Das Geschäft mit der heiligen Kuh in Indien

Gesellschaft, Kultur, Politik

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Die Kuh ist in Indien nicht nur heilig, sie ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Die erste Überraschung: Indien liegt mit Brasilien und Australien an der Spitze der Rindfleischexporteure. Das Exportvolumen liegt bei über 4 Milliarden US-Dollar, allerdings handelt es sich dabei meist um das Fleisch von Wasserbüffeln. Aber der Fleischexport ist nur eines von vielen Geschäftsmodelle rund um die heilige Kuh.

Vorweg einige Zahlen und Fakten rund um die Kuh: In ganze Indien gibt es etwa 200 Millionen Kühe sowie 100 Millionen Wasserbüffel (Deutschland zum Vergleich: ca. 12 Mio.). Die meisten der 29 Bundesstaaten beschränken oder verbieten die Schlachtung von Rindern, Ausnahmen sind Staaten wie Kerala oder Nagaland.

Der umsatzstärkste Wirtschaftszweig ist zweifelsohne die Herstellung von Milchprodukten (Trinkmilch, Joghurt, Käse): Jährlich werden ca. 60 Mrd. US-Dollar umgesetzt, die Wachstumsdynamik liegt bei 15% pro Jahr. Mit der Milchproduktion kann ein Kuhbesitzer 400 bis 1100 Rupien (ca. 5,30 bis 14,70 Euro, Umrechnungsstichtag: 31. August 2016) pro Tag Umsatz machen. Fütterungskosten liegen bei rund 20 Rupien. Soweit zu den konventionellen Geschäftsmodellen.

Andere Geschäftsmodelle fußen darauf, dass für etwa Dreiviertel der indischen Bevölkerung die Kuh heilig ist. So ist es üblich, dass Kuhhalter von gläubigen Passanten für ihre Kuh eine Opfergabe erbitten, insbesondere vor Tempeln. Ein guter Platz vor dem Tempel kann gut und gerne 500 Rupien am Tag einbringen. Allein in Mumbai gibt es ca. 4000 Kuhhalter. Bisweilen werden Kühe auch geschmückt durch die Wohnviertel geführt, wo der Kuhhalter mit dem Trompeten eines Horns lautstark zu Spenden aufruft.

Immer wieder stößt man in den Medien auch auf Aktivitäten sogenannter Kuhschützer (cow protectors). So gibt es beispielsweise Gnadehöfe für alte Tiere, die über Spenden oder Stiftungen finanziert werden. Eine radikalere Form von Kuhschutz sind Angriffe gegen diejenigen, die (vermeintlich) Kühe misshandeln oder töten (cow vigilantes). Und im nordindischen Bundesstaat Punjab wurde von der Zeitung Indian Express kürzlich aufgedeckt, dass Kuhbesitzer beim Transport von Kühen regelrecht Schutzgeld zahlen müssen (200 Rupien pro Kuh).

Die Sorge um das Wohlergehen der Kühe in Indien hat zweifellos seine Berechtigung; Tierschutzorganisationen weisen regelmäßig auf widrige Lebensbedingungen der Tiere hin, vergleiche beispielsweise den Artikel Indiens Kühe – heilig und gequält. Hier besteht Handlungsbedarf, wenn auch nicht in der brutalen und fanatischen Weise der cow vigilantes. In einer Hinsicht gibt es Anlass zu Optimismus für Tierschützer: Der Fleischkonsum in Indien als Pro-Kopf-Verbrauch zählt zu den niedrigsten weltweit.

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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