Die Indien Kolumne: Über das Leben mit einer Maid in Indien

Die Indien Kolumne

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Wer wünscht sich das nicht: Eine Maid verwandelt den eigenen Haushalt in ein Schlaraffenland. Der Speiseplan besteht aus den eigenen Leibgerichten, lästige Hausarbeiten entfallen ebenso wie Streitereien über die Arbeitsteilung mit dem Partner, und bei Bedarf kümmert sich dieser gute Hausgeist auch mal um die Kinder. Idealerweise werden all diese guten Werke wie von unsichtbarer Hand verrichtet. Soweit zur Theorie. Die Wirklichkeit in Indien ist natürlich viel spannender.

Grundsätzlich sollte man wissen, dass die Maid im indischen Mittelstand selbstverständlich ist. Die Arbeitsmodelle sind vielfältig: In manchen Fällen kommt die Maid nur stundenweise zum Putzen, in anderen wiederum lebt sie mit der Familie im Haus. Wir Deutsche mit einer Do-It-Yourself-Mentalität finden den Gedanken einer Maid zunächst befremdlich, mir ging es da nicht anders. Aber während des Aufbaus eines IT Entwicklungszentrums für das Softwarehaus Categis GmbH wollten meine Frau und ich nach langen Arbeitstagen irgendwann den Abend nicht mehr mit Abspülen und Saubermachen verbringen. Eine Maid musste her. In den meisten Großstädten Indiens gibt es dafür diverse Vermittlungsagenturen, unsere erste Maid wiederum kam aus dem Netzwerk meiner Frau. Ihr Name: Suguna [*Namen von der Redaktion geändert].

Suguna konnte toll kochen, jeden Abend habe ich mich riesig auf das Essen gefreut; mit viel Geduld hat meine Frau das Repertoire sogar um einige westliche Gerichte erweitert. Unsere Haushälterin war zudem eine echte Multitaskerin: Einkaufen, Kochen, Waschen, Putzen. Tatsächlich ist das keine Selbstverständlichkeit in Indien. In nicht wenigen Fällen übernimmt eine Maid nur das Kochen, schon das Gemüseschneiden fällt in die Zuständigkeit einer zweiten Haushaltshilfe; für das Putzen wiederum ist eine weitere Person zuständig, im schlimmsten Fall muss für die Toilettenreinigung jemand extra kommen. So ein Haushalt ist ein Spiegelbild der indischen Gesellschaft: Alles ist streng hierarchisch organisiert (Stichpunkt Kastenwesen), die Zuständigkeitsbereiche scharf voneinander abgegrenzt.

Suguna ist leider nach eineinhalb Jahren weggezogen; die Tochter im Teenageralter hatte eine Affäre mit einem Jungen aus der Nachbarschaft (Nota Bene: keine Schwangerschaft), der Ruf in den sehr traditionellen Kreisen unserer Maid war ruiniert, da half nur eine Radikalkur. Als nächstes kam Ammu. Auch sie konnte fantastisch kochen. Auch sie war Multi-Tasking-fähig. Das Wäschewaschen mussten wir ihr allerdings irgendwann verbieten, da Putzlappen zusammen mit Unterhosen in der Wäschetrommel landeten und Kleidungsstücke unter Ammu’s Regie regelmäßig die Farbmuster wechselten. Im Verlauf meiner Ko-Existenz mit unseren Maids habe ich im Übrigen sehr viel Verständnis für meine Großmutter entwickelt, die immerzu schimpfte, sie müsse ihren Putzfrauen (asiatischer Herkunft) jedes Mal beibringen, wie ordentlich geputzt werde: Nicht zu nass wischen, in den Ecken saubermachen undsoweiter. Ein Crash-Kurs in der hohen Kunst deutscher Reinlichkeit wäre auch für Ammu eine gute Investition.

Der Verdienst einer Maid liegt in einer Stadt wie Gurgaon (bei Delhi) bei ca. 6.000 Rupien (80 Euro, Umrechnungsstichtag 31. August 2016) pro Monat für 10 Stunden täglich, in anderen Fällen erhält eine Maid bereits 3.000 Rupien monatlich (40 Euro) für ein bis zwei Stunden Putzen pro Tag. Eine Amerikanerin wiederum zahlte ihrer Englisch-sprachigen Haushaltshilfe – mit Quiche und Apfelkuchen im Repertoire – mehr als 14.000 Rupien (190 Euro); Ausländer haben im Markt für Haushaltshilfen eindeutig eine preistreibende Wirkung.

Was Expats hierbei niemals vergessen sollten: Ein Expat wird von einer Maid (und von der indischen Nachbarschaft im Allgemeinen) als reich wahrgenommen – ganz egal wie üppig oder mickrig das Gehalt tatsächlich ausfällt. Jeder Expat-Arbeitgeber wird darum früher oder später wie selbstverständlich nach einem Darlehen gefragt oder um einen Beitrag zur Finanzierung einer Operation in der Großfamilie. Meine Frau und ich finanzieren beispielsweise die Ausbildung der Kinder unserer Maid. In diesem Spannungsfeld von Reich und Arm kommt es in Einzelfällen leider auch zu Diebstahl, wenn die Versuchung zu groß wird: Geld weg, Schmuck weg. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Diese Kolumne ist Ammu und Suguna gewidmet, zwei exzellenten Köchinnen, die meine Begeisterung für die indische Küche stets aufs Neue entfachen konnten.

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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