Der Neembaum in Indien: Umkämpfte biologische Schatzkiste

Wirtschaft

Franz Zang - Gast AutorGeschrieben von:

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Wenn ein Baum aus Indien unter Europäern einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat, dann ist es der Neembaum oder auch Niembaum. Er ist nicht nur ein Beipiel dafür, welche Schätze die Natur bereithält, er steht außerdem symbolisch für den Kampf gegen jede Form von Biopiraterie und Saatgut-Patente.

Der Neembaum in Indien: Die Inhaltsstoffe und die ihre Verwendung

Zahlreiche Produkte für Körperpflege oder Insektenschutz enthalten Stoffe des Niembaumes, auch pures Nimöl wird für viele Zwecke eingesetzt. Die Palette der Anwendungen reicht von nimölhaltiger Zahnpasta über Hautpflegeprodukte, von Mitteln zur Bekämpfung der Hausstaubmilbe in Matratzen bis zur Verwendung gegen den Ungezieferbefall bei Haustieren . Die erfolgreiche Entschlüsselung des vollständigen Genoms durch Gentechniker aus Indien wird sicherlich noch weitere Einsatzgebiete mit sich bringen. Bislang ist keine andere Pflanze bekannt, die so viele nutzbringende Stoffe produziert wie der Niembaum. [1] .

Der Niembaum ist ein schnellwachsender, (meist) immergrüner Baum, der vor allem in trockenen Gegenden Indiens vorkommt. Unter günstigen Bedingungen erreicht er eine Höhe von bis zu 40 Metern und kann bis zu 200 Jahre alt werden. Die weißen und wohlriechenden Blüten sind fünf bis sechs Millimeter lang, ihre Form erinnert ein bisschen an unseren Flieder. Die unbehaarte Frucht ist eine olivenähnliche Steinfrucht, die oval bis kugelförmig sein kann. Hieraus wird das Öl gewonnen. Bereits nach vier Jahren trägt ein Niembaum erstmals und nach zehn Jahren liefert er 40 bis 50 Kilogramm Früchte.

Obwohl der Baum seit Jahrzehnten untersucht wird, sind viele seiner Wirkstoffe noch nicht vollständig erforscht. Niem enthält über 100 verschiedene chemische Inhaltsstoffe, die sich je nach Vorkommen im Stamm, der Rinde, den Blättern und Früchten unterschiedlich zusammensetzen. Ein besonders wichtiger Inhaltsstoff ist das als Insektizid wirkende Azadirachtin. Es wird aus dem Niemöl gewonnen, welches man aus den Samen presst. Weitere wichtige Inhaltsstoffe sind Salannin, Meliantriol Nimbin und Nimbidin. [2]. So verwundert es auch nicht, dass Niem in der traditionellen Ayurveda-Heilkunde eine Schlüsselrolle spielt. Bereits in jahrtausendealten Sanskrit-Schriften wird der Niembaum aufgrund seiner vielfältigen Inhaltsstoffe als ein Geschenk des Himmels bezeichnet. [3]

Der Neembaum in Indien: Beispiel für Biopiraterie

Bekannt wurde die politische Bedeutung des Niembaums am Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Es ging dabei darum, die Rechte zur Nutzung der Inhaltsstoffe von den großen Pharmakonzernen zurückzuerobern. Eng verbunden mit diesem Kampf ist der Name von Vandana Shiva aus Indien (vgl. Bild), die alle Versuche, das Naturerbe ihres Volkes zu privatisieren, als kriminell anprangerte: Im Jahr 1991 hatten die US-amerikanische Firma W.R. Grace und das US-Landwirtschaftsministerium ein Patent auf ein Verfahren zur Herstellung eines Fungizides aus dem Öl des Neem-Samens beantragt, 1994 hatte die Firma dann das Patent beim Europäischen Patentamt unter der Nummer EP 436257 erhalten. [4]

Der Kampf gegen diese Praktik zeitigte im Mai 2000 Erfolg: Erstmals hat dabei das Europäische Patentamt einen Fall von Biopiraterie zu Ungunsten der Patentnehmer abgeschlossen: Die Beweise, dass Neem-Öl seit Jahrhunderten gegen Pilze in Indien eingesetzt wird und das Verfahren zu seiner Herstellung nicht von der Firma W.R. Grace erfunden worden sein kann, waren zu offensichtlich: „Ich bin mit Neem aufgewachsen – wir haben Neem immer im Haushalt eingesetzt und wussten um die Wirkungen der Pflanze. Dann kam die Firma Grace und behauptet, sie habe erfunden, was meine Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und alle anderen Frauen in Indien Tag für Tag seit Jahrhunderten benutzen, das Öl aus der Neem-Pflanze“ [4] , erklärt Vandana Shiva. Dass nun auch das europäische Patentamt eingesehen hat, dass W.R. Grace nicht erfunden hat, was Millionen von Menschen aus Indien seit Menschengedenken alltäglich verwenden, lässt hoffen, dass dies die Beurteilung anderer Patentansprüche auf Neem beeinflusst.

Der Neem-Baum wurde so zum Symbol des erfolgreiches Kampfes gegen die Konzerne, die ganze Völker enteignen wollen, um deren Natuschätze und deren Wissen um die Wirkungen für ihren Profit nutzen wollen. Das Thema Saatgut-Patente ist inzwischen zu einem riesigen weltweiten Thema geworden, da der Zugang von Züchtern und Landwirten auf Saatgut damit unmöglich gemacht würde.


[1] ”Indian scientists sequence neem tree genome”, Jayashankar Menon, 2011, in: www.smehorizon.sulekha.com, http://smehorizon.sulekha.com/indian-scientists-sequence-neem-tree-genome_pharmaceutical-viewsitem_5174 [Seitenabruf am 20.03.2014] [2] ”Niembaum“, in: Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Niembaum [Seitenabruf am 19.03. 2014] [3] ”Niem (Neem)”, in: www.niemhandel.de, http://niem-handel.de/Rohstoff-Infos/ (19. 3. 2014)
[4] “Ein Stück Rechtsgeschichte: Entscheidung gegen Biopiraterie“, Andrea Reiche, Mai 2005, in: Webseite des Umweltinstituts München e.V., http://umweltinstitut.org/gentechnik/patentierung/erfolg-gegen-biopiraterie-europaisches- patentamt-widerruft-endgultig-patent-auf-neem-ol-204.html [Seitenabruf am 20.03.2014]

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Franz Zang - Gast Autor

Franz Zang - Gast Autor

ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und setzt sich insbesondere mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung auseinander.

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