer bemerkenswerten Dynamik, die ich seit inzwischen 7 Jahren ganz hautnah erlebe. Diese abstrakten Wachstumszahlen aus Statistiken werden in einer Stadt wie Bangalore zu erfahrbarer Wirklichkeit. Man wird quasi Zeitzeuge des wirtschaftlichen Aufstiegs eines ganzen Kontinents, ok, fast, also eines Subkontinents. Das ist faszinierend.
Jeder hat ja seine eigene Definition von Lebensqualität. Für mich bedeutet es zum Beispiel auch gutes Essen, denn in meiner Großfamilie wird sehr gut gekocht und sehr gut gegessen. Meine Frau und ich leben im Viertel Indiranagar, das in ganz Indien die höchste Restaurant- und Bardichte aufweist – zumindest habe ich das nun mehrfach gehört. Das sind also paradiesische Zustände für mich. Und die indische Küche ist mein absoluter Favorit – also paradiesische Zustände im Doppelquadrat.
Aber andererseits gilt natürlich auch: Es gibt den Lärm, den Dreck – wie überall in Indien. Erstaunlicherweise habe ich mich an Vieles gewöhnt; Inder haben ja eine bemerkenswerte Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung, die sehen den Müll einfach nicht!! Da habe ich inzwischen dazugelernt, das ist eine wichtige Überlebensstrategie. Diesen deutschen Perfektionismus muss man manchmal einfach abschalten können außerhalb des Büros. Dass Bangalore außerdem im Verkehr erstickt, betrifft mich glücklicherweise nicht, denn unser IT Entwicklungszentrum ist 10 Fußminuten von meiner Wohnung entfernt.
Man sollte sich auch nicht von der Größe der Metropole täuschen lassen: Das kulturelle Angebot der 14 Millionen Stadt ist ganz und gar nicht vergleichbar mit dem Angebot an Theater, Konzerten, Kabarett von Berlin oder Frankfurt. Deutlich kleiner. Da ich viel und gerne lese, komme ich damit gut zurecht.

IndienHeute: Können Sie sich vorstellen, noch länger in Indien zu leben?
Sebastian Zang: Was ich am Leben in Indien besonders schätze, das ist ein breiteres Spektrum an möglichen Lebensmodellen für die Familie. Lassen Sie mich das präzisieren: Wer heute eine gleichberechtigte Partnerschaft leben möchte, der muss eine nicht-traditionelle Arbeitsteilung verhandeln für Haushalt und Kinderbetreuung; denn in der Mittelklasse Deutschlands sind Haushaltshilfen die Ausnahme, genauso wie Kinderbetreuerinnen. Ich beobachte das in unserem deutschen Freundeskreis. Das bedeutet sehr viel Koordination, minutiös abgestimmte Zeitpläne, Einschränkungen bei zeitlicher Flexibilität. Ich habe wirklich großen Respekt vor Paaren, die das hinbekommen. Davon gibt es nicht viele.
In der indischen Mittelklasse sind die Maid für den Haushalt und die Kinderbetreuung völlig normal. Überhaupt ist dieses Modell in ganz Asien verbreitet. Hunderttausende von Filipinos sind in den Haushalten von Singapur, Hongkong oder China beschäftigt. Das ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Ich würde mir wünschen, dass ein solches Modell auch in Deutschland Verbreitung fände, aber die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bieten hierfür aktuell keinen Spielraum.
Um auf Ihre Frage zurück zu kommen: Ja, ich kann mir gut vorstellen, noch länger in Indien zu leben.

IndienHeute: Irgendwelche Tips für Expats, die nach Indien kommen? Was muss man tun, um sich hier wohlzufühlen?
Sebastian Zang: Ich bin selbst mit einer Faszination für das Land nach Indien gekommen, mit viel Neugier, sicherlich auch mit einer gewissen Portion romantischer Verklärung. Das hat mir geholfen, mit den vielen Eigenheiten des Landes zurecht zu kommen. Außerdem war ich lernbereit und offen, deutsche Methoden in einem anderen kulturellen Umfeld in Frage zu stellen.
Was sollte ein Expat mitbringen? Tja, mir fällt dazu der Unterschied zwischen Liebeshochzeit und arrangierter Ehe ein: Bei der arrangierten Hochzeit werden zwei Partner aus ständischen, pragmatischen Gründen zusammengeführt und man geht davon aus, dass die Liebe sich entwickelt. Bei der Liebeshochzeit dagegen startet man mit der Liebe und muss romantische Vorstellungen mit dem Beziehungsalltag arrangieren. In dieser Sache bin ich im Denken ganz der westlichen Tradition verhaftet: Es ist besser, ein Expat startet mit einer (nicht ganz naiven) Faszination, oder wenigstens: mit neugierigem Interesse an Indien; wer dagegen ein Assignment nur als Pflichtübung nach der konzernbürokratischen Vorgaben versteht, der wird sich hier sehr schwer tun.

IndienHeute: Noch eine abschließende Frage. Wie geht’s bei Ihnen weiter?
Sebastian Zang: Wir haben noch viel vor. Die demographische Entwicklung und der Fachkräftemangel in Deutschland sind heute schon Treiber unseres Wachstums; wir sehen weitere interessante Geschäftsoptionen, die wir in Zukunft wahrnehmen möchten. Wir beraten beispielsweise heute schon mittelständische deutsche Unternehmen dabei, in Indien ein IT Entwicklungszentrum aufzubauen.
Das Beratungshaus PriceWaterhouseCoopers hat erst jüngst eine detaillierte Studie zu Deutschland herausgegeben, in denen detaillierte Prognosen für die Engpässe in verschiedenen Branchen gemacht werden; so fehlen bis zum Jahr 2030 etwa 120.000 Akademiker in ITK Berufen, 290.000 Assistenzkräfte im Gesundheitsbereich. Outsourcing oder Arbeitskräftemigration aus Indien sind natürlich nicht die einzige Antwort auf diese volkswirtschaftlichen Herausforderungen. Aber es ist einer von vielen Strategien, den Standort Deutschland zukunftsfähig zu machen. Hieran möchte ich mitarbeiten, darauf freue ich mich als Unternehmer!

IndienHeute: Herr Zang, vielen Dank für dieses Gespräch!

Vipul Swaroop

Vipul Swaroop

ist Projektmanager bei dem IT Dienstleister Categis [www.softwaretogo.de]. Sein Interesse gilt der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Indiens. Er reist regelmäßig nach Deutschland zu Fortbildungen und für Kundenprojekte.

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