Die Indien Kolumne: Über den Export deutscher Arbeitsethik nach Indien

Die Indien Kolumne

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Wenn deutsche Firmen nach Indien kommen, dann entstehen Enklaven deutscher Arbeitstugenden; hier herrscht Qualitätsbewusstsein, Prozesseffizienz, Verantwortungsbewusstsein. Ist das Neo-Kolonialismus im 21ten Jahrhundert oder Teil eines fairen Deals, in dem Ausbildung gegen günstige Arbeitskräfte getauscht werden?

Ich habe fast sechs Jahre in Indien (genauer: Bangalore) gelebt. Auf meinem täglichen Fußweg zur Arbeit: Bürgersteige unterbrochen von gähnenden Löchern, wo Betonplatten über dem Abwasserkanal eingebrochen sind; schwelende Haufen von Müll und Blätterwerk; Sturzbäche auf Straßen bei starken Regenfällen; Straßenhunde; und natürlich Kühe. Im klimatisierten Büro schließlich eine konzentrierte Atmosphäre unter den Softwareentwicklern, unterbrochen nur vom Austausch zwischen Kollegen oder den verlässlich getakteten Teepausen. Frauen kommen im Saree, Churidar oder Jeans. Die Familie hat bei allen MitarbeiterInnen Priorität, die Firma stellt sich darauf ein. Ganzjähriges Training für die Mitarbeiter. Keine Spur von Neo-Kolonialismus, dafür Mitarbeiter mit steiler Lernkurve.

Qualität ist keine deutsche Erfindung, dazu genügt ein Blick auf die feinen Marmorarbeiten am Taj Mahal aus dem 17ten Jahrhundert. Effizienz wiederum ist eine Frage des Trainings und der Ausbildung: In dem Business Ratgeber ”Riding the Tiger” von Roland Berger wird darauf verwiesen, dass Ingenieure im indischen Forschungs- und Entwicklungszentrum von Robert Bosch 85% der Effizienz deutscher Ingenieure erreichen, mithilfe von Trainingsprogrammen und länderübergreifendem Austausch. Angesichts der Schwächen im indischen Bildungssystem ist dies bemerkenswert. Über 12.000 Ingenieure arbeiten dort, es ist die größte Forschungseinrichtung außerhalb Deutschlands.

12.000 Ingenieure! Dies gibt eine Vorstellung vom Talentpool in Indien, im gleichen Kontext dürfen Persönlichkeiten wie Sundar Pichai (Google Chef) und Satya Nadella (Microsoft Chef) nicht unerwähnt bleiben. Der Deal „Ausbildung gegen günstige Arbeitskräfte“ funktioniert also (Nota Bene: Nadella und Pichai dürften so günstig nicht mehr sein). Was so einfach klingt, bleibt für deutsche Unternehmen trotzdem eine Herausforderung; auch für Bosch waren die Anfänge mit zahlreichen Fehlschlägen und Enttäuschungen verbunden. So einfach lässt sich die deutsche Arbeitsethik nicht exportieren. Aber es funktioniert. Bei genauerem Hinsehen haben erfolgreiche Unternehmen ähnliche Methoden angewandt.

Maruti Suzuki (Japanisch-Indisches Unternehmen in der Automobilindustrie) hat ein massives Programm für einen Kulturwandel zu Effizienz- und Qualitätsbewusstsein umgesetzt: Viele Programme waren angelehnt an Bewährtes aus den japanischen Fabriken von Suzuki mit Kürzeln wie 3G, 3K, 3M, 5S. Ergebnis: Kontinuierliche Qualitätsverbesserungen, Gewichtsreduktion der Fahrzeuge, Just-In-Time. Die Entsendung von indischen Mitarbeitern wurde zu Schulungs-/Trainingszwecken eingesetzt (vgl. heutige Praxis bei Bosch): Hunderte von indischen Mitarbeitern arbeiteten zeitweise in den japanischen Fabriken von Suzuki, um ein Verständnis für die gewünschte Qualität und Effizienz zu erhalten. Und: Mitarbeiter mussten sogar einen formellen Schwur ablegen, dass Sie keine Bauteile mit Minderqualität produzieren würden.

Bei dem Softwareentwickler Categis GmbH (URL: www.softwaretogo.de) wiederum gibt es verschiedene Trainingsangebote, ein Mentorship-Programm für alle Mitarbeiter sowie halbjährliche Appraisal Meetings und Debriefings nach jedem Projekt. Kurz: Ein engmaschiges Feedbacksystem. Pünktlichkeit bzw. Einhaltung der Kernarbeitszeiten funktioniert, seitdem mehr als drei Logins mit Verspätung pro Monat im Zeiterfassungssystem zur automatischen Anrechnung eines halben Urlaubstages führen. Non-Performer erhalten Coaching und eine faire Frist zur Verbesserung. Vor allem aber ist die steile Karriere von High Performern ein motivierendes Moment, die Belohnung für Leistung ist täglich sichtbar.

Inder haben im Übrigen eine hohe Wertschätzung für Deutschland. Die deutsche Arbeitsethik wird ganz offen bewundert. Mehr dazu in folgendem Artikel: Über das gute Image der Deutschen , nicht nur in Indien>.

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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