Die Energieversorgung in Indien: Konventionelle und Erneuerbare Energien

Wirtschaft

Franz Zang - Gast AutorGeschrieben von:

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Man braucht nicht lange, um als Tourist / Besucher in Indien direkte Erfahrungen mit der Stromversorgung zu machen: Unübersehbar stehen in vielen (vor allem kleineren) Städten Diesel-betriebene Notstromgeneratoren vor den Geschäften. Sie springen an, wenn das Netz ausfällt, besonders häufig in den Sommermonaten, wenn Ventilatoren und Klimaanlagen angeschaltet werden. Wozu braucht Indien denn Generatoren, hier gibt’s doch Sonnenenergie im Überfluss? – so eine häufige Frage von Besuchern in Indien. Gute Frage. Oder anders formuliert: Wie schaut eigentlich die Stromversorgung in Indien aus?

Autorenprofil: Franz Zang ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz (Bad Kissingen) in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und durch viele Kontakte mit der Bevölkerung die Situation vor Ort kennengelernt.

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Die Energieversorgung in Indien: Ein Blick auf die aktuelle Situation

Ein Artikel in The Times of Indiaführt auf eine erste Spur: “India can depend on Canada as a reliable supplier of liquified natural gas (LNG) for decades to come”meldet die Zeitung im Oktober 2012 [1].Und weiter heißt es in einer Reutersmeldung “India’s future lies in liquified natural gas“[2], aber wohlgemerkt nicht auf Gas aus Indien, sondern u. a. auch auf Gas aus den USA. Diese Abhängigkeit von Importen beschränkt sich jedoch nicht auf Gas alleine: Kohle ist gegenwärtig die wichtigste Energiequelle Indiens, und obwohl Indien selbst Kohle fördert, wachsen die Importe von Kohle ständig an. So wurden laut Sourcewatch im Jahr 2010 mehr als 100 Mio. Tonnen Kohle eingeführt [3]. Die hohe Importabhängigkeit bei Energieträgern gilt auch für Rohöl, das primär für den Verkehr genutzt wird, bei Notstromgeneratoren aber auch für die Stromversorgung eine Rolle spielt. Hier gilt: Lediglich 25% des benötigten Rohöls kommen aus Indien [4].

Die Abhängigkeit Indiens von Uranimporten für die Atomkraftwerke des Landes ist augenfällig und offenbar kein Hindernis, weiterhin auf Atomnergie zu setzen und neue Atomkraftwerke zu bauen. Bis 2016 sollen noch 6 weitere Atomkraftwerke ans Netz gehen. Laut World Nuclear Association (Stand März 2014) hat die Regierung das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2050 25% seines Stroms aus Atomenergie zu generieren [5].

Im November 2010 erklärte der damals amtierende Premierminister Manmohan Singh (2004 – 2014), dass Indien inzwischen schon 40% seines Öls importiere (Importanteil vom Stand 2010). Um das weitere Wachstum des Landes zu sichern, werde die Nachfrage nach Öl, Kohle und Gas in den nächsten Jahren um mehr als 40% steigen. Dabei, so Singh, konkurriere Indien auf dem Weltmarkt vor allem mit China [6]. Gleichzeitig scheint immer wieder die Problematik der Finanzierung dieses Energiekonzepts durch.

Dieser kurze Überblick führt die Sorge der indischen Regierung um eine sichere zukünftige Energieversorgen sehr plastisch vor Augen. Als Besucher aus Deutschland, umfänglich informiert durch eine öffentlich geführte Diskussion um Energieversorgung und Klimawandel, ist man verblüfft. Nach der Katastrophe von Fukushima und den ernüchternden Erfahrungen etwa mit dem Bau des finnischen Kernreaktors Olkiluotoen 3, dessen Fertigstellung sich immer weiter verzögert und der sich auch finanziell als Fass ohne Boden erweist, ist vor allem die Atompolitik Indiens kaum nachvollziehbar [7]. In der heftig geführten Diskussion um die Energiewende in Deutschland kommen außerdem zunehmend neue Fakten zu Tage, die den tatsächlichen Preis für Atom- und Kohlestrom immer höher beziffern. So veranschlagt etwa eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie vom Februar 2014 die versteckten Kosten per KWh bei Atomstrom auf 11 Ct und bei Steinkohle sogar auf 13,4 Ct [8].

Die Energieversorgung in Indien: Sachstand und Herausforderungen

Die Planungskommision für die Energieversorgung in Indien gab Ende 2013 bekannt, dass rund 600 Mio. Menschen in Indien keinen Zugang zu Elektrizität haben und etwa 700 Mio. vor allem Biomasse als hauptsächliche Energiequelle nutzen. Ziel solle die sichere Versorgung aller sein, da die Planungskommision dies als notwendigen Beitrag zur Förderung und Entwicklung der menschlichen Ressourcen ansieht [9]. Zwar kommt die IEA (International Energy Agency) auf etwas andere Zahlen, nach ihren Angaben haben (nur) 25% der Inder keinen Zugang zu elektrischer Energie, die absoluten Zahlen sind aber auch in dem Fall überwältigend [4]. Die Frage ist, wie die zukünftige Versorgung gestaltet werden soll.

Der Anstieg der Energiekosten in den vergangenen Jahren ist enorm. So hat sich der Preis für Diesel allein von 2002 bis 2013 um über 300% erhöht: Von weniger als 20 Rupien auf über 60 Rupien[10]. Das Tarifsystem für Strom gleicht einer Dschungellandschaft mit unterschiedlichen Subventionen und Tarifen. Überhaupt ist die Subvention von Energie, vor allem von Gas, ein Thema, das als Hindernis auf dem Weg in eine zukunftsfähige Energieversorgung gesehen wird.

Eine weitere Herausforderung stellt der Netzausbau dar, viele ländliche Gebiete des Landes sind überhaupt nicht ans Netz angeschlossen, die Finanzierung des notwendigen Ausbaus ist demnach kaum vorstellbar. Deshalb werden in Zukunftsszenarien immer auch Off-grid-Lösungen diskutiert, ein Weg, der insbesondere auch vom Ministerium für Erneuerbare Energien gesehen wird. Auf diese Weise könnte etwa der Einsatz von Diesel für die Stromversorgung deutlich reduziert werden [11]. Tatsächlich gibt es in Indien ein Ministry of New and Renewable Energy, wohl eine Einmaligkeit weltweit und vielleicht ein Zeichen für den Stellenwert der Thematik.

Die Energieversorgung in Indien: Sonnenenergie in Indien

Während in Deutschland der höchste Energiebedarf dann anfällt, wenn die Sonne nicht scheint, ist in Indien gerade das Gegenteil der Fall: Der Strombedarf für Klimaanlagen fällt zusammen mit der Zeit des höchsten Stromangebots. Noch ein weiterer Vorteil ist im Vergleich zu Deutschland erkennbar: Es sind die sonnenarmen Wintermonate, die in Deutschland die Energiewende so umstritten und deshalb die Speicherung von Energie so dringlich machen. Das ist in Indien nicht der Fall, denn hier liefert die Sonne im Jahresverlauf einen viel ausgeglicheneren Energiebeitrag. Lediglich in den Monsunmonaten Juli und August sinkt das Angebot vor allem an der Westküste deutlich, vergleiche hierzu den nachfolgenden Sonnenatlas [12].

Insgesamt beträgt das durchschnittliche Energieangebot in Indien etwa 5-6 kWh/m2, im Vergleich dazu Deutschland: Deutlich unter 3 kWh/m2. Das sonnenreiche Südbayern gehört mit 1.300 kWh pro Jahr und Quadratmeter zu den ertragreichsten Gebieten; zu den ertragreichsten Gebieten Indiens zählt beispielsweise Rajastan, wo der Ertrag deutlich über 2.000kWh pro Jahr und Quadratmeterliegt [13] (Vgl. Karte).

Der aktuelle der Stand der installierten Leistung für Solarstrom beträgt in Indien laut Angaben des Ministeriums für Erneuerbare Energien Anfang des Jahres 2014 etwas mehr als 2.000 MW[14]. Im Vergleich dazu: Für Deutschland gibt das Fraunhofer-Institut für den Februar 2014 mehr als 36.000 MW an, das sind etwa achtzehnmal mehr als in Indien[15]. Diese Zahlen macht das immense Potential für Sonnenstrom für das etwa elfmal größere Indien deutlich.

Die Energieversorgung in Indien: Andere Erneuerbare Energien

Zwar sind in Indien bis Januar 2014 etwa 20.000 MW Windenergie installiert, aber auch hier macht der Vergleich zu Deutschland mit inzwischen mehr als 32.000 MW und die große Anzahl windhöffiger Gebiete in Indien das große Potenzial deutlich [11,12,16].

Die Abschätzung für die Biomasse ist etwas komplizierter, die bisher installierte Leistung für Biogasanlagen mit etwas mehr als1.000 MW ist jedoch gemessen an der Vielzahl von Quellen (Dung, Abfälle aus Landwirtschaft …) äußerst gering[11]. Die Wahrnehmung der vielen Quellen scheint aus deutscher Perspektive nur wenig entwickelt, denn das morgendliche Verbrennen z. B. von Laub selbst in großen Städten und das Abbrennen von abgeernteten Feldern ist eine gängige Praxis.Neben der Erzeugung von Energie werden für Biomasseprojekte viele positive Folgen wie etwa die Schaffung von Arbeitsplätzen und sozioökonomische Faktoren wie sauberes Trinkwasser und die Verhinderung von Abholzungen hervorgehoben [17].


[1] “Liquified natural gas: Canada assures India of stable supply”, 9. Okober 2012, in: www.indiatoday.indiatoday.in, http://indiatoday.intoday.in/story/liquified-natural-gas-canada-assures-india/1/224014.html (Seitenabruf 21. 3. 2014)
[2] ”India’s future lies in liquified natural gas”, Reuters, 2. April 2014, in: www.deccanherald.com, http://www.deccanherald.com/content/164939/indias-future-lies-liquified-natural.html (Seitenabruf 2. 4. 2014)
[3] “India and coal”, in: www.sourcewatch.org, http://www.sourcewatch.org/index.php?title=India_and_coal#Coal_Reserves(Seitenabruf 25. 3. 2014)
[4] „Energy profile in India“, The Enzyclopedia OF EARTH, Energy Information administration, Langdon D. Clough, 2. April 2013, in: www.eoearth.org, http://www.eoearth.org/view/article/152500/
[5] “Nucear Power in India”, 19. März 2014, in: www.world-nuclear.org, http://www.world-nuclear.org/info/Country-Profiles/Countries-G-N/India/(Seitenabruf 24. 3. 2014)
[6]”India predicts 40% leap in demand for fossil fuels”, PennyMacRae, 1. November 2010, in: phys.org, http://phys.org/news/2010-11-india-demand-fossil-fuels.html (Seitenabruf 25. 3. 2014)
[7] “More Trouble at Olkiluoto Nuclear Plant”, Prof Peter Saunders, 5. März 2014, in: www.i-sis.org, http://www.i-sis.org.uk/More_trouble_at_Olkiluoto_Nuclear_Plant.php(Seitenabruf 24. 3. 2014)
[8] „Kosten und Nutzen der Energiewende“, FORUM ÖKOLOGISCH-SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT, Februar 2014, in: www.greenpeace-energy.de, http://www.greenpeace-energy.de/fileadmin/gfx/pressemeldungen/Factsheet_Versteckte_Kosten_Februar_2014.pdf (Seitenabruf 25. 3. 2014)
[9] “Power andEnergy”, November 2013, in: www.planningcommission.nic.in, http://planningcommission.nic.in/sectors/index.php?sectors=energy (Seitenabruf 2. 4. 2014)
[10] “Business Intelligence Report on Replacing Diesel with Solar“, EAI, Januar 2014, in: www.eai.in, http://www.eai.in/ref/reports/captive_power (Seitenabruf 2. 4. 2014)
[11] “Off-Grid Power”, Ministry of New and Renewable Energy, in: www.mnre.gov.in, http://www.mnre.gov.in/schemes/offgrid/ (Seitenabruf 2. 4. 2014)
[12] “India Solar Resource Maps”, Ministry of New and Renewable Energy, in: www.mnre.gov.in, http://mnre.gov.in/sec/solar-assmnt.htm(Seitenabruf 24. 3. 2014)
[13] “Solarenergieatlas.de Deutschland“, in: unsere.de, http://unsere.de/solaratlasdeutschland.htm(Seitenabruf 25. 3. 2014)
[14] “Physical Progress (Achievements)”, Ministry of New and Renewable Energy, in: www.mnre.gov.in, http://www.mnre.gov.in/mission-and-vision-2/achievements/ (Seitenabruf 2. 4. 2014)
[15] “Stromerzeugung aus Solar- und Windenergie im Jahr 2014“, Prof. Dr. Bruno Burger, 31. März 2014, in: www.ise.fraunhofer.de, http://www.ise.fraunhofer.de/de/downloads/pdf-files/data-nivc-/stromproduktion-aus-solar-und-windenergie-2014.pdf (Seitenabruf 2. 4. 2014)
[16] „Centrefor Wind Energy Technology”, in: www.cwet.tn.nic.in, http://www.cwet.tn.nic.in/html/departments_wpdmap.html ( Seitenabruf 2. 4. 2014)
[17] „Biomass Energy for Rural India Society“, in: bioenergyindia.dar.nic.in, http://bioenergyindia.kar.nic.in/pro_benefits.htm (Seitenabruf 2. 4. 2014)

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Franz Zang - Gast Autor

Franz Zang - Gast Autor

ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und setzt sich insbesondere mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung auseinander.

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