Höhere Ausbildung in Indien: Wie gut sind Colleges und Universitäten?

Wirtschaft

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Indien ist unter 25 Jahren, Indiens Unis und Colleges bilden jährlich die zweithöchste Anzahl an Ingenieuren für den Arbeitsmarkt aus. Das Potential an Arbeits- und Fachkräften ist enorm. Wie gut ist tatsächlich die Qualifikation? Welche Rolle spielen private Institutionen in Indien? Was sind die Trends?

Höhere Ausbildung in Indien: Wie gut sind die Universitäten? – Einführung

Der Wirtschafsprofessor Dr. Deepak Nayyar (Universität Delhi) ist seinerzeit in den 1970er Jahren mit einem Abschluss der „Delhi School of Economics (DSE)“ nach Oxford gekommen, um zu promovieren. Kein Geringerer als der Ökonom John R. Hicks (Hauptwerk: „Wert und Kapital“) fragte ihn damals, weshalb er denn überhaupt nach Oxford gekommen wäre – so gut war zu dem Zeitpunkt die Reputation der „Delhi School of Economics“. [1]

Die heutigen Meldungen aus den Medien über das Bildungssystem sind eher ernüchternd. Zwar produziert das Ausbildungssystem jährlich Hunderttausende von Ingenieuren; nach Angaben des Unternehmens „Aspiring Minds“, das sich auf Dienstleistungen rund um Ausbildung fokussiert, sind jedoch nur etwa 3% der technischen Absolventen sofort einsetzbar, ohne von Unternehmen eine weitere Ausbildung durchlaufen zu müssen [2].

Nach dem „Global Competitiveness Report“ des World Economic Forum 2012-13 landet Indien in der Kategorie „Höhere Bildung und Ausbildung“ nur auf Rang 86. Hinter China (Rang 62) und deutlich hinter Deutschland (Rang 5) [3]. Unter den TOP 200 Universitäten weltweit findet sich keine einzige indische Institution, unter den TOP 800 nur 11 [4]. Die USA haben im Vergleich 144, Deutschland 42 unter den TOP 800.

Selbstverständlich kann man ein Emerging Country nicht an den Standards von Industriestaaten messen. Aber die Frage drängt sich auf: Wo steht Indien heute im Bereich der höheren Ausbildung? Was sind die Trends? Wie hoch sind öffentliche und private Bildungsinvestitionen? Welche Rolle spielen ausländische Institutionen für indische Arbeitskräfte?

Höhere Ausbildung in Indien: Wie gut sind die Universitäten? – Status Quo & Trends

Zu Beginn der Unabhängigkeit, 1947, lag die Kapazität im Bereich der höheren Ausbildung völlig brach. Es gab gerade einmal 20 Universitäten und 636 Colleges [5]; heute hingegen gibt es 621 Universitäten, mehr als 3.000 (staatlich anerkannte) Business Schulen sowie etwa 33.500 Institutionen für höhere Ausbildung (u.a. Colleges) [6]. Trotz des deutlichen Kapazitätsausbaus sind jedoch noch immer nicht ausreichend Studienplätze vorhanden, das gilt insbesondere für die TOP Institutionen:

Zu diesen Elite Institutionen zählen vor allem die IIM’s (Indian Institutes of Management) und IIT’s (Indian Institutes of Technology), deren Ausbildungsqualität auch durch internationale Rankings bestätigt wird (im eingangs erwähnten Ranking vor allem die IIT’s). Deren Kapazität gleicht allerdings dem sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein: Beispielsweise bieten die 13 IIM’s zusammen genommen gerade einmal 3.000 Studienplätze – in einem Land mit 1,2 Milliarden Einwohnern. In Folge sind diese wenigen Studienplätze stark umkämpft: In der legendären Business-Schule IIM-Ahmedabad (IIM-A) lag die Zulassungsquote 2012 beispielsweise bei 0,25%; hierfür mussten die ausgewählten Studenten im international anerkannten Zulassungstests GMAT ein Ergebnis erzielen, mit dem sie Zutritt zu den besten US-Schulen erhalten können. [7]

Zwar gibt es nun neben den IIM’s in Indien mehrere Tausend Managerschulen, 3.600 davon sind auch staatlich anerkannt. Aber nur etwa 500 – 600 erfüllen elementare Voraussetzungen wie eine adäquate Infrastruktur, gute Professoren und Unternehmenskontakte. Für den Direktor des IIM Ahmedabad, Samir K. Barua, sind sogar nur 20 bis 25 „richtig gut“. [7]

Woran liegt es nun, dass die Masse der Institutionen in Indien (westliche) Qualitätsanforderungen nicht erfüllen und keine Universität in den weltweiten TOP 200 rangiert? Der Intellektuelle und Gründer des IT-Giganten „Infosys“, Nandan Nilekani, macht Unterfinanzierung, fehlende (geistige) Unabhängigkeit und fehlende Relevanz der Unis in der Forschung dafür verantwortlich: „(…) a decline in governance and state funding from the mid 1960s onwards led to their slow fossilization – with money hard to come by, departments and labs in disrepair, faculty with little incentive to do research (…) The dependence of these institutes on the state’s graciousness to remain solvent has especially had a corrupting effect. More than anything else, these institutions seem to have lost their revolutionary role, the mantle of independent thinking and change they wore so easily before independence. (…) To make matters worse, the routes through which these institutes could earn their own income – such as research – were cut off. The government was tunneling research work into institutions such as the Council of Scientific and Industrial Research, the Defence Research and Development Organization, Hindustan Aeronautics Ltd. (…) The result was that research in academia – the university’s soul – atrophied.” [8]

Die Ursachenanalyse von Professor Philip G. Altbach (Direktor des Center for International Higher Education, Boston College, U.S.) und Pawan Agarwal (Berater für Höhere Ausbildung in der Planungskommission der indischen Regierung) ist in der Argumentation ähnlich: Unzureichende Ausstattung, unzureichende Personalbesetzung und fehlende (geistige) Unabhängigkeit: „Many of India’s 34.000 undergraduate colleges are too small to be viable. They are generally understaffed and ill-equipped; two-thirds do not even satisfy government-established minimum norms, and they are unable to innovate because of the rigid bureaucracy of the affiliating system that links the colleges to a supervising university. (…) decentralization of part of the curriculum holds great promise. With greater academic autonomy, the core courses could be retained by the university, while the responsibility for the rest of the curriculum could be devolved to the colleges. (…) Academics, and especially college teachers, are constrained by rigid bureaucracy.” [9]

Wenn Professor Altbach und Experte Agarwal unzureichende Ausstattung und unzureichende Personalbesetzung benennen, beklagen Sie indirekt eine Unterfinanzierung. Gleichzeitig jedoch konstatieren Sie Folgendes: Einerseits zählt Indien mit gesamten Ausgaben für Höhere Ausbildung in Höhe von 3% des BIP (1,2% öffentliche Ausgaben, 1,8% private Ausgaben) zu den Spitzenreitern in dieser Kategorie. Die USA oder Korea weisen im Vergleich nur 2,6% aus. Andererseits monieren beide Autoren jedoch, dass diese Gelder ineffizient eingesetzt werden: „In the Indian case, expenditure does not necessarily mean effectiveness. In this way, Indian higher education may be compared to the American health care system. The United States spends the most per capita on health care, but expenditure does not yield results.” [9]

Die (auf dem Papier) privaten Ausgaben i.H.v. 1,8% des BIP sind jedoch weiter zu relativieren. Denn jährlich gehen etwa 300.000 indische Studenten für eine höhere Ausbildung ins Ausland, Studiengebühren i.H.v. ca. 13 Milliarden US-Dollar fließen aus Indien heraus [10, 11]. Diese Ausgaben entsprechen etwa 0,7% des BIP Indiens (Jahr 2012: 1.842 Mrd. US-Dollar); bringt man diese Zahl (in einer simplifizierten Überschlagsrechnung) von oben genannten 3% des BIP an Bildungsausgaben in Abzug (betrachtet man also das Budget für die Entwicklung der inländischen Institutionen), so fällt Indien mit 2,3% an Ausgaben im Ranking deutlich zurück. Die Symptome von mangelnder Ausstattung, schwacher Personalbesetzung werden so plausibler angesichts der Bildungsausgaben i.H.v. 3% des BIP.

Die genannten hohen Ausgaben für ein Studium im Ausland reflektieren vor allem das Missverhältnis von Bildungshunger und Bildungs-Infrastruktur in Indien; der Kampf um wenige gute Ausbildungsplätze ist (wie die Zulassungsquote am IIM-A zeigt) immens. Indische Studenten sind im Übrigen auch diejenigen, die Online-Bildungsangebote besonders stark nachfragen: Nur ein Jahr nach dem Start der Online-Bildungsplattform „edX“ vom MIT und Harvard weist Indien (nach den USA) die höchste Einschreibungsquote aus [12]. Das explosive Wachstum der IT Industrie wäre mit der (begrenzten) Kapazität der staatlichen Institutionen im Übrigen auch gar nicht möglich gewesen. Es waren vor allem private Institutionen, die das explosive Wachstum der IT Industrie gestützt haben. Die IT Industrie hat sich in Folge auch vor allem dort entwickelt, wo Bundesstaaten private Engieering Colleges zugelassen hatten: Andhra Pradesh, Karnataka, Maharashtra und Tamil Nadu. Mehr als 80% der neuen Kapazität an Ingenieuren zwischen 1992 und 2008 lässt sich auf private Institutionen zurückführen. [13]

Last but not least: Indische Unternehmen übernehmen (mehr oder weniger freiwillig) ebenfalls einen Teil der höheren Ausbildung, der Campus des Software-Giganten Infosys ist nur ein bekanntes Beispiel hierzu. Dies wird sogar von Politikern konzediert: „Companies are entering the higher education space in the guise of training. Our university system simply is not producing well educated graduates to meet the needs of Indian companies today.” So der Minister Shashi Tharoor, Hon’ble Minister Of State For Human Resource Development. [6]

Fazit: Die Infrastruktur für höhere Ausbildung in Indien weist in Quantität und Qualität deutliche Schwächen auf. Die Qualität der Bildungsinfrastruktur lässt sich jedoch nicht unmittelbar mit der Ausbildungsqualität indischer Absolventen gleichsetzen: Auslandsstudien, Online-basiertes Training und firmeninterne Trainings zählen in Indien ebenfalls zu den wichtigen „Institutionen“ höherer Bildung, damit indische Absolventen und Arbeitnehmer den Anschluss an die globale Wissensgesellschaft nicht verlieren.

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[1] “Imagining India”, Nandan Nilekani, Penguin Books, 2009, Seite 337.
[2] “A billion brains”, The Economist, Special Report “India”, Asien-Edition, 29.09.2012, Seite 22
[3] “Investitionsklima und –risiken – Indien”, Broschüre der Germany Trade and Invest Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbh, November 2012, Seite 2
[4] Das Ranking “QS World University Ranking” wird von der britischen Firma QS durchgeführt, die sich auf Ausbildung und Auslandsstudium spezialisiert hat. Bewertungskriterien umfassen akademische Reputation, Reputation bei Arbeitgebern, Fakultät-Studenten-Verhältnis und Internationalität. Quelle: „World’s top 200 university rankings“, Online-Ausgabe „The Financial Express“, 10.09.2013, http://www.financialexpress.com/news/worlds-top-200-university-rankings-massachusetts-harvard-tops-the-list-while-indian-universities-fail-to-make-a-mark/1167154/2
[5] “Imagining India”, Nandan Nilekani, Penguin Books, 2009, Seite 337.
[6] “India cuts higher education spending by 13% amidst quality woes”, 08.01.2013, Online-Veröffentlichung von ICEF Monitor (ICEF Monitor is a dedicated market intelligence resource for the international education industry), http://monitor.icef.com/2013/01/india-cuts-higher-education-spending-by-13-amidst-quality-woes/
[7] “Büffeln zwischen heiligen Kühen”, Bärbel Schwertfeger, Spiegel Online, 25.04.2013
[8] “Imagining India”, Nandan Nilekani, Penguin Books, 2009, Seite 338 ff.
[9] “Scoring higher on education”, Online Ausgabe “The Hindu”, 14.02.2013, http://www.thehindu.com/opinion/op-ed/scoring-higher-on-education/article4404687.ece
[10] In dem Artikel “India spends 13,000,000,000 on Education Abroad” vom 19.03.2008 verweist der Blogger Atanu Dey auf einen Artikel der “Hindustan Times” mit der genannten Größe an Ausgaben für Studiengebühren im Ausland, http://www.deeshaa.org/2008/03/19/india-spends-13000000000-on-education-abroad/
[11] “India’s Best B-Schools this year”, Online-Ausgabe “India Today”, 09.10.2013, http://in.finance.yahoo.com/news/indias-best-b-schools-184000264.html
[12] „Indian students make for second largest chunk in online education“, 23.09.2013, Online-Ausgabe von “The Financial Express”, http://www.financialexpress.com/news/indian-students-make-for-second-largest-chunk-in-online-education/1172704/0
[13] “Imagining India”, Nandan Nilekani, Penguin Books, 2009, Seite 346.

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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