Gleichberechtigung der Frau – Nicht nur ein Thema in Indien!

Gesellschaft & Kultur in Indien

Theresa MoozhiyilGeschrieben von:

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„Indien“, höre immer, „oh, da ist ‚die Frau‘ unterdrückt“. Ich lebe in Indien, aus eigenem Entschluss. Ich könnte auch in Deutschland leben. Oder in den USA. Ich fühle mich hier in Indien nicht unterdrückt. Es ist ein Land mit Chancen. Es ist ein Land im Umbruch. Ein Land in Bewegung. Besonders für die Frau. Frauen haben in der Geschichte Indiens den Umbruch immer mitgestaltet: Beispielsweise die Regentin Razia Sultana [1236 – 1240] in Delhi, oder die Anführerin Rani Lakshmibai des großen indischen Aufstandes in 1857 , oder die Premierministerin Indira Gandhi.

Eine Vergleichsstudie
Selbstverständlich gibt es in Indien Ungleichheiten zwischen Mann und Frau. Selbstverständlich ist Gleichberechtigung ein [großes] Thema. Aber in welchem Land nicht? Das Maß der Ungleichheit schauen wir uns nachfolgend einmal an.

Vor kurzem hat der polnische Abgeordnete Janusz Korwin-Mikke die Frage zum Stand der Gleichberechtigung von Frauen in Europa aufgeworfen, als er im EU Parlament erklärte, dass ‚Frauen schwächer, kleiner und weniger intelligent seien und deswegen ‚natürlich‘ weniger als Männer verdienen sollten‘. Dies bliebt nicht ohne Reaktion: Die spanische Parlamentsabgeordnete Iratxe Garcia-Perez reagierte scharf und schloss mit dem Satz: ‚Ich bin hier, um alle Frauen Europas vor Männern wie Ihnen zu verteidigen‘. Dennoch Fakt ist, auch im höchsten politischen Gremium des vereinten Europas ist der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau keineswegs abgeschlossen, geschweige denn eine einstimmig verabschiedete Zielsetzung.. Zwar hat Herr Korwin-Mikke eine Abmahnung und vorübergehenden Entzug der Stimmrechte erteilt bekommen, dennoch dürfte das seine Meinung kaum ändern!

François Poullain de La Barre [1647 -1723], französischer Schriftsteller und cartesianischer Philosoph, nahm eine für damalige Verhältnisse sehr fortschrittlich feministische Position ein und schlug vor, dass das Eigeninteresse der Männer die Ansichten der Männer über Frauen bedeutend beeinflusse. “Alles, was Männer über Frauen gesagt haben, sollte mit Verdacht betrachtet werden“ schreibt er, „denn sie sind beides: Richter und Gerichte“. Nach dem Gesagten sollte uns darum die Verabschiedung eines Gesetzes durch Trump in der Anwesenheit von sechs weiteren männlichen Regierungsmitgliedern stutzig machen. Die Ausgabe ‚The Guardian‘ kommentierte im Sinne von de la Barre: „You’ll never see a photograph of 7 women signing legislation about what men can do with their reproductive organs [Sie werden nie ein Foto von 7 Frauen sehen bei der Verabschiedung eines Gesetzes darüber,, was Männer mit ihren Fortpflanzungsorganen tun können!]

Die neue englische Ausgabe von 2010 des Klassikers ‚Das Zweite Geschlecht ‘ beginnt im Vorwort mit den Satz, dass 1949 [Originalausgabe des Buches] und 2010 Welten entfernt scheinen – bis man die Zeitung aufschlage. Die Autorin, Simon de Beauvoir, französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin, erzählt wie sie von ihrem Liebhaber gepriesen wird. Sie habe die ‚Intelligenz eines Mannes‘. Auch sie nahm es zu Beginn als Kompliment, bis ihr bewusst wird, was es bedeutet. Dazu schreibt sie: „humanity is male, and man defines woman, not in herself, but in relation to himself and by all the qualities she is presumed to lack” [Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau, nicht an sich , sondern in Bezug zum Mann und über alle jene Eigenschaften, die ihr vermeintlich fehlen]

#likeAGirl [wie ein Mädchen] erregte 2014 viel Aufmerksamkeit zum Thema Gender-Stereotyping. Die Kampagne kämpft gegen das Minderwertigkeitsgefühl ein Mädchen zu sein, besonders in der Pubertät. In einer Studie schrieb Always [eine Marke von P&G], dass sich 72% der Teilnehmer verschiedener ethnischer Zugehörigkeit nur aufgrund ihres Geschlechtes eingeschränkt fühlten.

Die ‚HeForShe‘ Kampagne der UN 2014 unterstreicht die These, dass der Aufruf zur Gleichberechtigung von Mann und Frau eine globale Reichweite erfordert. Dass Mann und Frau, Jungen und Mädchen gemeinsam dieses Ziel erreichen sollten.

Aufruhr gab es vor kurzem [2017] seitens Eltern in einer Schule in Deutschland. Ein Junge schreibt in einem Märchen über eine ‚kämpfende Prinzessin‘. Die Lehrerin vermerkt, es passe nicht zur Prinzessin zu kämpfen! Nicht ohne Grund schrieb die die heute berühmte Britin J.K. Rowling ihren Krimi unter dem männlichen Pseudonym Robert Galbraith. Weibliche Namen sind in bestimmten Kreisen eindeutig nicht willkommen. Die Verlagshäuser scheinen überzeugt zu sein, dass männliche Leser von weiblichen Schriftstellern abgeschreckt werden.

Die Zeitung „The local.de“ veröffentlichte am 29. März 2017 in dem Artikel „Was deutsche Männer wirklich von Gleichberechtigung halten“ nicht übermäßig positive Nachrichten. Der Anteil der Männer, die Gender Equality unterstützen, ist zwischen 2007 und 2015 um magere 2 Prozent gestiegen auf 55 Prozent. Etwas mehr als die Hälfte der Männer sieht also Gender Equality als ein berechtigtes Ziel.

Ziel der Gleichberechtigung von Mann und Frau
Ich meine nicht, dass alle Männer gleich sind oder Frauen ungerecht behandeln. Nein, es gibt tolle Männer [ich selbst habe einen]. Männer, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Was ich meine ist, dass es nicht allzu sehr verbreitet ist. Und in jedem Land tun sich viele Männer mit dem Thema Gleichberechtigung schwer.

Es geht auch nicht darum, alles ‚gleich‘ zu machen. Es geht um Gender Awareness, Gender Empowerment und Gender Sensitivität. Vor Kurzem las ich auf Facebook diesen Satz: „People always think feminists hate men. Why do they think it’s all about men?” [Die Leuten denken oft, dass Feministinnen Männer hassen. Warum glauben sie, dass sich hier alles um Männer dreht?“]

Nein, Gender Empowerment for Women hat weder mit Hass oder Liebe zu Männern zu tun. Es geht darum, dass sich die Frau ebenfalls in ihrer Gesellschaft – sozial, wirtschaftlich, familiär entfalten kann. Es geht darum, dass ihre Chancen nicht eingeschränkt werden. Es geht darum, dass sie sich nicht in Ihrem Umfeld mit dem anderen Geschlecht weniger wertvoll, unterdrückt oder ungeachtet fühlt oder gesehen wird.

Frau und Karriere
Nicht ohne Grund, schrieb Anne-Marie Slaughter, US-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des amerikanischen Think Tanks New America, in 2012 „Women can’t have it all“. Der Artikel in DIE ZEIT vom März 2017 „Unikarriere oder Kinderwunsch“ hinterfragt die Gleichberechtigung in der Partnerschaft und Karriere: Zwar würden die Zahlen der Nachwuchswissenschaftlerinnen rosig aussehen. Doch 93 Prozent aller Personalstellen unterhalb der Professur an Hochschulen seien befristet. „Liegt im Jahr 2014 der Frauenanteil bei abgeschlossenen Promotionen noch bei 45 Prozent, so ist er bei den Professuren lediglich bei 22 Prozent“, konstatiert die Autorin.

Sheryl Sandberg schreibt in Ihrem Bestseller „Lean in“, dass es nicht leicht ist, als Frau auf der Karriereleiter weiter zu kommen. Sie fängt damit an, dass sie sichselbst als Frau [so viel zum Thema Gender Sensitivität unter Frauen!] nie darüber Gedanken gemacht habe, wie mühselig es wäre als schwangere Frau vom Parkplatz ins Büro zu laufen, bis sie selbst schwanger wurde und nahgelegene Parkplätze für Schwangere einführte. Sie erzählt auch, wie es ist als Frau ‚der Boss‘ zu sein. Dass die Frau immer etwas mehr Hingabe, Einsatz, Leistung, Aufwand und Ehrgeiz zeigen muss im Vergleich zum männlichen Kollege, um voranzukommen. Man muss sich als Mann nur fachlich beweisen und nicht als kluges Geschlecht. Das ändert sich, wenn eine Frau die Karrierefahrt aufnimmt. Oft wird man als ‚bossy‘ oder ‚aggressiv‘ abgewertet. Bei Misserfolg eines Projektes ist es für eine Frau wahrscheinlicher, dass sie auf persönlicher Ebene angegriffen wird, als für einen Mann.

Fazit
Jedes Land arbeitet an dieser Front – die Front der Gleichberechtigung. Wir befinden uns heute in Indien in einer Gesellschaft, die zwar noch Optimierungsbedarf hat, in der aber das Problem zur Sprache gebracht werden kann. Nur deswegen gibt es so viele Nachrichten in den Medien. Auch traurige Nachrichtigen, die Missstände aufdecken. Aber sie sind Anzeichen für ein (neues) Bewusstsein und für eine (beginnende) Veränderungsbereitschaft. Die Presse und Medien helfen, gegen die Ungerechtigkeit gemeinsam aufzustehen. Das sollte geschätzt werden. Nicht verurteilt.

Referenzen:
Schwächer, kleiner und weniger Intelligent – das Frauenbild eines polnischen EU abgeordnetem
François Poullain de La Barre schrieb
Why Did J.K. Rowling Use a Male Pen Name For Her Crime Novel?
Trump’s assault on women’s rights
The second sex / Das zweite Geschlecht – von Simon de Beauvoir, französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin; Amazon;New York Times
Anne-Marie Slaughter
Women can’t have it all
Always ‘like a girl’
Prinzessinnen kämpfen nicht
This is what German men really think about gender equality
Unikarriere oder Kinderwunsch?
Lean In – Women, work and the will to lead – von Sheryl Sandberg, COO Facebook

Theresa Moozhiyil

Theresa Moozhiyil

ist sowohl in Deutschland als auch in Indien aufgewachsen und mit den kulturellen Besonderheiten beider Länder tief vertraut. Sie hat über mehrere Jahre in leitender Funktion im Goethe-Institut Bangalore Aktivitäten zur Vermittlung deutscher Kultur in Indien begleitet. Heute arbeitet Sie als CFO für das IT Entwicklungszentrum der Categis Solutions Pvt. Ltd. Außerdem arbeitet Sie im Bereich Marketing und Sales für nachhaltigen Tourismus in Südindien: BASIS-Reisen Indien

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