Indiens arrangierte Hochzeiten – Anachronismus oder soziales Alternativkonzept?

Gesellschaft, Kultur, Politik

Theresa MoozhiyilGeschrieben von:

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Das Wort „arrangierte Hochzeit“ erweckt bei Europäern Schrecken und Mitleidsgefühle zugleich – für Inder ist es Normalität. Für eine zielführende Diskussion ist es zunächst hilfreich, zwischen der Zwangsehe und der arrangierten Ehe zu differenzieren. Und Fakt ist: Mehr als 90% der Ehen in indien werden immer noch arrangiert. Aber was bedeutet heute eigentlich ‚arrangierte Hochzeit‘? Hier ein Blick in einige Geheimnisse der indischen Ehe.

Indiens arrangierte Hochzeiten – Einführung

Früher war Liebe etwas Privates. Darüber in der Öffentlichkeit zu reden war bis vor einigen Jahrzehnten weder in Indien noch in vielen anderen Ländern üblich (das galt auch für Deutschland). Die Generation unserer Grosseltern hat und hatte in diesen Ländern zu vielen Aspekten des Ehelebens auch eine keusche bis konservative Einstellung. Offene Liebeserklärungen und körperliche Berührung in der Öffentlichkeit kennt diese Generation nicht oder wenig. Man lebte sehr praktisch. In den Beziehungen jener Zeit hatte jeder Partner einen durch soziale Rollenmuster vorgeschriebene Zuständigkeiten, entweder Brotverdiener und Vater oder umsorgende Frau und Mutter. Die Sorge kreiste weniger um die Frage, wie man das Leben am besten geniessen könne. Wenn alles gut ging, war Lebensfreude Teil der Lebenserfahrung

Heute sind wir (im Westen, aber auch im urbanen Indien) offener, lustorientierter – kurz: „modern“ im heute gebräuchlichen Sinn. Die Liebe hat einen anderen Stellenwert und unsere Ehen drehen sich schon lange nicht mehr nur darum, praktische Herausforderungen zu meistern, sondern darüber hinaus darum, das gemeinsame Leben aktiv zu geniessen. Die „moderne“ Ehe versucht, Liebe, Sex, Individualismus und Familie unter einen Hut zu bringen – bisweilen ein geradezu vermessener Anspruch.

Indiens arrangierte Hochzeiten – Die altmodische arrangierte Ehe in Indien

Meine indische Großmutter hatte mit 15 geheiratet, und zwar einen Ehemann, den ihre Eltern und Onkels ausgesucht hatten. Dies war damals so üblich. Sie ist dann zur Familie des Mannes gezogen und hat dort im Haus und im Hof mitgearbeitet. Eventuell können wir das heute zum Teil mit einer neuen Arbeitsstelle vergleichen. Als sie schließlich Kinder bekommen hatte, passte ihre Schwiegermutter mit auf die Kinder auf und beriet sie bei der Kindererziehung, denn eigene Erfahrungen hatte meine Großmutter ja nicht – die Welt war weniger modern. Man passte sich an, da man glaubte sich im Leben anpassen zu müssen. Und das Leben ging weiter.

Indiens arrangierte Hochzeiten – Die heutzutage übliche traditionelle Ehe in Indien

Die Praxis: Der Mann und seine Angehörigen betreten die Wohnung der möglichen Braut, sie sind zum Kaffee eingeladen. Die Familien setzen sich ins Wohnzimmer und stellen sich gegenseitig vor. Kurz darauf kommt die Braut dazu, natürlich mit einer ihren schönsten indischen Kleidern bekleidet, und serviert den Tee für diese Zeremonie des Kennenlernens. Als sie dem potentiellen Bräutigam einschenkt, tauschen beide einen kurzen Blick aus.

Häufig gehen sie zusammen ums Haus für einen kleinen Spaziergang. Die Familien tauschen unter sich Informationen zu den eigenen Sprößlingen aus, zur Arbeit, über Qualifikationen, Auslandserfahrung, usw., erzählen und rühmen sich, besonders über Tugenden der eigenen Familie. Nach dieser Zeremonie wartet die Brautfamilie auf das Ja-Wort der Bräutigam-Familie. Danach entscheidet die Braut-Familie, ob diese Verwandtschaft zu ihnen passen könnte. Falls nicht, wird der Vermittler benachrichtigt, dass es ja ‚zeitlich‘ nicht passe usw. Oder eben, dass es passt. Und dann beginnen die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten.

Dies ist inzwischen im Dorf die normale Brautschau. Es ist üblich, dass die Familie des Mannes im Dorf die Brautfamilie besucht. Die Brautfamilie ist Gastgeber.

Detaillierte Einblick zu einer arrangierten Ehe im ländlichen Indien gibt nachfolgende Reportage des Redakteurs Thorsten Herdickerhoff, Frankfurter Rundschau:
Reporter Forum: Weder Zwangsheirat noch freie Wahl

Indiens arrangierte Hochzeiten – Die moderne indische Ehe

Heute lebe ich in einer fast 10 Millionen Stadt Indiens, nämlich Bangalore. Im „Silicon Valley Indiens“ leben sehr viele junge Leute aus verschiedenen Staaten Indiens, die für eine gute und hochbezahlte Arbeitsstelle in die Stadt gezogen sind. Bangalore, Beinamen „Pub City of India“, hat unzählige Restaurants, Clubs und Cafés, wo Musik, Menükarte und Stimmung kaum anders sind als in den Locations in Berlin, London oder New York. Obwohl in der Stadt selbstverständlich noch der Trubel einer indischen Stadt herrscht, sieht man die jungen Leute kaum noch in traditioneller Bekleidung. Jeans, Caprihosen, kurze Röcke, Steve Maiden, UCB, Puma,Ipad, Notepad, HTC, Rock, Pop,House, Lounge,… all dies vermischt sich ohne jegliche Entfremdung im Alltagsleben dieser indischen Großstadt.

Auch die tradionelle arrangierte Ehe hat sich in diesem urbanen Milieu um einiges gewandelt. Nein, hier ist man noch mit 15 in der Schule und sucht mit 23 nach einem Masterabschluss eine gute Arbeitsstelle, womöglich im Softwarebereich. Nach etwa 2 Jahren Stadtleben machen sich die jungen Leute und deren Eltern so langsam Gedanken … es wird ja Zeit. Zwar heiratet man heute für indische Verhältnisse später, besteht aber darauf mit Mitte/Ende 20 zu heiraten.

Interessant ist es jedoch, dass man sich nicht die Mühe macht, einen Partner selbst zu finden, sondern bei der Angelegenheit der Hochzeit doch die Familienmitglieder involviert. So ist es auch im urbanen Milieu noch die Regel, dass die Eltern auf den Online-Partnerbörsen wie www.Shaadi.com oder www.Bharatmatrimony.com eine/n junge/n hübsche/n passende/n Frau oder Mann finden und die Kontaktdaten dem Sohn oder der Tochter in der Stadt weiterleiten. Die jungen Leute finden das sehr praktisch. Man trifft sich in einem der Coffee-Shops (nicht umsonst lautet das Markenversprechen einer der größten Caféketten Indiens „A lot can happen over coffee“) und redet über Gott und die Welt. Man bleibt in Kontakt whatsappt, skyped, textet, viberd.. und erklärt den Eltern, wenn alles positiv verläuft, dass er/sie sympatisch sei und man sich vorstellen könne mir ihm/ihr zu leben. Nein, man glaubt in Indien nicht, dass man alles genau erkundet und ausprobiert haben muss bevor man zusammenlebt. Den Rest überlässt man den Göttern, dem Glück, der Neugierde und der Zukunft. Man sollte sich immer wieder überraschen können und überraschen lassen.

Hier ein Beispiel einer modernen jungen Inderin. Koyal ist Studentin an einem der besten Lehrinstitute für Kunstgestaltung in Bangalore. Ihre Eltern haben sich selbst kennengelernt. Koyal und ihre Schwester haben eine sehr moderne Lebensweise, tragen gerne kurze Hosen und Miniröcke, sie reden „frei Schnauze“, dominieren mit ihrer Lebendigkeit selbstsicher Gespräche mit Gleichaltrigen. . Zur arrangierten Hochzeit kommentiert Koyal, 22 Jahre: „I don’t find anything wrong with the thought of an arranged marriage. My parents know me in and out. Whats so wrong if they find me a boy who suits me. I mean, I can just meet him and possibly I’d like him. It‘s Cool.“

Hier ist eine Erklärung auf youtube: What is an arranged Marriage?

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Theresa Moozhiyil

Theresa Moozhiyil

ist sowohl in Deutschland als auch in Indien aufgewachsen und mit den kulturellen Besonderheiten beider Länder tief vertraut. Sie hat über mehrere Jahre in leitender Funktion im Goethe-Institut Bangalore Aktivitäten zur Vermittlung deutscher Kultur in Indien begleitet. Heute arbeitet Sie als CFO für das IT Entwicklungszentrum der Categis Solutions Pvt. Ltd. Außerdem arbeitet Sie im Bereich Marketing und Sales für nachhaltigen Tourismus in Südindien: BASIS-Reisen Indien

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