Bedeutung und Akzeptanz gentechnisch veränderter Pflanzen in Indien

Gesellschaft, Kultur, Politik

Franz Zang - Gast AutorGeschrieben von:

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Mehr als 90 Prozent der Baumwolleanbauer in Indien nutzen seit 2002 die BT Baumwolledes Agrarchemiekonzerns Monsanto. Die Hoffnungen auf höheren Ertrag und damit besseres Einkommen erfüllten sich jedoch häufig nicht. Die katastrophalen Folgen dieses Anbaus sind wohl mit ein Grund, dass der Widerstand gegen den Anbau von GM Reis in Indien sehr massiv wird. Dies erinnert stark an den Widerstand gegen den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland, der Ende Juli 2013 zu einem Rückzug Monsantos auf dem europäischen Markt geführt hat. [1]

Gentechnisch veränderte Pflanzen in Indien: BT Baumwolle und die sozialen Folgen

“Was sollen wir essen, wovon sollen wir leben?”, fragt Rajakka Mallaiah verzweifelt ihren Mann und zeigt hinter sich auf das vertrocknete Baumwollfeld. Sie haben uns gesagt, wir sollen diesen amerikanischen Samen nehmen. Aber schauen Sie sich um, unsere ganze Ernte: Missraten! Erklären Sie uns: Warum!” Das dritte Jahr in Folge ist der Monsunregen schwach ausgefallen. Die Ernten auch. So haben Mallajiah und Rajakka alles auf eine Karte gesetzt: Haben horrende Schulden bei Banken und örtlichen Geldverleihern gemacht, um den neuen Wundersamen Bt-Cotton, im Volksmund “Bollgard”, von Monsanto/Mahyco zu kaufen. [2]

Indien ist eines der größten Anbaugiebiete für genveränderte Baumwolle auf der Welt, und der auf indischen Webseiten häufig gelesene Ausdruck „Monsanto´s Indian Suicide Belt“ lässt erahnen, welche Folgen dieser Anbau für die Bauern von Beginn an hatte. Die Tatsache, dass der Großteil der Bevölkerung Indiens von der Landwirtschaft abhängt (Stand 2014: 50% arbeiten in der Landwirtschaft), macht das Ausmaß der Folgen klar: Bauern müssen ihren Samen und ihre Pestizide bei Monsanto kaufen, und sie müssen den Samen jedes Jahr (!) kaufen. Eine Art genetischer Kopierschutz verhindert, dass die Bauern – wie seit Jahrhunderten praktiziert – Teile ihrer Ernte für den Folgeanbau abzweigen können. Außerdem benötigt BT Cotton künstlichen Dünger: Das, sowie der im Vergleich zu herkömmlichen Baumwollsamen vierfache Preis treibt die Bauern schnell in fatale Abhängigkeiten. (Der Name BT Cotton leitet sich im Übrigen von dem eingebauten Bacillus thuringiensis ab)

Wenn dann die Ernte gering oder ganz ausfällt, verlieren die Bauern ihre Existenzgrundlage. Dies ist auch deshalb immer häufiger der Fall, weil BT Cotton eine regelmäßige Bewässerung braucht, um den versprochenen Ertrag zu bringen – ein weiterer Schritt in die Abhängigkeit: Immer mehr Bauern sind deshalb gezwungen, ihr Land aufzugeben. Die Folge ist, dass die Kluft zwischen Bauern mit größerem Landbesitz und Kleinbauern zunimmt. Nach 2002 ist denn auch die Selbstmordrate der betroffenen Bauern sprunghaft angestiegen [3 ]. Die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung trieb z. B. Im Jahr 2009 fast 18.000 Bauern in den Selbstmord – eine Größenordnung, die für uns geradezu unvorstellbar ist. Das Video unter:Monsanto Indian Farmer Suicide (Englisch, 5 min) stellt die Zusammenhänge kurz und sehr anschaulich dar.

Gentechnisch veränderte Pflanzen in Indien: Mittel im Kampf gegen Hunger und Fehlernährung?

Die Bevölkerung in Indien wird weiter wachsen. Bei geschätzen 1,5 Milliarden Einwohnern im Jahr 2025 steigt der Versorgungsdruck, schon jetzt beträgt die Teuerungsrate für Lebensmittel etwa 10 Prozent pro Jahr. Allerdings geht es nicht nur darum, mehr Lebensmittel zu erzeugen: Beispielsweise verdirbt ein Drittel der Lebensmittel auf dem Weg vom Bauern zum Verbraucher – und wer in indischen Restaurants aller Preisklassen sieht, wie viel Reis und Gemüse auf den Tellern zurückbleiben, kann die Problematik der Lebensmittelversorgung zunächst nicht begreifen.

Es gibt aber mindestens zwei Aspekte, die auf einen dringenden Handlungsbedarf hinweisen: Zum einen ist die Produktion von Reis zusammen mit anderen Kornproduktionen zumindest gefährdet. Hauptgrund dafür ist das für die Bewässerung fehlende Wasser, der Raubbau an den Grundwasserreserven und die Zerstörung der Bodenfruchtbarkeit durch Kunstdünger und Pestizide. Die steigenden Temperaturen tun ihr Übriges. Zum andern gibt es in Indien eine mangelhafte Versorgung vor allem von Kindern mit notwendigen Spurenelementen und Vitamin A. Das Beste wäre eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln, die diese Stoffe enthalten. Für arme Familien ist das aber offensichtlich nicht immer möglich. Zum zweiten Problem: Unglücklicherweise gibt es keine Reissorten, die das Provitamin A enthalten. In Bevölkerungen, deren Ernährung hauptsächlich auf Reis basiert, kann das zur Blindheit und vorzeitigem Tod von Kleinkindern führen. Da liegt es nahe, den genmodifizierten “Golden Rice” anzubauen, der β –Karotin enthält. [4]

Die Situation stellt sich etwa wie folgt dar: Das Umweltministerium in Indien hat nach einer Meldung der Times of India vom Juni 2013 für Feldversuche von genverändertem Reis, Weizen und Mais die Genehmigung erteilt [5]. Andere Gruppen aus Indien wiederum weisen aber darauf hin, dass die Versorgungssituation wegen guter Ernten in den letzten Jahren nicht besteht, es handele sich eher um ein Verteilungs- und Kaufkraftproblem [6]. Der Konzern Monsanto wirbt weiter für seine Interessen: Ende 2013 sollte selbst Papst Franziskus gewonnen werden. Allerdings hat Papst Franziskus seine Zurückhaltung deutlich gezeigt und seine Sorge geäußert, dass dieser Anbau vor allem den Großkonzernen und nicht den Armen helfen könnte. Auf der Web-Seite von Monsanto liest man allerdings, Papst Franziskus habe ein Päckchen Golden Rice gesegnet, was vom Leser offensichtlich als Zustimmung des Kirchenoberhaupts zum Anbau verstanden werden wird [7].

Gentechnisch veränderte Pflanzen in Indien: Widerstand gegen GM Reis

Schon 2012 fanden Kontrolleure in Europa, u. a. auch französische Großhändler, in Basmati-Reis aus Indien genveränderte Reiskörner. Zuständige Regierungsstellen wiesen diese Beschuldigung allerdings mit dem Hinweis zurück, in Indien werde kein genveränderter Reis angebaut [8]. Unabhängig vom tatsächlichen Sachverhalt macht dieser Vorfall klar, dass die Abhängigkeit vom Export ein wirksames Druckmittel sein kann, den Anbau von genveränderten Lebensmitteln zu verhindern. Immerhin verkauft Indien zwei Drittel seines Basmati-Reises auf dem Weltmarkt, bei einer Gesamtproduktion von 4,5 Mill Tonnen ein nicht unerheblicher Beitrag zur Handelsbilanz. Da ist auch die Ankündigung strengerer Kontrollen auf Pestizidgehalte sehr wirksam.

Der momentane Widerstand in Indien gegen den Anbau von Gen-Reis ist, z. B. verglichen mit den USA, sehr massiv. Die Aktionen erinnern an den Widerstand gegen den Genmais Mon810 in Deutschland: Im Jahr 2013 beispielsweise zerstörten Bauern im Bundesstaat Karnataka Felder mit genverändertem Reis, ein Vorfall, der allerdings nur schwer mit der offiziellen Stellungnahme der Regierung in Einklang zu bringen ist [6].

Wissenschaftler aus Indien bewerten bisherige Erfahrungen mit BT Cotton eher kritisch: Ohne dass die Erträge zugenommen hätten, seien die Produktionkosten gestiegen, einmal wegen der hohen Saatgutkosten, zum Zweiten wegen der notwendigen Bewässerung und des Einsatzes von Agrochemie.

Gentechnisch veränderte Pflanzen in Indien: Roundup und die Kennzeichnungspflicht von GVO´s

Unter dem Markennamen Roundup vertreibt der US-Konzern Monsanto eine Gruppe von Breitbandherbiziden, die den Wirkstoff Glyphosat enthalten, ein für fast alle Pflanzenarten toxisches Mittel. Genveränderte Pflanzen allerdings überstehen den Einsatz von Roundup, weil bei ihnen das Bodenbakterium Agrobacterium tumefaciens einbaut wurde [9].

Der Wirksoff Glyphosat wurde lange als umweltverträglich gehandelt, da er nur eine bestimmte Stelle im pflanzlichen Stoffwechsel angreife, im Boden rasch abgebaut werde und nicht ins Grundwasser gelange. Doch mehr und mehr wird klar, dass Glyphosat so harmlos nicht ist. Eine vom BUND in Auftrag gegebene Studie belegt, wie hoch inzwischen in Europa im Urin Erwachsener die Konzentrationen von Glyphosat und seinem Abbauprodukt AMPA ist [10]. Glyphosat wirkt nachweislich bereits in geringen Dosen toxisch auf menschliche Zellen, z.B. auf Embryonal- und Plazenta-Zellen. Glyphosat steht auch im Verdacht, das menschliche Hormonsystem negativ zu beeinflussen. Dies kann irreversible Auswirkungen auf besondere Lebensabschnitte haben, etwa auf eine Schwangerschaft. Glyphosat und AMPA gelangen auch in erheblichen Konzentrationen ins Oberflächenwasser, wie Untersuchungen in USA, Dänemark und Frankreich zeigen. Gefährdet sind dann auch wasserlebende Organismen, insbesondere Amphibien [11].

Es gibt jedoch noch weitere Seiten, von denen Gefahr droht: Im nachfolgenden Film erläutert Jeffrey M. Smith, einer der profiliertesten Kritiker von Genfood, die unterschiedlichen Aspekte:
The GMO Threat (Englisch, 60 min)

Er unterscheidet zwischen zwei grundlegend verschiedenen Angriffen, denen Verbraucher ausgesetzt sind: Zum einen sind Menschen Gifttrinker, da sie den Wirkstoffen von Glyhosat usw. zum Beispiel über das Trinkwasser ausgesetzt sind. Folgen wie oben beschrieben. Zum andern aber werden wir zu Giftessern: Der Einbau des Bazillus thuringiensis in die Pflanze führt ja dazu, dass diese Pflanze ständig Wirkstoffe gegen Insekten produziert. „Dies ist, als ob jede einzelne Zelle dieser Pflanze wie mit einer Sprühflasche permanent diese Insektizide verteile“, so Jeffrey Smith. Er erklärt dazu, dass die Konsumenten dieser Pflanzen von den Wirkungen der Insekitzide betroffen sind, dies in einer Weise, die wir teilweise wegen der Komplexität noch nicht verstehen. Die von ihm angeführten Beispiele für die Folgen erschrecken jedoch zutiefst, unter anderem auch, weil die Verschleierungsmechanismen so gut funktionieren.

Da ist die Forderung naheliegend, gentechnisch veränderte Produkte verlässlich zu kennzeichnen, damit Verbraucher wissen, was sie essen. Aber selbst in Deutschland ist die Kennzeichnung für viele Produkte nicht ganz einfach. Auch das Label „Ohne Gentechnik“ macht es für den Verbraucher nicht transparent, was wirklich in dem Produkt enthalten ist. Zu viele Ausnahmen und die gestattete Verunreinigung von bis zu 0,9 Gewichtsprozent machen eine Kennzeichnung für den Verbraucher nicht durchsichtig: Milch von Kühen oder Fleisch von Schweinen, die mit transgenen Futtermitteln versorgt werden, müssen zum Beispiel nicht gekennzeichnet werden.

Das Department of Consumer Affairs in Indien hat die Kennzeichnungspflicht für verpackte GM-Nahrungsmittel angeordnet. Allerdings wird die Aufgabe, dies unter indischen Bedingungen auch tatsächlich umzusetzen, als große Herausfordung angesehen [12].

Wir freuen uns über Anregungen und Feedback. Schreiben Sie an redaktion@indienheute.de

[1] „Monsanto sieht für Gen-Mais in EU keine Chance“ , 18. 7. 2013, in: www.manager-magazin.de, http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/monsanto-sieht-keine-perspektive-fuer-gen-pflanzen-in-eu-a-911777.html (Seitenabruf 24. 3. 2014)
[2] „Gentechnik auch in Indien umstritten“, Stefan Dege, 20. 3. 2005, in:www.dw.de, http://www.dw.de/gentechnik-auch-in-indien-umstritten/a-1501298 (Seitenabruf 24. 3. 2014)
[3] „Suicide Farmer India“, in www.bing.com, http://www.bing.com/images/search?q=suicide+farmer+India&qpvt=suicide+farmer+India&FORM=IQFRML#view=detail&id=157149CA6C201CE6582BDAA5E86360F7BE78BBB2&selectedIndex=89 (Seitenabruf 21. 3. 2014)
[4] „The Development of Golden Rice”, in: www.allowgoldenricenow.org, http://www.allowgoldenricenow.org/the-case-for-golden-ricewww.goldenrice.org, (Seitenabruf 21. 3. 2014)
[5] „Field trials cleared for genetically modified rice, wheat, maize, castor and cotton”, 20. 6. 2013, in: www.timesofindia.indiatimes.com, http://timesofindia.indiatimes.com/home/opinion/edit-page/Field-trials-cleared-for-genetically-modified-rice-wheat-maize-castor-and-cotton/articleshow/20668530.cms (Seitenabruf 21. 3. 2014)
[6] “By arguing that GM crops are essential to food security, the Government seeks to conceal the underlying reality.”, Kavita Srivastava, 19. Februar 2013, in: www.thehindubusinessline.com, http://www.thehindubusinessline.com/opinion/gm-crops-will-sow-food-insecurity/article4432002.ece (Seitenabruf 21. 3. 2014)
[7] „People Pope blesses a sample of golden rice”, 7. November 2013, in: www.monsantotoday.com, http://monsantotoday.com/2013/11/pope-francis-blesses-golden-rice/ (Seitenabruf 21. 3. 2014)
[8] „India denies GMO contamination in basmati”, Jyotika Sood, 30. Mai 2012, in: www.downtoearth.org.in, http://www.downtoearth.org.in/content/india-denies-gmo-contamination-basmati (Seitenabruf 21. 3. 2014)
[9] „Roundup“, in: Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Roundup (Seitenabruf 24. 3. 2014)
[10] “Determination of Glyphosate residues in human urine samples from 18 European countries”, 28. Juni 2013, in: www.bund.net.de, https://www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/gentechnik/130612_gentechnik_bund_glyphosat_urin_analyse.pdf (Seitenabruf 21. 3. 2014)
[11] „Glyphosat: Auswirkungen auf die Bodenfruchtbarkeit“, Dr. Martha Mertens, 13. Februar 2013, in: Julius-hensel.com, http://julius-hensel.com/2013/02/glyphosat-auswirkungen-auf-die-bodenfruchtbarkeit/ (Seitenabruf 21. 3. 2014)
[12] „Labelling of Genetically Modified Foods in India”, 24. August 2013, in: www.epw.in, http://www.epw.in/commentary/labelling-genetically-modified-foods-india.html (Seitenabruf 21. 3. 2014)

Franz Zang - Gast Autor

Franz Zang - Gast Autor

ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und setzt sich insbesondere mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung auseinander.

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