Erfolgsfaktor Kommunikation

Wirtschaft

Ilja DekeyserGeschrieben von:

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Es kommt immer wieder vor, dass bei fehlgelaufenen Projekten mit Indien ‚mangelhafte Kommunikation‘ als tragender Grund des Scheiterns angegeben wird. Unterschiede im Kommunikationsverhalten führen zwischen indischen und deutschen Geschäftspartnern in vielen Fällen zu Missverständnissen und unüberbrückbaren Problemen. In diesem Artikel versuche ich einige Ursachen, die diesen Missverständnissen zu Grunde liegen, zu beleuchten.

Wo in nationalen Projekten noch hauptsächlich auf die durch die interdisziplinäre Zusammenstellung der Projektteams entstandene Komplexität zu achten ist, sind bei Projekten mit indisch-deutschen Projektteams oder bei der Zusammenarbeit mit einem indischen Serviceprovider neben anderen Faktoren zusätzlich auch die kulturbezogenen Unterschiede auf der Ebene des Kommunikationsverhalten zu beachten. Ein Faktor, der bei einer indischen-deutschen Zusammenarbeit oft grob unterschätzt wird, ist der Faktor Sprache.

In praktisch allen Fällen wird Englisch als Kommunikationssprache gewählt. Hierbei wird jedoch nicht beachtet, dass Englisch für beide Parteien in den meisten Fällen (die Bevölkerungsgruppe der Anglo-Inder bildet hier z.B. eine Ausnahme) nicht die Muttersprache ist. Menschen neigen, bei der Kommunikation in einer Fremdsprache, häufig dazu eigene kulturell geprägte Verhaltensformen beizubehalten. Diese können dann z.B. im Englischen anders interpretiert werden. Ein Aspekt, der zu bedeutenden Missverständnissen führen kann.

Selbst wenn Englisch neben den verschiedenen Regionalsprachen als Amtssprache gilt und von den meisten Indern, die man im Geschäftsleben begegnet, gesprochen wird, ist es äußerst empfehlenswert auch Hindi oder sogar die entsprechende Regionalsprache zu lernen. Kenntnisse einer indischen Sprache werden von den indischen Geschäftspartnern außerordentlich geschätzt und erzeugen sehr großen Respekt. Kenntnisse einer indischen Sprache sind außerdem sehr hilfreich, um auch den Kontakt zu Indern außerhalb des Geschäftsleben und der gebildeten und durchgehend Englisch sprechenden Mittelschicht aufzubauen. Ein Aspekt, der aus meiner Sicht immer noch eine Grundvoraussetzung ist, um Indien und die indische Kultur tiefergehend zu verstehen.

Im Zusammenhang mit der Sprache ist an dieser Stelle auch das unterschiedliche Kommunikationsverhalten zu erwähnen. Kommunikation ist in den meisten Kulturen von ihren Werten abhängig. Diese auf Werten basierenden Unterschiede zwischen Kulturen sind auch in den Kommunikationsweisen und –Strategien wahrzunehmen und somit auch bei indisch-deutschen Kooperationen zu beachten. So pflegt man im deutschen Kulturraum einen sehr direkten Umgangston, während im indischen Kulturraum der harmonische Umgang mit den Mitmenschen und dem sozialen Umfeld betont wird und dadurch – ähnlich wie im angelsächsischen Kulturraum – weniger direkt und eher diplomatisch miteinander kommuniziert wird. Im indischen Kulturraum wird es weitgehend vermieden, negative Botschaften und Mitteillungen zu übertragen. ‚Nein‘ wird quasi nicht verwendet und ein ‚Ja‘ ist auch nicht unbedingt als eine Zustimmung zu interpretieren. Durch diese indirekte Art der Kommunikation in Indien, hat man auch eine eher unpersönliche Einstellung zu Fehlern und Problemen. Ein Klassiker ist dann auch die in Indien oft verwendete Redewendung ‚no problem‘, die nicht wirklich zwingend aussagt, dass es kein Problem gibt.

Im Umgang mit dem indischen Geschäftspartner soll es dann auch – im Gegensatz zu wie es im deutschen Kulturraum üblich ist – möglichst vermieden werden, Kritik oder Bedenken auf zu direkte Art zu äußern. Eher sollte man durch positive Aspekte zu erwähnen, einsteigen und dann Vorschläge machen, wie etwas anders gemacht werden könnte ohne die Kritik an sich zu direkt geäußert zu haben.

Auch die Unterschiede bzgl. der Kontextorientierung sind bei der Zusammenarbeit mit Indien zu beachten. Wo das Kommunikationsverhalten in Deutschland ein ausgeprägtes Beispiel einer „low context“-Kultur ist, ist es in Indien ein ausgeprägtes Beispiel einer „high context“ – Kultur. Der indische Empfänger einer – aus deutscher Sicht – eindeutigen Nachricht wird diese in seinem Kulturverständnis nicht unbedingt als solche erfahren und einordnen. Die Eindeutigkeit, das richtige Verständnis und vor allem die Wichtigkeit der Nachricht sind oft durch Wiederholung, Bestätigung und der persönlichen Erläuterung der Information zu erzeugen. Aus deutscher Sicht werden die aus Indien erhaltenen Informationen dann meistens als nicht ausreichend präzise erfahren und eingestuft. Auch an dieser Stelle ist es ein nicht zu unterschätzender Faktor, dass die Problematik der Kommunikation zwischen einer „low-context“ und einer „high-context“-Kultur nochmal durch die Verwendung einer Lingua Franca – Englisch – intensiviert wird.

Auch ist bezüglich der Kommunikation die – aus indischer Sicht – Wichtigkeit der menschlichen Beziehung zu betonen. Mitteilungen wobei der beziehungsorientierte Faktor fehlt, werden in sehr vielen Fällen ignoriert oder mit sehr niedriger Priorität bearbeitet. Die Kommunikation mit dem indischen Geschäftspartner sollte man dann auch möglichst weitgehend über feste Ansprechpartner verlaufen lassen. Ein rein ‚professionelles‘ – eher distanziertes – Kommunikationsverhalten, wie es bei Geschäftsbeziehungen im deutschen Kulturraum eher üblich ist, führt beim indischen Geschäftspartner aufgrund seiner Beziehungsorientiertheit fast unvermeidlich zu einer gestörten Kommunikation.
Selbstverständlich gibt es neben den kommunikationsbezogenen Faktoren noch weitere wichtige kulturbedingte Faktoren, die zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit führen. Eine gute Kommunikation ist jedoch sicherlich schon mal ein großer und wichtiger Schritt auf dem Weg dorthin.

Ilja Dekeyser

Ilja Dekeyser

Ilja Dekeyser ist beruflich als IT Manager im Bereich SAP Business Warehouse tätig. In seiner Freizeit beschäftigt er sich als Indologe auch weiterhin intensiv mit Themen rundum Indien. Neben den wirtschaftlichen und soziologischen Themengebieten interessieren ihn auch die eher traditionelleren Bereiche wie Philosophie, Religion, Geschichte und Sprach- und Literaturwissenschaft.

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