Indiens verdrängte Wahrheit – Streitschrift gegen ein unmenschliches System

Buchvorstellungen

Franz Zang - Gast AutorGeschrieben von:

Ansichten: 1948

Katerstimmung statt Indien-Hype. Die übertrieben optimistischen Erwartungen an Indiens Entwicklungsdynamik aus den Jahren 2001ff weichen in vielen Bereichen Ernüchterung. Statt optimistischer Prognosen bieten aktuelle Bücher über Indien nun einen kritischen Blick auf Systemfehler und Hemmschuhe der Entwicklung. So auch diese Streitschrift der Asien-Kenner Christoph Hein und Georg Blume. Unerbittlich legen Sie mit berechtigter Kritik den Finger in die Wunde – wenn auch positive Entwicklungstendenzen in jüngerer Vergangenheit unerwähnt bleiben und ein allzu düsteres Bild entsteht.

Autorenprofil: Franz Zang ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz (Bad Kissingen) in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und durch viele Kontakte mit der Bevölkerung die Situation vor Ort kennengelernt.

Bücher über Indien: „Indiens verdrängte Wahrheit“ – Die Autoren

„Indiens verdrängte Wahrheit“, Georg Blume / Christoph Hein, edition Körber-Stiftung, 2014

Christoph Hein ist Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er promovierte in Münster, lebt seit 1999 in Singapur und arbeitet vor allem aus Indien. Hein schreibt über den gesamten asiatischen Raum und veröffentlichte mehrere Sachbücher.

Georg Blume ist seit 1985 Auslandskorrespondent. Er arbeitete – vor allem für DIE ZEIT und die tageszeitung (taz) – aus Peking, Tokio und Paris. 2009 zog er nach Delhi. Seit 2013 berichtet Blume für DIE ZEIT erneut aus Paris. Für seine Tätigkeit in Indien wurde er 2012 mit dem Medienethik-Award META ausgezeichnet. Er veröffentlichte mehrere Sachbücher.

Bücher über Indien: „Indiens verdrängte Wahrheit“ – Der Inhalt

Die Geschichten sind erschütternd, die Zahlen so mächtig, dass sie der Leser kaum glauben mag. Die Fakten, die die beiden Autoren sorgfältig zusammengetragen haben, würde man am liebsten als völlig unglaubwürdig abtun – aber Datenquellen wie Weltbank, Kinderhilfsorganisationen oder UNICEF lassen keinen Zweifel an der Richtigkeit der Angaben. Dass etwa jedes Jahr mindestens 100.000 Frauen bei lebendigem Leib wegen der Mitgift (eigentlich: aus Habgier) verbrannt werden, meist von ihren eigenen Ehemännern, wer mag sich so etwas vorstellen?

Einen der zentralen Kritikpunkte am „System Indien“ legt die Streitschrift auf die schwache gesellschaftliche Stellung der Frau. Das vorliegende Buch zeichnet glaubhaft ein Ausmaß an Gewalt und Unterdrückung von Frauen und Mädchen, das alle Vorstellungen übersteigt. Von Geburt an – wenn es denn zur Geburt kommt – werden Mädchen benachteiligt: „Wer auf dem Land so arm ist, dass er sich keine Ultraschalluntersuchung leisten kann, lässt die als überflüssig empfundene Tochter nicht selten im Kleinkindalter verhungern.“ Schon vor Jahren hatte der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen festgestellt, dass dem Land Millionen von Frauen fehlten. Auf der Suche nach diesen Millionen fehlender Frauen stießen er und inzwischen weitere Forscher auf weitverbreitete Praktiken der Frauenvernichtung wie die Abtreibung weiblicher Föten, unzureichende medizinische Versorgung oder eine große Zahl von Brautverbrennungen.

Doch nicht nur Mädchen trifft das Schicksal des Hungertodes. Laut den Zahlen von UNICEF starben in Indien im Jahr 2012 jeden Tag (!) 3.835 Kinder an Unterernährung. Dabei müsste in Indien eigentlich niemand hungern: Indien ist nicht nur größter Rindfleischexporteur, sondern produziert auch die meiste Milch (Vgl. auch den Artikel: Die heiligen Kühe Indiens – Mythos und Realität). Zwar wird dieses Drama der Unterernährung (im ländlichen Indien) von den Medien durchaus thematisiert (und damit politisiert). So berichtete im Oktober 2013 die Zeitung The Hindu , dass in Indien 40% der Kinder unter fünf Jahren Untergewicht hätten. Nur einen Monat später meldete die The Times of India, dass 87% der Landbevölkerung im Bundesstaat Bihar (ca. 100 Mio. Einwohner) zu wenig zu essen hätten. Nach Einschätzung der Autoren werden solche Zahlen jedoch weitgehend ignoriert, zudem werfen sie der Presse vor, diese Tatsachen eher als Randnotiz zu behandeln. [1, 2]

Der Leser fragt sich schon nach wenigen Seiten fassungslos: Wie kann es dazu kommen? Die Autoren Blume und Hein verorten die Verantwortung im Wesentlichen bei den Politikern, die dieses menschenverachtende Herrschaftssystem zulassen würden. „Die nötige Hungerhilfe wäre nicht teuer, aber die Korruption tötet uns“, so einer der vielen Zeugen, die von den Autoren angeführt werden. Es sind die Beamten, die Dorfvorsteher, die oberen Kasten, die Bürokratie, die dieses Unrecht und zahlreiche weitere gravierende Missstände zulassen: Lehrer an öffentlichen Schulen, die nicht zum Unterricht erscheinen. Lebensmittelhilfen, die nie ankommen. Bestechungsgelder, ohne die vielfach keine Einschulung möglich ist.

Die Geschichte liefert immer wieder Beispiele von Gesellschaften mit schwachen und regellosen Institutionen, wo diejenigen sich alles nehmen, die dazu in der Lage sind. Eben dieses Verhaltensmuster der Eliten machen die Autoren auch als charakteristisch für Indien aus: Denn die Wohlstandszuwächse Indiens wurden zunächst einmal innerhalb der Hierarchiespitzen verteilt, während bei den rechtlosen Unberührbaren so gut wie nichts ankam. Am besten trifft wohl folgende Einschätzung des Ökonomen Rajiv Kumar aus Neu-Delhi die Gemengelage von Kastendenken, Habgier und Versagen der neuen Eliten und seine Folgen: „Historisch gesehen hat das Bürgertum überall eine wichtige fortschrittliche Rolle gespielt. Es hat die Renaissance hervorgebracht, die Modernisierung; es hat im Interesse der eigenen Klasse gehandelt, aber auch jeweils im Interesse des eigenen Landes. Diese Rolle nimmt das indische Bürgertum überhaupt nicht wahr.“ [3]

Da ökonomische Aufstiegschancen vor allem im urbanen Lebensumfeld zu finden sind (wo zudem der Einfluss des Kastenwesens geringer ist), bleibt die Flucht in die Stadt oft die einzige Chance. Kein Wunder also, wenn die Anzahl der Menschen in den Slums der Großstädte weiter anwächst: Von 52 Mio. im Jahr 2001 auf geschätzte 104 Mio. im Jahr 2017, also fast ein Zehntel (!) der indischen Bevölkerung. Die Landflucht hat freilich noch einen anderen Grund, nämlich die wachsenden Existenznöte der Kleinbauern. Schleichende Enteignung durch veränderte Produktionsbedingungen, die von Pestizideinsatz und Kunstdünger ausgelöst werden. Immer öfter ausbleibenden Monsunregen. Der dramatisch fallende Grundwasserspiegel. Die Recherchen der Autoren zeigen auf, dass hier keine adäquaten Reaktionen seitens der Regierung erkennbar sind.

Last but not least verweisen die Autoren Blume und Hein auf die Versäumnisse der Wirtschaftspolitik, die Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wachstum in Indien geschaffen zu haben. „Wer seit Jahrzehnten vor Ort ist, wie Siemens oder Bosch, verdient prächtig. Und natürlich gibt es auch Mittelständler, die auf Anhieb Erfolg haben. Aber viele, die neu kommen, werden über den Tisch gezogen.“ Zu den größten Herausforderungen für deutsche Unternehmen zählen mangelnde Rechts- und Patentsicherheit sowie Korruption. Der Reformstau ist notorisch und führt zwangsläufig zu einer Zurückhaltung der Investoren, in Zahlen sieht das wie folgt aus: „Wollten 2011 noch gut 44 Prozent ihre Investitionen auf dem Subkontinent ‚deutlich erhöhen‘, waren es 2012 nur noch 25 Prozent. 4 Prozent der Deutschen wollten schon 2011 ihr Engagement verringern, ein Jahr später beträgt die Zahl schon 10 Prozent.”

Sind Lösungen in Sicht? Die Autoren schreiben im Klappentext, der Westen könne den Indern helfen, ihre eigene Wirklichkeit enger ins Auge zu fassen und weniger Wahrheiten zu verdrängen. Diesen Anspruch einer (berechtigten) Kritik an Indiens Gesellschafts-, Wirtschaftssystem und Politik erfüllt das Buch zweifelsohne. Lediglich in zwei Punkten wird das Buch Indien meines Erachtens nicht vollständig gerecht:

Zum einen ist Indien ein Flickenteppich von Bundesstaaten mit je eigenen Entwicklungsstand, was eine differenzierter Darstellung erfordert. Denn Bihar ist nicht Tamil Nadu, Uttar Pradesh ist nicht Gujarat – die Unterschiede sind erheblich in punkto Wirtschaftskraft und sozialer Entwicklung. Zum anderen gilt: Wenn auch die kritische Bestandsaufnahme stimmt, so nimmt sich das Buch im Vergleich zu der gleichzeitig erschienenen Indien-Analyse des Journalisten Simon Denyer zu düster aus: Rogue Elephant: Harnessing the Power of India’s Unruly Democracy dokumentiert ebenso kritisch politisches Versagen und soziale Missstände in Indien – gleichzeitig jedoch macht der Autor auch nachvollziehbar Veränderungen bzw. Anzeichen für positive Veränderungen aus, die im Rückblick Wendepunkte auf Indiens Entwicklungspfad markieren könnten.


[1] “Bihar ranks 74th in global hunger index“, Vithika Salomi, 13. September 2013, in: www.timesofindia.indiatimes.com, http://timesofindia.indiatimes.com/city/patna/Bihar-ranks-74th-in-global-hunger-index/articleshow/22530080.cms (Seitenabruf 22. 4. 2014)
[2] “India still far behind in the Global Hunger Index“, 24. Okotber 2013, in: www.thehindhu.com, http://www.thehindu.com/news/national/india-still-far-behind-in-the-global-hunger-index/article5234511.ece (Seitenabruf 22. 4. 2014)
[3] „Ein Zinssatz von 36%“, Jan Ross, in: DIE ZEIT, 16. April 2014

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Franz Zang - Gast Autor

ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und setzt sich insbesondere mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung auseinander.

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