Fleischkonsum in Indien

Gesellschaft, Kultur, Politik

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Die indische Küche ist würzig, scharf, vielfältig. Charakteristisch ist vor allem die Vielfalt der Gewürze – von Kurkuma bis Kardamon. Und welche Rolle spielt das Fleisch in der Küche Indiens? Wie viel Fleisch konsumiert Indien pro Kopf? Wie viele Inder leben vegetarisch und was ist der Trend?

Autorenprofil: Franz Zang ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz (Bad Kissingen) in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und verfolgt durch viele Kontakte und die Medienberichterstattung mit der Situation vor Ort auseinander.

Fleischkonsum in Indien: Zahlen & Fakten

In vielen Teilens Asien – vor allem China – findet in Zeitraffer ein Wandel der Essgewohnheiten statt, den Industrieländer längst hinter sich haben. Noch 1961 hatte China einen Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch von 3,6 kg. Aber schon 2002 war diese Zahl auf mehr als 52 kg angestiegen! Indiens Fleischkonsum nimmt sich im Vergleich dazu gering aus: Selbst im Jahr 2007 lag der Fleischkonsum mit etwa 3 kg pro Kopf an letzter Stelle. Im Jahr 2014 hat sich der Fleischkonsum gegenüber 2007 prozentual gesehen beachtlich gesteigert (80% Prozent), liegt aber mit 5,5 kg noch immer weit unten (wenn auch inzwischen vor Ländern wie Bhutan, Bangladesh und Malawi). [1]

Angeführt wird die Liste übrigens von Luxemburg mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von fast 140 kg. Deutschland liegt 2007 mit 87 kg an 21. Stelle, allerdings mit abnehmender Tendenz. Auch der Geschmack der Verbraucher hat sich im Übrigen geändert: War Rindfleisch mit 40% in den frühen 60er Jahren noch das meistkonsumierte Fleisch, so hat sich dieser Anteil inzwischen auf 23% verringert. Schwein steht heute an der Spitze und Geflügelfleisch ist dabei, alle anderen Fleischarten anteilsmäßig zu überholen. [2] Ein neuer Trend zeigt sich dabei auch in Indien: Die Produktion von Büffelfleisch steigt stark an, einerseits wegen der hohen Fleischqualität, andererseits wegen der kostengünstigen Haltung: Büffel kommen mit sehr minderwertigem Futter aus. [3]

Fleischkonsum Indien: Religiöse oder kulturelle Einschränkungen

In Indien hat die vegetarische Lebensweise tiefe kulturelle und soziale Wurzeln. Viele Hindus, aber auch die asketisch ausgerichteten Jains und Buddhisten verzichten aus religiösen Gründen ganz auf den Konsum von Fleisch. Bei Umfragen geben ein Viertel bis ein Drittel der Inder an, Vegetarier zu sein. Bei der Vermietung von Wohnungen wird häufig noch vertraglich festgelegt, dass dort weder Fleisch gekocht werden darf noch fleischhaltige Fertigprodukte in die Wohnung gebracht werden dürfen.

Ein Vergleich macht deutlich, welch tiefgreifenden/mächtigen Einfluss diese religiösen und kulturellen Praktiken in Indien auf so alltägliche Gewohnheiten wie das Essen haben: Noch 1961 hatte China einen Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch von 3,6 kg, nur wenig mehr als Indien zu dieser Zeit. Aber schon 2002 war diese Zahl in China auf mehr als 52kg angestiegen, während die Steigerung in Indien auf heute etwa 5,5kg nimmt sich dagegen als kaum wahrnehmbar aus, selbst wenn man mit einrechnet, dass das Einkommen in China mehr als doppelt so hoch wie in Indien ist. [4]

Zwar wird Vegetarismus mit Hinduismus assoziiert, allerdings lebt die Mehrheit der Hindus durchaus nicht vollständig fleischlos – fleischlose Ernährung ist keineswegs eine religiöse Vorschrift, es sind vor allem konservative Brahmanen, die etwa strikt fleischlos leben. Der Konsum von Rindfleisch wiederum ist bei Hindus tatsächlich verboten, ebenso wie der Konsum von Schweinefleisch bei Moslems. Da es für den Verzehr von Hühnerfleisch nur wenig religiöse oder kulturelle Einschränkungen gibt, liegt es nahe, dass der Verbrauch von Geflügelfleisch in Indien zukünftig ansteigen wird – Indien liegt damit im globalen Trend.

Fleischkonsum in Indien: Gründe für den Anstieg

Trotz der oben genannten kulturellen und religiösen Traditionen nimmt in Indien die Zahl der Fleischesser zu, wenn auch mit deutlich geringere Dynamik als im Nachbarland China. Seit dem Beginn des Wirtschaftsbooms Anfang der 1990er Jahre passt die neue Mittelschicht Indiens ihre Lebensweise dem westlichen Vorbild an. „Non-veg, wie es in Indien heißt, ist zumindest in Teilen der indischen Bevölkerung zum Statussymbol geworden. [5] Deutsche Wurst, französische Entenbrust und das Feiern von Thanksgiving gehören für die wachsende Mittelschicht inzwischen zum Alltag. Prognosen sehen eine Verzehnfachung der Nachfrage nach Geflügelfleisch bis 2050 in Indien voraus.

Die WHO schreibt in einem ihrer Berichte, dass zwischen dem Einkommen und dem Verbrauch von tierischem Eiweiß (Fleisch, Milch, Eier) ein sehr enger Zusammenhang besteht [6]. Auch wegen der niedrigen Fleischpreise fällt es den Entwicklungsländern im Vergleich zu den Industrieländern vor 20 – 30 Jahren leichter, den Fleischkonsum zu steigern. Die Ursachen für wachsenden Fleischkonsum in Indien liegen jedoch nicht ausschließlich in der wachsenden Kaufkraft der Mittelschicht, sondern in fundamentalen gesellschaftlichen Veränderungen: Die rasante Urbanisierung verändert die Verhaltensweisen: Die berufstätigen Frauen in den Städten etwa, traditionell zuständig für die Zubereitung der Mahlzeiten, haben keine Zeit mehr zum Kochen. Gleichzeitig beschleunigt die Expansion von Supermärkten und Fastfood-Ketten den Übergang zur Massenproduktion, da viele bäuerliche Geflügelproduzenten bereits verschwunden sind und Kleinfarmen an Bedeutung verlieren. Meldungen über die Eröffnung von großen Schlachthäusern sind deshalb keine Seltenheit mehr [7].

Fleischkonsum in Indien: Wo soll das Fleisch der Zukunft herkommen?

Das nordamerikanische System der Fleischproduktion verbraucht etwa 50% der Agrarflächen, 80% des Wassers und 17% der fossilen Energie des Landes [8]. Der Landbedarf für einen einzigen Hamburger beträgt etwa 3,5 Quadratmeter [9]. .Solche Zahlen machen deutlich, dass dieses Modell nicht nur nicht nachhaltig ist, es lässt sich auch nicht auf Länder wie Indien übertragen. Von den Zukunftsszenarien zum Fleischverbrauch und -produktion können beispielhaft drei genannt werden: Erstens, auch in asiatischen Ländern entwickeln viele Verbraucher ein kritisches Bewusstsein zu Massenproduktion, wie es auch in den Industrieländern entstanden ist. Allein in Indien wird deshalb mit einer Verfünffachung des Umsatzes von Bio-Abteilungen in Supermärkten gerechnet [10].

Zweitens, die urbane Tierhaltung. Nicht wenige Stadtbewohner, selbst in Riesenmetropolen wie Bangalore, halten Rinder oder Ziegen, die sich an Straßenrändern, auf leerstehenden Grundstücken und sogar auf Friedhöfen selbst versorgen. In Delhi kann man mitten in der Stadt Hausschweine in den Abfallhaufen wühlen oder Hühner im Freien nach Nahrung scharren sehen. Das ist ein Trend, der selbst in Deutschland erkennbar ist: Bienen, Hühner und Kaninchen kehren in urbane Strukturen zurück, oftmals nicht wegen der Notwendigkeit einer sozialen Absicherung sondern um den negativen Folgen der Massentierhaltung auszuweichen.

Und drittens: Da über 40% der Erdoberfläche für Nutzpflanzen zu trocken, zu steil, zu heiß oder zu kalt sind, wird der Fokus wieder auf ehemals selbstverständliche Haltungsformen wie bei Nomaden und Halbnomaden gerichtet werden. Die spärliche Vegetation lässt sich nur auf solche Weise in Nahrung und Energie umwandeln, und viele Tiere in Indien wie etwa Schafe, Ziegen oder Kamele sind an diese Kost angepasst.


[1] „Per Capita Meat Consumption of 177 Countries in 2007“, in: www.vegetarian.procon.org, http://vegetarian.procon.org/view.resource.php?resourceID=004748 (Seitenabruf 5. 5. 2014)
[2] „Kings of carnivores“, 30.04.2012, in: Online-Ausgabe der Wochenzeitschrift “Economist”, http://www.ecAonomist.com/blogs/graphicdetail/2012/04/daily-chart-17 (Seitenabruf 5. 5. 2014)
[3] “Fleischatlas 2014“, Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel, 2014, S. 10
[4] „Meat consumption per capita“, in: Online-Ausgabe der Tageszeitung “The Guardian”, http://www.theguardian.com/environment/datablog/2009/sep/02/meat-consumption-per-capita-climate-change (Seitenabruf 5. 5. 2014)
[5] ”Fleischatlas 2014”, S. 36
[6] ”Global and regional food consumption patterns and trends“, in: www.who.int, „http://www.who.int/nutrition/topics/3_foodconsumption/en/index4.html (Seitenabruf 5. 5. 2014)
[7] „City to get four modern slaughterhouses next month“, 01.03.2014, in: Online-Ausgabe der Tageszeitung “Times of India”, http://timesofindia.indiatimes.com/city/hyderabad/City-to-get-four-modern-slaughterhouses-next-month/articleshow/31188021.cms (Seitenabruf 5. 5. 2014)
[8] „Sustainability of meat-based and plant-based diets and the environment“, David Pimentel and Marcia Pimentel, 2003, in: www.ajcn.nutrition.org, http://ajcn.nutrition.org/content/78/3/660S.short (Seitenabruf 5. 5. 2014)
[9] “Fleischatlas 2014“, S. 26
[10] “Fleischatlas 2014“, S. 39

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Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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