Motorradführerschein in Indien: 30 Euro – 4 Fahrstunden – 8 Tage

Motorradtouren in Indien

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Gemeinhin erfordert Indien Geduld: Ursachen sind meist eine obstruktive Bürokratie, Lieferanten mit haarsträubendem Projektmanagement oder eine träge Laissez-Faire-Haltung. Umso überraschender war es, innerhalb welch kurzer Frist man in Indien zu einem Motorradführerschein kommt. Von Null auf Hundert in 8 Tagen. Unglaublich! Ein Erfahrungsbericht.

Motorradführerschein in Indien: 30 Euro – 6 Fahrstunden – 8 Tage

Indiens Klima, insbesondere in Südindien, ist ganzjährig frühlingshaft bis hochsommerlich. Ideales Wetter für Motorradfans. Zudem kann man gerade mit dem Motorrad das Land Indien hervorragend erschließen – auf Tagesausflügen oder auf mehrtägigen Motorradtouren. Wer als Expatriate im Land lebt und noch keinen Motorradführerschein hat, wird das früher oder später in Erwägung ziehen. Für mich kam die Entscheidung Anfang 2014. Meine Frau und ich begaben uns also auf die Suche nach einer Fahrschule.

Über die „Gelben Seiten“ (hier: www.justdial.com) recherchierten wir einige „Driving Schools“. Bei den telefonischen Anfragen dann schon die erste Überraschung: Eine ganze Reihe von „Fahrschulen“ wollen und können gar keine Fahrstunden anbieten, sondern beschränken ihr Dienstleistungsangebot darauf, im bürokratischen Dschungel des RTO (=“Regional Transport Office“) den Führerschein zu besorgen – je nach Zahlungsbereitschaft mit bzw. ohne Fahrprüfung. Wie sich über Gespräche mit Bekannten vor Ort herausstellte, fahren (die meisten) Motorradfahrer im ländlichen Indien ohne Führerschein, Polizeikontrollen finden dort de facto nicht statt. Erst wenn sie dann in eine Metropole wie Bangalore ziehen, wo Polizeikontrollen wahrscheinlicher werden, kann man die Führerscheinpflicht nicht mehr ignorieren. Da diese Kandidaten aber bereits langjährige Fahrpraxis haben, geht es nur noch um Formalitäten. Das ist tatsächlich der Regelfall. Viele Motorradfahrer fahren aber im Übrigen auch in Städten wie Bangalore weiterhin ohne Führerschein (zum Beispiel ein ehemaliger Mitarbeiter unseres IT-Entwicklerteams).

So verlockend die Vorstellung eines Führerscheins ohne Fahrstunden und Prüfung auf den ersten Blick auch erscheinen mag, für einen Anfänger bleibt das purer Nonsens. Kein Mensch (aus dem Westen) bei klarem Verstand stürzt sich mit einer 25PS-Maschine in das Verkehrschaos auf indischen Straßen, ohne sich mit einem Mindestmaß an Souveränität durch das Gewühl an Rickshaws, Rollern, Stadtbussen und LKWs manövrieren zu können. Also Fahrstunden. Meine Frau und ich fanden schließlich nach einigen Telefonaten eine vertrauenserweckende Fahrschule: Dhanush. Wir verhandelten den Preis (umgerechnet ca. 30 EUR für 6 Fahrstunden inkl. Fahrprüfung!), vereinbarten Termine für unsere ersten Fahrstunden und bereiteten uns dann schon einmal mit einigen YouTube-Videos mental vor (z.B. Anfahren, Schritttempo fahren, Bremsen, Kurvenlinie). Die vielleicht wichtigste Lektion für zukünftige Motorradfahrer in Indien erteilte uns vorab bereits ein guter Freund und Enfield-Enthusiast, Lalit Kamra: “What are the 3 most important things for bike drivers in India? – Good brake, good horn and good luck!”.

Schließlich die erste Fahrstunde: Nach Anweisung des Fahrlehrers schoben wir (sprich: meine Frau ODER ich) das Fahrschulmotorrad im Leerlauf (Pulsar, 100cc) zunächst einige Runden „to get a feeling for the balance of the bike“. 15 Minuten später durften wir aufsetzen und drehten einige weitere Runden, wie auf einem Bobby-Car, uns jeweils abwechselnd mit dem rechten und linken Fuß abstoßend. Weitere 10 Minuten später die nächste Balance-Übung: Aufsitzend auf dem Bike eine etwa 20 Meter lange Strecke mit leichtem Gefälle herunterzurollen und unten abzubremsen. Voilà. Der Fahrlehrer war zufrieden mit uns, wir durften den Zündschlüssel umdrehen. Wow, gutes Feeling, wir drehen ein paar Runden, testen schon mal den zweiten Gang, abbremsen, Ständer ausstellen, Zündschlüssel auf Stopp. Ende der ersten Fahrstunde. Je eine Stunde für meine Frau und mich. Die zweite Fahrstunde am nächsten Tag begann mit einigen Aufwärmrunden auf dem Übungsgelände, dann hieß es: Raus auf die Straße, die um das Übungsgelände führte, rechts abbiegen, links abbiegen, wieder zurück. Der Fahrlehrer wartete derweil auf dem Übungsgelände. Wer von uns zwei Fahrschülern (meine Frau und ich) jeweils nicht auf dem Motorrad übte, plauderte ein wenig mit dem Fahrlehrer: über die Motorradmarken „Royal Enfield“ oder „KTM“, über Deutschland und so weiter. Ende der zweiten Fahrstunde.

Zu Beginn der dritten Fahrstunde (Tag 3) nahm der Fahrlehrer hinter mir auf dem Sozius Platz und wir fuhren über eine (ziemlich) stark befahrene Straße zur nächstgelegenen Tankstelle. Auftanken, dann wieder zurück. Er zeigte mir die nächste Übungsstrecke (innerhalb eines Wohngebiets), ich brachte ihn zurück, startete dann alleine zur Übungsstrecke. Rechts, links, Bremsen, Anfahren, Hochschalten, Runterschalten, ein erstes Gefühl von Sicherheit auf dem Sattel stellte sich ein. Dann meine Frau. Ende der dritten Fahrstunde. Der Fahrlehrer erklärte, „you are perfectly driving, you don’t need driving lessons anymore.“ Wie, das war’s schon?! – „Yes“, der Fahrlehrer nickte bestätigend (bzw. wackelte den Kopf). – Wie denn die Fahrprüfung aussehen würde, fragte ich. – „Well, there’s the inspector and 20 candidates. You take the bike, drive over there (er zeigte auf einen etwa 100 Meter entfernten Punkt auf dem Übungsgelände), make a turn and come back. That’s it. Basically, you must understand, it’s only about money-making.“ (So war’s dann auch). “Money-making” lässt sich etwa wie folgt übersetzen: Die Fahrschulprüfung kostet einen Betrag X, ganz gleich ob die Prüfung eine Minute oder eine Stunde dauert. Aus Sicht des Inspektors ist eine Minute optimal. Also: 100 Meter vorwärts fahren, U-Turn und wieder zurück …20 Kandidaten, 20 Minuten.

Der Fahrlehrer hat uns im Übrigen noch eine vierte Fahrstunde zugestanden – aber dann war endgültig Schluss. Nach vier Fahrstunden! Wer das Motorradfahren also ernst nimmt und auch in Gefahrensituation richtig reagieren will, dem seien einige zusätzliche Fahrstunden in Deutschland dringend empfohlen. Es lohnt sich. Hier noch ein Erlebnis zum Schluss: Einige Wochen später machten wir unsere erste Probefahrt bei einem Royal Enfield-Händler, und zwar mit einer Thunderbird 500 (fantastisches Bike im Übrigen, wir haben es schließlich gekauft). Bei einem Zwischenhalt zum Fahrerwechsel (meine Frau und ich machten die Probefahrt gemeinsam) gingen wir einmal um die Maschine herum und stellten erstaunt fest, dass gar kein Nummernschild angebracht war. Weder vorne noch hinten. Kein Tageskennzeichen, nichts! Indien halt. Unglaublich. Incredible !ndia …

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Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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