Die heiligen Kühe Indiens – Mythos und Realität

Gesellschaft, Kultur, Politik

Franz Zang - Gast AutorGeschrieben von:

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Indien und die heiligen Kühe: Kaum eine andere Assoziation ist stärker, wenn man an Indien denkt. Und tatsächlich, Kühe sind für Besucher Indiens allgegenwärtig, sei es auf Indiens Straßen, sei es an den Stränden Goas. Umso erstaunlicher, dass Indien der weltweit größte Exporteur von Rindfleisch ist. Wie heilig ist also die heiligen Kuh in Indien?

Die heiligen Kühe Indiens: Sind in Indien Kühe wirklich heilig?

Den Hindus in Indien sind Kühe heilig. Schon der Sanskrit-Name aghnya (die Unantastbare) weist auf eine vergleichbare Tradition in frühester Zeit hin. Und wenn auch nicht alle Hindus Vegetarier sind, so ist Rindfleisch doch für die meisten tabu. Die Bedeutung der Kuh spiegelt sich gleichzeitig in der Bedeutung ihrer Produkte für verschiedene Rituale der Hindus aus: Ohne Ghee, die geklärte Butter für Opferspeisen, und ohne Milch / Joghurt als Opfergabe kann keine Puja (hinduistische religiöse Zeremonie) stattfinden. Sind mit der Bezeichnung Kuh sowohl weibliche als auch männliche Tiere gemeint, so hat doch das weibliche einen höheren Stellenwert. Der Stier ist im Übrigen als „Nandi“ das Begleittier des Gottes Shiva, darum findet man Nandi-Statuen sehr häufig am Eingang von Shiva-Tempeln [1].

In den meisten indischen Bundesstaaten ist nun das Schlachten von Kühen verboten. Und tatsächlich können die vielen Kühe auf Indiens Straßen durchaus den Eindruck vermitteln, dass Kühe in Indien vom Fleischmarkt ausgenommen sind. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. In jeder beliebigen größeren Stadt werden Sie in besseren Restaurants auf der Speisekarte Steaks und andere Rindfleischprodukte wie Burger finden. Erstaunlich aber wahr: Indien ist mit etwa 1,8 Mio. Tonnen der weltweit größte Exporteur von Rindfleisch [2]. Die Anwesenheit so vieler Kühe auf den Straßen hat einen anderen (einfachen) Grund: Viele Bauern lassen ihre Kühe frei laufen, damit sie sich von Abfällen selbst ernähren, was ja in gewisser Weise auch praktisch für die Kommunen ist.

Die heiligen Kühe Indiens: Schlachtverbote im Verlauf der Geschichte

Der Gründer des Moghul-Reiches, Muhammad Babur (1530 gest.), verfügte im 16. Jahrhundert in seinem letzten Willen als Rat für seinen Sohn Humayun, er solle die Gefühle der Hindus respektieren und deshalb das Schlachten von Kühen in seinem ganzen Reich verbieten. An dem Tag, an dem ein Herrscher diese Regel ignoriere, werde er vom indischen Volk nicht mehr akzeptiert. Seine Nachfolger, etwa der berühmte Akbar, übernahmen diese Regelung. Das änderte sich mit der Ankunft der Engländer in Indien. Robert Clive, der erste Gouverneur von Bengalen, ließ 1760 das erste Schlachthaus für Rinder erbauen. Die Schlachter waren notwendigerweise Muslime, denn Hindus waren dazu nicht zu bewegen. Diese Praxis hat offensichtlich die Moslems mit den Jahren überzeugt, dass Rindfleisch gegessen werden kann [3].

Es liest sich wie eine Wiederholung der Geschichte: In einem Artikel von The Times of India im Oktober 2012 appellieren mohammedanische Priester an ihre Glaubensgenossen, sich beim Schlachten von Kühen aus Respekt vor den religiösen Gefühlen der Hindus zurückzuhalten. Der oberste Vertreter der Moslems in Indien begründet dies mit den Worten: „Indien ist unser Land und wir sollten die Gefühle unserer hinduistischen Brüder respektieren.“ [4] Immer wieder auch präzisieren und verschärfen einzelne Staaten die Gesetze für das Schlachten von Kühen. Und zwar nicht ohne Grund, denn die Realität lässt nicht mehr viel übrig vom Mythos der heiligen Kuh. Die Tierschutzorganisation PETA schreibt in einem Bericht aus dem Jahr 2013, dass trotz der Gesetzeslage in Indien Tausende illegaler Schlachthöfe betrieben werden, in denen Christen und Muslime arbeiten.

Die heiligen Kühe Indiens: Opfer des Hungers nach Milchprodukten und Protein

Für die wirtschaftlich bedeutende Lederindustrie Indiens seien die Häute alter Kühe aus der Milchindustrie ein lukratives Geschäft. Doch noch profitabler für arme indische Bauern sei der Verkauf ihrer Kühe ins muslimische Nachbarland Bangladesch. Die Forderungen der Tierschutzorgansiation PETA nach der Einhaltung der bestehenden Tierschutzgesetze hat offensichtlich keine Wirkung. Sie kommt zum Schluss: “Doch solange sich die indische Regierung und die Bundesstaaten nicht für die Rechtsdurchsetzung einsetzen, werden weiterhin jedes Jahr Abermillionen Kühe auf dem Horrortrip von Indien nach Bangladesch Qualen leiden müssen.“ [5]

In der Tat, 4 Mio. Tonnen Rindfleisch, die jedes Jahr in Indien erzeugt werden, müssen ja irgendwo herkommen (Zum Vergleich: Die Rindfleischproduktion der gesamten EU ist Im Vergleich dazu etwa doppelt so groß.) Der Anstieg der Rindfleischproduktion Indiens in den letzten Jahren hat einen einfachen Grund: Die Nachfrage nach Milchprodukten steigt in Indien stark an – in den letzten Jahren jährlich um etwa 6 Mio. Tonnen -, und mit der Zahl der Milchkühe steigt auch die Zahl der männlichen Kälber, die für die Schlachtung zur Verfügung stehen. [6] Dies und der höhere Konsum von proteinhaltigerer Kost der schnell wachsenden Mittelklasse erhöht die Nachfrage nach Fleisch.


[1] “Heilige Kuh”, in: www.wikipedia.org, http://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Kuh [Seitenabruf 7. 4. 2014] [2] ”Livestock and Poultry: World Markets and Trade”, United States Department of Agriculture, November 2013, in: www.apps.fas.usda.gov, http://apps.fas.usda.gov/psdonline/circulars/livestock_poultry.pdf [Seitenabruf 7. 4. 2014] [3] “Why is Cow Sacred to Hindus and Indian Civilization? When and how did Cow Slaughter start in India?”, Gurudev, 28. Juni 2010, in: www.hitxp.com, http://www.hitxp.com/articles/history/origin-cattle-holy-cow-slaughterhouse-beef-conspiracy-india/ [Seitenabruf 7. 4. 2014] [4] “Refrain from cow slaughter on Eid, clerics appeal to Muslims”, 23. Oktober 2012, in: www.timesofindia.indiatimes.com, http://timesofindia.indiatimes.com/india/Refrain-from-cow-slaughter-on-Eid-clerics-appeal-to-Muslims/articleshow/16931142.cms [Seitenabruf 7. 4. 2014] [5] „Todesreise zum Schlachter“, PETA Deutschland, August 2013, in: www.peta.de, http://www.peta.de/kuhschmuggel#.U0PtYfmSxe8lten. [Seitenabruf 7. 4. 2014] [6] „Indian Meat Production and World Meat Trade“, Ross Korves, 25. Oktober 2012, in: www.truthabouttrade.org, http://www.truthabouttrade.org/2012/10/25/indian-meat-production-and-world-meat-trade/ [Seitenabruf 7. 4. 2014]

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Franz Zang - Gast Autor

Franz Zang - Gast Autor

ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und setzt sich insbesondere mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung auseinander.

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