Die Indien Kolumne: Über Frauen in Indien

Die Indien Kolumne

Sebastian ZangGeschrieben von:

Ansichten: 963

Wenn ich jemals als Frau geboren werde, dann bitte in Dänemark. Laut einer Studie sind Frauen hier am glücklichsten – zum Beispiel dank hoher Gleichberechtigung und hoher Flexibilität bei Elternzeit. Wo ich als Frau nicht geboren werde möchte: Algerien oder Pakistan. Allen Umfragen zum Trotz lebt meine eigene Frau am liebsten in Indien (wir sind aktuell in Bangalore). Ja, sie ist Inderin, aber sie spricht perfekt Deutsch und Englisch, wir könnten also auch in Deutschland leben, oder sogar in Dänemark! Aber sie will in Indien bleiben. Denn wer etwas bewirken will, für den ist Indien ein toller Ort. Meine Frau verändert gerne etwas. Da weiß man morgens, wofür man aufsteht.

Aufmerksame Medienbeobachter haben sicherlich festgestellt, dass Indien zum Thema Frau kaum durch positive Nachrichten auffällt. Das Beste, was sich hier sagen lässt: Indiens Frauen haben den Titel „Miss World“ ganze fünf Mal gewonnen – nur Venezuela schneidet noch besser ab (6 Titel). Ansonsten ist insbesondere das ländliche Indien eine Trutzburg des Patriarchats. Wenn man das positiv formulieren möchte: Für manch Emanzipations-traumatisierten Mann aus der Einflusszone von Alice Schwarzer ist es wie eine Zeitreise in eine goldene Ära, wo die Welt noch in Ordnung ist.

Man darf sich nicht davon täuschen lassen, dass es vereinzelte Frauen in Indien bis an die Spitze der politischen Macht geschafft haben, so wie Jayalalithaa (Ministerpräsidentin in Tamil Nadu, 2011 – 2016) oder Mamata Banerjee (Ministerpräsidenten Westbengalen, seit 2011). Politik und Verwaltung sind eine unangefochtene Männerdomäne: Gerade einmal 12% der Abgeordneten in Indiens Unterhaus sind Frauen – zwar mehr als in Ungarns Parlament (10%), aber deutlich weniger als im Deutschen Bundestag (37%). Frauen machen nur 10% der Richter an Indiens höheren Gerichte aus, und nur 17% im IAS, dem Elitekorps der Bürokraten.

Die Mehrheit der weiblichen Parlamentsabgeordneten stammt übrigens aus politischen Familien, die deren Weg in die Politik geebnet haben. Es wird mit harten Bandagen gekämpft, männliche Rivalen scheuen auch nicht davor zurück, Frauen unter der Gürtellinie zu attackieren. So wurde Sonia Gandhi, Präsidenten der indischen Congress-Partei (seit 1998) absurderweise einmal beschuldigt, für einen pakistanischen Eskort-Service gearbeitet zu haben. Und ein Parteiführer im Bundesstaat Uttar Pradesh beschuldigte einst die dortige Ministerpräsidentin Mayawati (2007–2012), ihre politisches Programm „wie eine Prostituierte“ zu vermarkten. Immerhin, das kostete ihn seinen Job.

Es lässt sich nicht schönreden: Frauen haben es in Indien nicht einfach, vergleiche dazu auch meinen vielbeachteten Artikel „Frauen in Indien – Schwache Anzeichen von Emanzipation“. Differenzierung tut allerdings not. Indien ist in vielerlei Hinsicht ein Land der zwei Geschwindigkeiten: Hier die modernen Großstädte (Bangalore wurde kürzlich zur weltweit dynamischsten Stadt gekürt) – dort der ländliche Raum mit bisweilen mittelalterlichen Verhältnissen. Im urbanen Lebensumfeld sind die Freiheiten für bürgerliche Frauen der Mittelklasse stetig gewachsen. Ich selbst kenne in meinem Bekanntenkreis in Bangalore Frauen, die Motorrad fahren, die eine Bankfiliale leiten, eine Scheidung durchsetzen oder sich erfolgreich selbstständig gemacht haben.

Der Wandel ist unaufhaltsam. Beispiel Frauenquote im Parlament: Diese lag vor 50 Jahren bei nur 6%. Die Urbanisierung schreitet voran und mit ihr die Modernisierung der Lebensverhältnisse. Aber es vollzieht sich langsam, für viele zu langsam – nicht innerhalb von Jahren, sondern von Jahrzehnten (als selbstkritischer Deutscher muss ich anmerken, dass dieser Prozess auch hierzulande noch keineswegs abgeschlossen ist). Es sind Menschen wie meine Frau, die als emanzipierte Vorbilder diesen Wandel vorantreiben. Es sieht darum so aus, als ob ich noch ein wenig in Indien bleiben werde. Für die Sache der Frauen. Unter anderem.

Alternativer Schluss (für alle demokratischen LeserInnen, die sich über Wahlfreiheit freuen): Im Rahmen meiner Recherche für diese Kolumne habe ich herausgefunden, dass neben dem Wohnort das Glück der Frau sehr maßgeblich vom Partner abhängt. Der ideale Partner – so zu lesen in der Zeitschrift GLAMOUR – „… kümmert sich um dich, liebt dich, sagt dir jeden Tag wie schön du bist, zeigt sich stolz mit dir an seiner Seite, behandelt dich wie eine Königin und betrügt dich niemals“. Ach, wie schön könnte das Leben sein! Was ich außerdem herausgefunden habe: Meine Frau lebt auch deshalb gerne in Indien, weil hier keine Hausarbeit anfällt. Wie auch die indische Mittelklasse können wir uns in Bangalore eine Maid leisten.

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

Mehr Beiträge - Webseite