Wie Indien mit Wohlstandsdifferenzen umgeht

Wirtschaft

Sebastian ZangGeschrieben von:

Ansichten: 15183

Der indische Dollar-Milliardär Mukesh Ambani lebt mit seiner Familie im teuersten Einfamilienhaus der Welt: Eine Villa mit 27 Stockwerken und einer Belegschaft von 600 Personen. Demgegenüber leben in Indien 300 bis 350 Millionen Menschen in Armut. Wie hält die indische Gesellschaft dieses Spannungsverhältnis aus?

Armut und Reichtum in Indien – ein Überblick

Das Haus des indischen Milliardärs Mukesh Ambani steht in Mumbai, der Finanzmetropole Indiens. Die Villa des reichsten Mann Indiens hat eine Fläche von über 37.000 Quadratmetern und bietet damit mehr Platz als das Schloss von Versailles. Selbst im Kreis von Milliardären sind diese Ausmaße enorm: Die Villa von Bill Gates hat gerade einmal eine Gesamtfläche von 6.100 Quadratmetern. Mukesh Ambani ist einer von 48 Dollar-Milliardären Indiens. Im Vergleich: Deutschland hat 55, China 95 und die USA 421 [1].

Demgegenüber ist die Armut in Indien zwar im Rückgang begriffen, dennoch leben noch immer 300 bis 350 Millionen Menschen in Armut. Die Zahl liegt sogar noch höher, wenn man Armut nicht am Einkommen mißt, sondern an der Erfüllung von Grundbedürfnissen wie Zugang zu sauberem Trinkwasser oder Unterkunft. Die Autoren R. Jayrai und S. Subramanian beziffern das Ausmaß dieser „multidimensionalen Armut“ im Zeitraum 2005-2006 auf 470 Millionen [2].

Jenseits des Anekdotenhaften, was sagt die Statistik zur Einkommensverteilung? Der sogenannte Gini-Koeffizienten ist ein Maß für die (Un)Gleichheit der Einkommensverteilung. Der Wert “0” indiziert perfekte Gleichheit bei der Einkommensverteilung, der Wert “1” beschreibt das Extremszenario, bei dem das gesamte Nationaleinkommen an eine einzelne Person geht. Auf der Werteskala in der Praxis steht Schweden mit einem Wert von 0,24 an einem Ende, Südafrika mit 0,6 am anderen Ende. Der Gini-Koeffizient für Deutschland liegt bei ca. 0,32, etwa auf gleicher Höhe (sic!) wie jener in Indien mit 0,33. Der Vergleichswert für China liegt bei ca. 0,42, für die USA bei 0,38 [3].

Grundsätzlich gilt: Wie in vielen anderen Ländern (z.B. USA, Deutschland und sogar Schweden) ist die Ungleichheit in Indien in den vergangenen Jahren angestiegen. Die Konzentration von Reichtum und Einkommen an der Spitze nimmt zu. Die Ursachen für ein solches Auseinanderdriften der Einkommensschere sind vielfältig, zwei wesentliche Faktoren sind charakteristisch für Indien: Ebenso wie zur Blütezeit der amerikanischen Wirtschaft [Unter Wirtschaftshistorikern: „Gilded Age“, ca. 1870 – 1900] besteht zum einen eine enge Verquickung zwischen Politik und Wirtschaft. Dies verschafft einer oligarchischen Wirtschaftselite Insider-Zugang zu natürlichen Ressourcen und öffentlichen Aufträgen. Dieses Muster spielt sich in Russland vergleichbar ab. Nicht verwunderlich also, dass beide Länder die ersten Plätze belegen bei der Anzahl der Dollar-Milliardäre im Verhältnis zum Landes-BSP. Dieser Zusammenhang spiegelt sich zudem im großen Reichtum der Mehrheit der Parlamentsmitglieder [Lok Sabha = Nationales Parlament].

Zum anderen stottert in Indien trotz des Wachstums die Schaffung von Arbeitsplätzen. Im Gegensatz zum Nachbarland China ist die exportstarke produzierende Industrie nur schwach entwickelt. Grund dafür sind unter anderem eine schlechte Infrastruktur, restriktive Arbeitsgesetze, die eine Herausbildung großer Unternehmen in der Produktion verhindern, aber auch höhere Arbeitskosten im Vergleich zu China in diesem Sektor. Das spiegelt sich nicht zuletzt in einem schwachen Wachstum des formellen Sektors [Arbeitsverhältnisse inkl. Steuerzahlung und sozialer Grundversicherung]: Seit der wirtschaftlichen Öffnung Indiens in 1991 sind die Arbeitnehmerzahlen in einem formellen Arbeitsverhältnis nur gering gewachsen. Noch immer arbeiten ca. 90% der Inder im „informellen Sektor“.

Nach diesem Überblick zurück zur Eingangsfrage: Wie gelingt das Nebeneinander von Slums und Luxusvillen, beispielsweise in Indiens größter Stadt Mumbai? Denn trotz der fast identischen Gini-Koeffizienten zwischen Deutschland und Indien gilt: Das Phänomen extremer Armut – zumal in dieser Größenordnung – gibt es nur in Indien. Wieso kommt es trotz der Einkommensunterschiede nicht zu wesentlichen Spannungen, zumal angesichts lebensbedrohender Armut?

Umgang mit Einkommensunterschieden in Indien – Die Bedeutung des Fatalismus

Als charakteristisch für die Haltung der Inder wird häufig etwas angesehen, das in einem Artikel des „Economist“ knapp „a sense of fatalism“ benannt wird [4], eine fatalistische Haltung: Die Akzeptanz einer Lebenssituation als Ergebnis von Kräften, auf die kein Einfluss genommen werden kann. Kurz: Schicksal.

Die Wurzeln hierfür liegen in der weitverbreiteten und tiefen Religiösität Indiens. Was die Inder in ihrer großen Mehrheit charakterisiert, ist eine starke Religiösität. Indien ist ein Land, in dem die Spiritualität eine lange und tiefverwurzelte Geschichte hat, zwei Weltreligionen haben hier ihren Ursprung [Hinduismus, Buddhismus]. Damit geht die Akzeptanz einer göttlichen Ordnung einher, die die menschliche Ordnung überlagert und jenseits der menschlichen Rationalisierbarkeit liegt. Diese religiöse Haltung ist im Übrigen allen ökonomischen Klassen gemein, eine säkularisierte Haltung tritt mit zunehmendem Wohlstand also nicht an die Stelle von religiösem Glauben: Die A-Religiösität bleibt in Indien noch immer eine Ausnahme, auch in urbanen Lebensbereichen.

Als charakteristischstes Beispiel für ein weithin akzeptiertes schicksalgegebenes soziales Ordnungsprinzip, das sich rationaler Begründbarkeit entzieht, kann das Kastensystem gelten. Obwohl bereits zu Beginn der Unabhängigkeit offiziell abgeschafft und von Indiens geistigem Mentor Mahatma Gandhi vehement kritisiert, zementiert es noch immer Ungleichheit in der indischen Gesellschaft … und bleibt doch als soziales Ordnungsprinzip weithin wirksam.

Die fatalistische Haltung jedoch darf keineswegs verabsolutiert werden. Inder sind sich beispielsweise der Bedeutung von Bildung und der damit verbundenen ökonomischen Aufstiegschancen in einer globalisierten Wissensgesellschaft wohl bewusst. Elterngenerationen investieren einen großen Teil des Familienvermögens in die Ausbildung Ihrer Sprößlinge, durchaus auf Kosten des eigenen Lebensstandards. Beispiel Pushpa Khude, 45 Jahre: Während sie selbst seit dem Alter von 7 Jahren nur als Haushaltshilfe in Mumbai gearbeitet hat, investierte sie konsequent in die Ausbildung Ihrer Kinder. Der Sohn ist inzwischen Bankmanager, die Tochter studiert Ökonomie. [5] Menschen in Indien ergeben sich also keinesfalls einfach in ihr Schicksal – wo sie Chancen erkennen, tun sie alles, um ihre Situation und die ihrer Kinder zu verbessern. Gleichzeitig akzeptieren sie aber auch, dass bestimmte Aspekte unveränderlich sind.

Umgang mit Einkommensunterschieden in Indien – Die Bedeutung der Religion

Wenn auch die Religion bereits Ursprung der fatalistischen Haltung ist, kommt ihr im Hinblick auf die Akzeptanz von (massiven) Einkommensunterschieden dennoch eine eigenständige Bedeutung zu, mindestens für die Hindus der indischen Gesellschaft (ca. 80% Bevölkerungsanteil). Denn während ein Maßstab des Hedonismus oder der Selbstverwirklichung das Leben im Hier und Jetzt (d.h. die Lebensqualität im Hier und Jetzt) verabsolutiert, misst der gläubige Hindu dem diesseitigen Leben eine relativierte Bedeutung bei. Verkürzt dargestellt wird nach hinduistischem Glauben ein Lebewesen so häufig wiedergeboren, bis es durch spirituelle Reifung zur Erlösung gefunden hat. Das Leben im Hier und Jetzt wird mithin zur „Durchgangsstation“ auf einem spirituellen Weg, die Lebensumstände relativieren sich angesichts des gesamten Zyklus von Wiedergeburten.

Umgang mit Einkommensunterschieden in Indien – Die Bedeutung der Familie

Auch das moderne Indien ist noch immer ein Gegenentwurf zum individualistischen Gesellschaftsmodell des Westens: Die Gesellschaft ist kommunitaristisch organisiert, d.h. die Referenz- oder Identifikationsebene ist nicht das Individuum, sondern die Familie [oder sogar eine familienübergreifende Gruppe wie beispielsweise eine Kaste].

Ich bin beispielsweise immer wieder überrascht darüber, wie selbstverständlich „arrangierte Hochzeiten” auch heute noch sind (90% aller Hochzeiten), und zwar im ländlichen Raum ebenso wie im urbanen Kontext. „Arrangierte Hochzeit“ bezeichnet hierbei ein komplexes soziales Ritual, in dem zwei [Groß-]Familien [vor allem die Eltern] Partnerentscheidungen für ihre heiratsfähigen Familienmitglieder treffen. Ich habe bereits zahlreiche dieser Partnerwahlprozesse in meinem unmittelbaren Umfeld verfolgt, im ländlichen Bundesstaat Kerala ebenso wie in der Großstadt Bangalore [Bundesstaat Karnataka]. Und immer wieder überrascht mich die selbstverständliche Teilnahme von Young Professionals um die 30, die nach mehreren Jahren Karriere in den USA zur von den Eltern organisierten Brautschau ins Heimatland Indien einfliegen. Mag Bollywood die „Liebesheirat“ noch so verherrlichen, und mag der „American Way of Life“ noch so greifbar sein: Der Einfluss der Familie auf das Leben des Individuums bleibt in Indien dominant. Auch wenn es hierzu inzwischen [sehr wenige] Ausnahmen gibt, illustriert dies doch eindrucksvoll die Bedeutung der Familie in der indischen Gesellschaft.

Das Handeln und die Wahrnehmung in Indien sind zudem deutlich von „pflichtethischen“ Motiven geleitet, die sich aus dem familiären Kontext ableiten. Die Frage „Was soll ich für meine Familie tun?“ hat zweifellos Priorität vor der Frage „Worauf habe ich heute Lust bzw. was bringt mich persönlich voran?“. Als Beispiel sei der Softwareingenieur Vikas aus Bangalore genannt, der seine Karriere für ein Jahr unterbrochen hat, um unter anderem die Partnerwahl für seine Schwester zu organisieren. Oder der Analyst Narayana, der sich für die Pflege seines kranken Vaters eine berufliche Auszeit genommen hat. Umgekehrt investieren Eltern häufig massiv in die Ausbildung ihrer Kinder (bis hin zur Verschuldung), um Bildungschancen für die nächste Generation zu realisieren. Die Familie bildet mithin eine unauflösbare soziale Einheit, gefestigt durch gegenseitige Abhängigkeiten und gegenseitige Unterstützung. Der Großteil der (Frei)Zeit in Indien wird typischerweise auch innerhalb der (Groß)Familie verbracht.

Im Hinblick auf die Wahrnehmung und Bewertung von Einkommensunterschieden hat die Familie nun folgende Bedeutung: Die (Groß)Familie bildet den zentralen sozialen Referenzpunkt bzw. die zentrale soziale Gruppe, wovon ein Individuum Anerkennung / Bestätigung erhält. Diese Quelle der Anerkennung und des Selbstwerts ist also nicht etwa eine gedachte “Gesamtgesellschaft” bzw. öffentliche Meinung, welche das Individuum womöglich am (sichtbaren und damit einfach nutzbaren) Kriterium des Wohlstands bzw. ökonomischen Erfolgs misst. Zwar formulieren Eltern (insbesondere der Mittelschicht) heute hohe Erwartungen an den akademische bzw. beruflichen Erfolg ihrer Kinder, aber der primäre soziale Referenzpunkt der Familie wird damit keineswegs in Frage gestellt.

Umgang mit Einkommensunterschieden in Indien – Das Nebeneinander des Heterogenen

Der Begriff Indien suggeriert eine homogene Entität, die es in der Realität nicht gibt. Das heutige Indien mit über 1,2 Milliarden Menschen besteht aus 28 Bundesstaaten mit 21 verschiedenen [Amts-]Sprachen. Die Lebensverhältnisse in einer Großstadt wie Bangalore in Südindien weisen kaum Schnittmengen auf mit den Verhältnissen in ländlichen Gebieten des nördlichen Bundesstaats Uttar Pradesh. Und der soziale und ökonomische Status eines Dalit [unter Kaste] im nordöstlichen Bundesstaat Bihar ist Lichtjahre entfernt vom Status eines Brahmanen [oberste Kaste] im südindischen Kerala.

In Indien ko-existieren wie in keinem anderen Land entlang verschiedener „Segregationslinien“ unterschiedliche Welten bzw. “soziale Sphären”: Verschiedene Religionen, Sprachgemeinschaften oder Kasten. Großstädte versus ländliche Region. Tradition versus Moderne. Das Nebeneinander des Heterogenen ist Teil der alltäglichen Lebenserfahrung in Indien. Das Nebeneinander des Inhomogen, teilweise des Paradoxen prägt Indien, und die Akzeptanz dieses Inhomogenen ist zweifellos eine landestypische Form der Toleranz – nicht zuletzt deshalb wird Indien immer wieder als Beispiel für eine geglückte Multi-Kulti-Gesellschaft referenziert. Vereinzelte Unruhen, wie beispielsweise jene zwischen Ethnien wie in Assam im Herbst 2012, widerlegen diese Aussage nicht. Auch nicht die Tatsache, dass die Zusammenarbeit in Teams mit verschiedenen Kasten nur unter bestimmten Bedingungen reibungslos funktioniert.

Wo das Nebeneinander des Inhomogenen zur alltäglichen Erfahrung zählt, führt das Nebeneinander von Armut und Reichtum auch nicht zwangsläufig zu Spannungen. Aufgrund der verschiedenen „Segregationslinien“ gibt es auch nicht einen gemeinsamen Identifikationsraum; vielmehr besteht die Gesellschaft aus verschiedenen Sphären [v.a. Bundesstaaten, Kasten, Familien], innerhalb derer soziale Referenzpunkte gesucht werden.

Weitere Infos auf indienheute …

Auf diesem Forum finden Sie weitere Analysen zum zeitgenössischen Indien sowie Tipps für Business, Reisen und mehr. Folgende Beiträge könnten Sie beispielsweise auch interessieren:


[1] “For Richer, For Poorer“, Special Report “World Economy”, The Economist, Asien-Edition, October 13th 2012, Seite 4; nach Angaben des auf Analysen zu Ultra High Net Worth Individuals spezialisierten Unternehmens Wealth-X Pte. Ltd ist die Zahl der Dollar-Milliardäre zu Ende 2012 deutlich höher: USA (480), China (147), Deutschland (137), Indien (109), Vgl. http://in.finance.yahoo.com/photos/countries-with-the-most-billionaires-1350126765-slideshow/1-united-states-billionaire-count-480-total-wealth-2-05-trillion-the-united-states-still-leads-the-photo-1350126604.html,Stand: 07.02.2013
[2] “How is India doing”, The Hindu, 29.12.2012, Edition Bangalore, Seite 13; gemessen an nationalen Standards betrifft die Armut in Indien 270 Mio. Menschen, India: Poverty Trend (by national standards), Angabe zum Jahr 2012, Quelle: Weltbank, vgl. Internetseite: www.worldbank.org
[3] “For Richer, For Poorer“, Special Report “World Economy”, The Economist, Asien-Edition, October 13th 2012, Seite 4.
[4] “An Uphill Walk”, Special Report “India”, The Economist, Asien-Edition, 29.09.2012, Seite 32.
[5] “Can’t get the help”, The Economist, Asien-Edition, 22.12.2012, Seite 37f.

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

Mehr Beiträge - Webseite

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer
Datenschutzerklärung.
Ok