Die Indien Kolumne: Über die Lebensqualität für Expatriates in Indien

Die Indien Kolumne

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Wir Deutsche sind in punkto urbane Lebensqualität verwöhnt: In der weltweiten Quality of Living Studie der Beratungsfirma Mercer sind gleich drei deutsche Städte (Frankfurt, München, Düsseldorf) unter den TOP 10, und sieben Städte unter den TOP 30. Wer Lebensqualität sucht, der sollte – so scheint es – besser zu Hause bleiben.

Nimmt man allein die Mercer-Studie als Maßstab, positionieren sich indische Städte im internationalen Maßstab im unteren Mittelfeld: Pune (Platz 144), Bangalore (145), Mumbai (152), Neu-Delhi (161) – von 230 Städten. Die Studie ermittelt das Ranking mithilfe von Kriterien wie politische Stabilität, persönliche Sicherheit, medizinische Versorgung, Luftqualität, Klima oder Freizeitangebote. Hieraus ergibt sich zweifellos ein rundes Bild; der zeitraubende Verkehr, Lärm und die Allgegenwart von Müll in den meisten indischen Großstädten fließen hier bereits ein, für mich persönlich die TOP 3 Auslöser für den Indien-Koller, der hin und wieder mal kommt.

Ein Blick in die Expat-Szene von Bangalore wiederum zeigt, dass einige Deutsche Indien als langfristige Option betrachten; ich kenne einige Expats (sofern dieser Begriff noch zutreffend ist), die bereits mehr als 20 Jahre in Indien leben – und hierbei handelt es sich keineswegs um sogenannte „Aussteiger“. Das Ranking von Mercer liefert hierfür natürlich keine plausible Erklärung; hierfür muss man den Kriterienkatalog etwas erweitern. Nachfolgend ein Versuch, diese „weichen“, „subjektiven“ und “emotionalen” Kriterien einmal abzubilden.

Die Selbstwirksamkeit ist enorm hoch, da Indien ein Schwellenland ist. Dies heißt: Mit einer guten Ausbildung, Geduld und etwas Veränderungsgeist kann man hier eine hohe Veränderungsdynamik erzeugen. Denn gerade in einem Land ohne nennenswerte soziale Absicherungssysteme gilt: Sozial ist, was Arbeitsplätze schafft. Ein Beispiel: Wir haben in unserem IT Entwicklungszentrum in 2015 eine Krankenversicherung eingeführt; von unserem Personal haben 20 Mitarbeiter für die Krankenversicherung optiert, und zwar für sich selbst und für Familienmitglieder wie Partner und Eltern: Mehr als 50 Personen genießen nun Krankenversicherungsschutz. Das fühlt sich gut an.

Jeder Europäer erfährt hier zudem etwas, was gemeinhin als positive Diskriminierung bezeichnet wird: Deutsche (allgemeiner: Westeuropäer, US-Amerikaner) genießen einen hohen sozialen Status. Per se. Folgt man der These des Soziologen Tzvetan Todorov (Abenteuer des Zusammenlebens – Versuch einer allgemeinen Anthropologie, Fischer-Verlag), so ist der Wunsch nach Anerkennung Ausgangspunkt aller sozialen Handlungen, ein Kernbedürfnis des Menschen. Diese Anerkennung gibt’s für Europäer bereits als Vorschuss. Man mag auf der rationalen Ebene den impliziten Rassismus, der dieser Wertschätzung von „Weißen“ zugrunde liegt, als Liberaler im Geiste der Aufklärung kritisieren – emotional gesehen fühlt es sich gut an.

Mercer führt auch regelmäßig eine „Cost of Living“ Studie durch, insofern kann davon ausgegangen werden, dass diese Ergebnisse in die „Quality of Living“ Studie eingeflossen sind – ganz eindeutig geht dies aber aus der Beschreibung der Bewertungsmethodik nicht hervor. So oder so sollte die spürbar höhere Kaufkraft für Europäer in Indien erwähnt werden. Hauptgrund sind die niedrigen Personalkosten, gerade für unqualifizierte Arbeitskräfte. In Indien können Expats günstig Essen gehen sowie zu erschwinglichen Kosten eine Reihe von Dienstleistungen genießen: Von der Massage, Rundum-Kinderbetreuung bis hin zur Maid.

Der Vollständigkeit halber sind auch noch folgende Aspekte zu nenne, die selbsterklärend sind und darum nicht weiter erläutert werden. Die Lust auf Abenteuer. Die Suche nach Abwechslung. Karriereoptionen bzw. unternehmerische Opportunitäten in einem Land, das in vielen Branchen eine fantastische Wachstumsdynamik aufweist. Und: Wer mehrere Jahre in einer Stadt wie Bangalore oder Mumbai lebt, wird Zeitzeuge einer historischen Entwicklungsdynamik; die Städte wandeln sich geradezu in Zeitraffer. Für mich persönlich kommt noch die Begeisterung für indisches Essen dazu: So hat meine Begeisterung für Indien überhaupt erst begonnen.

Es empfiehlt sich im Übrigen unbedingt, seine Freizeitaktivitäten an der vorhandenen Infrastruktur auszurichten, statt gewohnte Routinen zu forcieren. Vergessen Sie Joggen im Park oder Biken; eine Stadt wie Bangalore bietet dafür keine Infrastruktur, der Weg ins Grüne jenseits der Stadtgrenzen ist wiederum sehr zeitintensiv. Ich habe beispielsweise das Fitness-Studio aufgegeben (schlechte Wartung der Trainingsräume im Gold’s Gym), stattdessen bin ich auf Yoga umgestiegen – das kann man überall machen. Wegen der niedrigen Kosten und des vorteilhaften Klimas bin ich zudem seit 2014 stolzer Besitzer einer Royal Enfield Thunderbird 500 und mache mit meiner Frau hin und wieder eine Motorradtour, wir genießen immer mal wieder ein luxuriöses Buffett beim Sunday Brunch und Golfen haben wir auch schon ausprobiert – zum Schnupperpreis. Diesen Artikel schreibe ich übrigens gerade von Goa aus.

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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