IT Industrie: Was macht Indien so attraktiv?

IT Offshoring

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Die indische IT & BPO Industrie erreicht für das Geschäftsjahr 2012 ein Umsatzvolumen von 100 Mrd. Dollar. In Boomjahren erreichten die Größten der IT Branche ein Umsatzwachstum von bis zu 50%, selbst im schwachen Wirtschaftsjahr 2012 lag das Exportwachstum bei fast 20%. Was sind die Erfolgsfaktoren Indiens in der IT?

Die IT Industrie in Indien – ein Überblick

Indien „gehört zu den führenden Nationen im Bereich der Informationstechnologie“ [1]. Die IT Industrie in Indien hat heute ein Umsatzvolumen von 100 Mrd. Dollar. Etwa 50% hiervon entfallen auf maßgeschneiderte Softwareentwicklung, Maintenance oder Testing. Weitere 20% machen Forschung sowie der Umsatz mit Softwareprodukten aus. Die übrigen 30% verteilen sich auf BPO [Business Process Outsourcing] oder Hardware.

Die Erfolgsstory der IT Industrie in Indien wurzelt in den 1980er Jahren, als mit Infosys eine der Big Three gegründet wurde [TCS, Wipro, Infosys]. In den 90er Jahren fokussierte sich die Industrie vor allem auf die Maintenance von Software, die von Drittanbietern designed und entwickelt wurde. Heute zählen Softwaredesign und Entwicklung zum Standardangebot. Im Jahr 2012 wurde Infosys von Forbes zu den innovativsten Unternehmen weltweit gezählt, ein sichtbares Zeichen dafür, dass die IT Industrie Indiens das Entwicklungsstadium reiner „coding shops“ inzwischen hinter sich gelassen hat. Seit einigen Jahren drängt sie nun auch in das hochpreisige Consulting-Segment, und tritt dabei in Wettbewerb mit den Platzhirschen wie IBM, Accenture oder Hewlett-Packard. Die Anteile dieses High-End Business am Gesamtumsatz liegen jedoch noch im einstelligen (Prozent-)Bereich.

Die Bedeutung der IT Industrie für die indische Wirtschaft lässt sich einfach in Zahlen fassen: Sie erwirtschaftet ca. 7,5% des BSP, bildet 25% des gesamten Exports und schafft etwa Beschäftigung für ca. 12 Millionen Arbeitnehmer. Etwa 2,8 Millionen sind direkt Beschäftigte, die übrigen Arbeitsplätze entstehen indirekt. [2]

Erfolgsstory IT Industrie in Indien – Der Preisvorteil in einer globalisierten Wirtschaft

Die ersten Exporterfolge in den 80er und 90er Jahren wurzeln zweifellos in den niedrigen Arbeitskosten. Und auch heute noch weist der IT Standort noch signifikante Kostenvorteile gegenüber Osteuropa oder sogar China auf. Das bestätigen Führungskräfte multinationaler IT Unternehmen mit Technologieparks in Indien. Dieser Kostenvorteil gilt trotz einer dynamischen Gehaltsentwicklung in den letzten 2 Jahrzehnten.

Es ist offensichtlich, dass der Standort Indien den Kostenvorteil nicht realisieren könnte, wenn IT Professionals auf dem Subkontinent nicht durchgängig Englisch sprechen würden. Hierzu genügt ein Blick auf die ausländischen Kunden der Industrie: Bis auf einen geringen Anteil sind dies vor allem Unternehmen aus englischsprachigen Ländern, allein 60% der Auslandsumsätze werden mit US Kunden realisiert. [3]

Erfolgsstory IT Industrie in Indien – Magnet für die Besten in den vergangen Jahrzehnten

Die IT Industrie ist den vergangenen Jahren konstant im 2-stelligen Bereich gewachsen; IT Giganten wie Infosys, Wipro oder TCS hatten von 2003 bis 2008 jedes Jahr ein Umsatzwachstum von 30 – 50%. Infosys beispielsweise stellt mit einem Personal von ca. 155.000 Mitarbeitern jedes Jahr zwischen 15.000 – 18.000 neuen Programmierern ein. Diese Wachstumsdynamik schafft nicht nur Arbeitsplätze, sondern eröffnet attraktive Karrierechancen – und last but not least attraktive Einkommen.

Kein Wunder also, dass die IT Industrie Top Rankings unter potentiellen Arbeitgebern belegt. Für die IT Industrie Indiens bedeutete das vor allem, dass sie sich die besten Absolventen aussuchen konnte. Während eines Meetings der „German Business Group Bangalore“ mit einem Gastvortrag der Personalberatung Towers Watson und Vertretern von SAP, Siemens oder Continental kam die Sprache auf eben dieses Thema. Fazit: Die besten jeder Generation sind in den vergangenen 2 Jahrzehnten in die IT gegangen. Das betrifft nicht allein die Besetzung von Positionen in der Programmierung; sondern auch in Funktionsbereichen wie Einkauf, HR und Unternehmensorganisation.

Keine andere Industrie ist in diesem Maße a „people business“. Der Zufluss von Top-Absolventen in die IT Industrie war zweifellos der Motor für die Entwicklung der vergangenen Jahre zum wettbewerbsstärksten und innovativsten Wirtschaftszweig in Indien.

Erfolgsstory IT Industrie in Indien – Ausbildungsfokus auf Mathematik und Ingenieurwesen

Der Output an indischen Absolventen aus den sogenannten MINT-Fächern [Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik] ist beeindruckend: Unter der Gesamtheit von ca. 4,4 Mio. Absolventen aus dem Jahr 2012 [Bachelor und Master] haben etwa 580.000 einen Bachelor in Ingenieurwissenschaften, weitere 560.000 einen Bachelor in „Science“ [Physik, Chemie, Biologie]. Es kommen ca. 270.000 Master-Absolventen hinzu, 240.000 Absolventen eines Ingenieur-Diploms [„engineering diploma“: Ausbildungsumfang geringer als Bachelor]. [4]

Die technische und naturwissenschaftliche Ausbildung genießt eine besondere Wertschätzung in Indien, nicht zuletzt Eltern drängen Ihre Sprößlinge häufig auf diesen Ausbildungsweg. Und es kommt hinzu: Im indischen Ausbildungssystem findet bereits ab der 10ten Klasse eine Spezialisierung statt [Wahl zwischen „Mathematics, Physics“, „Medical Science“, „Arts“, „Commerce“]. Auch nimmt die Mathematik im Lehrplan eine besondere Bedeutung ein, und Informatik findet sich heute zunehmend auch als Fach im Lehrplan von weiterführenden Schulen. Aus diesem Absolventen-Pool rekrutiert die IT Industrie in Indien ihre Mitarbeiter [in 2012 über 300.000 neue Mitarbeiter]. Die Präferenz des indischen Ausbildungssystems für MINT-Qualifikationen bildet das Rückgrat für das Wachstum der IT Industrie, das in dieser Größenordnung in anderen Ländern kaum denkbar ist.

Exkurs: Die Qualität des Ausbildungssystems erfordert eine eigene, detaillierte Betrachtung. Bewertet man das Ausbildungssystem pauschal, fällt das Urteil kritisch aus. Die Ergebnisse der PISA-Studie 2012 bestätigen eine solche Argumentation. Eine differenzierte Betrachtung tut allerdings not: Unstrittig ist, dass das öffentliche Schul-/Ausbildungssystem zum größten Teil internationale Standards nicht erreicht. Eine Ausnahme hiervon bilden lediglich die Elite-Ausbildungsinstitutionen IIT [Indian Institutes of Technology] und IIM [Indian Institute of Management]. Die Indian Institutes of Technology sind hierbei den TU’s in Deutschland vergleichbar, die IIM’s der ENA [Ecole nationale d’administration] in Frankreich. Nicht zuletzt aufgrund des Versagens der Öffentlichen Hand im Bildungsbereich hat sich allerdings in Indien ein wachsendes Angebot an privaten Bildungseinrichtungen entwickelt, deren Ausbildungsstandard weit höher liegt. Soviel hierzu in aller Kürze. Exkurs Ende.

Erfolgsstory IT Industrie in Indien – Der Vorteil des First Mover

Das Gründungsdaten einiger Big Player in der IT liegen dicht beieinander. SAP: 1972, Microsoft: 1975. Apple: 1976. Der indische IT Gigant Infoysis wurde einige Jahre später im Jahr 1981 aus der Taufe gehoben. Das zweitgrößte Softwarehaus Indiens, Wipro, wurde von der in Stanford geschulten zweiten Unternehmensgeneration ebenfalls Anfang der 80er Jahre von einem Handelsunternehmen in ein IT Unternehmen transformiert.

Es ist eine Binsenweisheit, dass die Etablierung einer spezifischen Industrie in einem Land eine lange Vorlaufzeit erfordert: Unternehmen bauen Erfahrungswissen auf, es bilden sich Netzwerke von Spezialisten und Zulieferern auf, Ausbildungssysteme reagieren auf den neuen Bedarf an Qualifikationen, Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen entstehen, und Vieles mehr. Die IT Industrie in Indien ist zu Beginn der 80er Jahre in einer frühen Phase der neuen Industrie auf den Zug aufgesprungen. Und wie bereits einleitend dargestellt, hat die IT Industrie vom reinen Software Maintenance Provider über die Phase reiner „coding shops“ bis hin zum Full Service Provider einen langen Entwicklungsweg hinter sich gebracht. Die IT Industrie Indiens blickt inzwischen auf über 30 Jahre kumulierten Wissensaufbau zurück. Dies bildet das Fundament für den heutigen Erfolg.

Erfolgsstory IT Industrie in Indien – Niedrige Anforderungen an Kapital & Infrastruktur

Um die Begeisterung Indiens für IT bzw. die Ambition zum unbedingten Erfolg zu verstehen, hilft ein Blick auf einige Spezifika Indiens bzw. der IT Industrie.

Erstens: Wie hinlänglich bekannt, ist die Infrastruktur Indiens in einem miserablen Zustand – ein Hemmschuh beispielsweise für die Fertigungsindustrie, wo Just-in-Time Lieferungen zum Industriestandard zählen. IT Dienstleistungen hingegen erfordern keine signifikante Infrastruktur; im einfachsten Fall lässt sich Software heute per Internet versenden, die Voraussetzungen hierfür sind erfüllt.

Zweitens erfordert der Start eines IT Unternehmens vergleichsweise niedriges Startkapital. Infosys ist 1981 mit einem Gründungskapital von erstaunlichen 250 Dollar ins Rennen gegangen. Die Investitionskosten eines IT Unternehmers heute liegen gerade mal bei 30 Euro Leasingaufwand je Rechner [Hardware]. Ein Zulieferer von Bauteilen für die Automobilindustrie müsste demgegenüber in eine CNC Maschine investieren, was um ein Vielfaches mehr Kapital erfordert. Ein entscheidendes Argument in einem Land, dessen Bevölkerung in der Mehrheit nur über begrenzte Mittel verfügt.

Drittens und abschließend greifen die Einschränkungen und Regelungen von Indiens sogenannter „red tape bureaucracy“ bei der IT Industrie kaum. Der Mitbegründer des Software-Riesen Infosys schreibt in seinem Bestseller „Imagining India“: „In the 1970s and 1980s, IT was literally the only option for a start-up entrepreneur to begin a business without political access or capital” [5]. Statt auf regulatorische Details im Einzelnen einzugehen sei ein fiktives Szenario vorgestellt:

    • Arbeitsplätze mit Computern für 2, 3 Programmierer lassen sich quasi in jedem Haushalt unterbringen.
    • Die Arbeitsverhältnisse sind informell. [Formelle Beschäftigungsverhältnisse sind ohnehin keine Norm in Indien und nur mit unwesentlichen Vorteilen verbunden: Der weit größte Teil der Beschäftigten in der indischen Wirtschaft arbeitet gegenwärtig im informellen Sektor.]
    • Der Export entwickelter Software kann im einfachsten Fall per Internet erfolgen und damit aufwändige zollrechtlichen Abfertigungsprozesse umgehen

Und last but not least sei auf restriktive Arbeitsgesetze hingewiesen, die insbesondere in der Fertigungsindustrie die Herausbildung von großen Unternehmen verhindern, nicht zuletzt wegen eines restriktiven Kündigungsschutzes. Letzterer hat seine Bedeutung allerdings für den Schutz weitgehend unqualifizierter Arbeitnehmer. Indische IT Ingenieure hingegen, die sich zunehmend auch den ausländischen Arbeitsmarkt erschließen, sind als „Wissensarbeiter“ auf diesen Kündigungsschutz nicht angewiesen. Im Gegenteil: Die IT Industrie in Indien kämpft eher mit einer vergleichsweise hohen Fluktuationsrate [10 bis 30 Prozent]. Die Personalstrategien der IT Unternehmen sind daher auf die Bindung von Mitarbeitern ausgerichtet – nicht die Freisetzung. It’s a people business.

[1] „Strategie 2030 – Indien“, Studie der Berenberg Bank & HWWI Hamburgisches WeltWirtschaftsinstitut, August 2011, Seite 7
[2] Information des Industrieverbands NASSCOM in Indien; The Economist, Asien-Edition, 05.11.2011, Seite 71f.
[3] Business Economics, 15.10.2011, Seite 34f
[4] Information des Industrieverbands NASSCOM in Indien; The Economist gibt eine Zahl von 500.000 Bachelorabsolventen pro Jahr an: vgl. The Economist, Asien-Edition, Special Report „India“, 29.09.2012, Seite 22
[5] “Imagining India”, Nandan Nilekani, Penguin Books, 2009, Seite 137

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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