Philosophisches Curry: Das Ziel ist das Ziel. Von Straßenkühen und Postämtern

Reisen in Indien

Dr. Regina PotocnikGeschrieben von:

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Wer es als Fußgänger mit der Metropole Bangalore aufnimmt, kann sich abends in seinem Bett als wahrer Sieger fühlen. Es bleibt keine Zeit für Überlegungen, kein Raum zu zögern. Hesitation kills! ruft mir ein (britischer!) Mopedfahrer entgegen. Man muss sich dem Wirrwarr stellen und eintauchen in das Gelärm aus Hupen und quietschenden Bremsen; es gibt keine Ampeln oder Vorschriften. Dazwischen Kühe, Hunde, Kinder, Autoskooter und Fahrräder, Ochsenkarren und Rikschas.

Ich denke an den ausgeleierten Satz: „Der Weg ist das Ziel!“ und frage mich, gilt das auch auf Indiens Straßen? Oder sind wir froh, wenn wir den Weg geschafft haben und heil am Ziel angelangt sind?i

An ihr Ziel sollen auch die Kinderspielsachenii, die mir eine Freundin in Wien für ein Waisenhaus in Trivandrum mitgegeben hat und die ich heute zum Postamt in Bangalore bringe. Das Ziel ist spezifisch, messbar, angemessen, realistisch und terminiert: das Spielzeug will ich heute als Paket an das Divine Children´s Home schicken, um es nicht noch weiter mit mir herum schleppen zu müssen. Wenn ich in ein paar Wochen vor Ort bin, werde ich nachsehen, ob alles auch gut angekommen ist.

Indiens Postämter sind mühsam, also stehe ich bereits vormittags am Hauptpostamt von Bangalore in der Warteschlange. Dummerweise ist jedoch der Mann, der meine Päckchen zu einem solchen professionell verschnüren und zusammen nähen soll, schon auf Mittagspause. Man rechnet nicht vor 14 Uhr mit seiner Rückkehr. Ich nehme mein Zeug wieder an mich und beschließe durch den Cubbon Park zu schlendern, mir irgendwo einen Café zu gönnen und die Zeit zu vertrödeln. Ich zähle sieben Straßenhunde, zwei Ratten, vier tibetanische Mönche sowie etliche glotzende Männer in schön gebügelten hellblauen oder rosa Hemden. Ich geselle mich in sengender Mittagshitze zu ein paar Geschäftsleuten an einen Chai-Laden und schlürfe solidarisch hektisch meinen Tee, für den ich nur wenige Rupien bezahle. Dann zurück zur Post. Von dem Mann, der mein Päckchen nähen soll, fehlt jede Spur.

Vielleicht käme ich morgen wieder, rät ein freundlicher Herr von Schalter eins. Die nette Dame von weiter hinten keift, ich solle mich gefälligst gedulden, der Näher würde schon kommen! Da ich schon dringend auf die Toilette muss, bitte ich, mir die Angestelltentoilette zu zeigen. Mein Geschäft auf diesem Trittbrett-Klo zu verrichten scheint nicht einfach. Ich muss mir meine Handtasche und meine Versandware unter den Arm klemmen, gleichzeitig die Hosenbeine hochkrempeln, mit dem anderen Arm die Türe aufstoßen, mich hinhocken, ohne dass alles auf den Boden in die knöchelhohe Urinsuppe fällt, die Tür von innen festhalten, denn es gibt kein Schloss, irgendwie dabei nicht umfallen und dann dem Gestank wieder entkommen … so der Plan. Ich verwerfe ihn angesichts der schieren Unmöglichkeit. Frage an den aufmerksamen Leser: War der Weg das Ziel? Nein! Ans Ziel soll ich aber in dieser Toilette nicht gelangen.

Wie durch ein Wunder ist der Näher inzwischen zurück und beginnt sogleich, mein Paket zu verschnüren. Auf zurück zu Schalter eins, an dem man die Ziel(!)-Adresse angeben muss und dann zu Schalter zwei, an dem man die Briefmarken bekommt. Unnötig zu erwähnen, dass ich nicht die Einzige bin, die sich anstellt.

Das Päckchen werde ich schließlich los und sinke erschöpft kurz vor Einbruch der Dunkelheit im klimatisierten Coffee Day in einen Sessel, verdrücke ein Samosa und beobachte die jungen Schönen, wie sie in ihre Handys tippen. Das Coffee Day ist eine indische Caféhauskette mit über 1400 Filialen in Indien. In Wien eröffnete neben Karachi die erste nicht-indische Niederlassung. Ich fühle mich heimisch. Nämlich fremd. Und frage mich: Ist der Weg das Ziel?iii

„Ach das Gesülze vom “Weg als das Ziel“. Hält einer, bitte, einmal inne und hängt den Satz in die Höhe, hoch genug, um ihn in seiner ganzen Dümmlichkeit zu betrachten.

Tausend Mal nein … Dem röchelnden Herzkranken in einer Ambulanz, die im Stau nicht weiterkommt, rufe ich beschwingt zu: “Don’t worry, relax, nicht das Krankenhaus ist das Ziel, nein, der Weg dorthin!“ Und dem Aids-Verseuchten klopfe ich generös auf die Schulter: “Hey, Abkratzer, du lernst es auch nicht! Nicht das Medikament ist wichtig, sondern die vielen Jahre zu seiner Entdeckung!“ Und dem nächsten Hungerspecht, dem ich in Afrika begegne, will ich eine Lektion erteilen: “Mensch, Skeletti, genieße den Weg zur Hirsesuppe! Sie wird kommen oder nicht, Hauptsache, du bist unterwegs!“ Und der 25-Jährigen, die sechs Jahre als Bedienung jobbte, um sich ihr Medizinstudium zu finanzieren, schreibe ich nach dem verfehlten Examen einen Trostbrief: “Liebe Adele-Bernadette, lass los! Auch Kellnern kann schön sein, auch dort wird deine Buddha-Natur knospen und gedeihen!“
Nichts als die reine Idiotie. Der Röchler will sein Herz zurück, der Infizierte sein Immunsystem, der Afrikaner ein Gefühl von Sattsein und die Durchgefallene hasst Bierkrüge schleppen und will als Ärztin ihr Geld verdienen. Sie alle, ohne Ausnahme, machten sich auf den Weg, um ans Ziel zu gelangen. Ohne ein Ziel wären sie nicht losgegangen.
Das Ziel ist das Ziel. Jetzt stimmt der Satz!“

Aus „Sucht nach Leben. Geschichten von unterwegs.“
Andreas Altmann, Reisereporter und Schriftsteller

Ich weiß, Andreas´ Worte regen auf. Gerne lese ich diese, seine Zeilen anderen vor und beobachte dann die erhitzten Gemüter. Nachdenken ist manchmal unbequem. Ich bleibe dabei. Der Satz vom Weg als Ziel ist ausgeleiert. Mein Päckchen hatte ein ZIEL; sein WEG war den Kindern, die mit glücklichen Augen eben jenes öffnen durften, herzlich egal! Und indische Postämter versuche ich seither tunlichst zu meiden.

i. Mittlerweile stellt sich diese Frage auch in Österreich, denn die hiesigen Autofahrer sind so aggressiv, dass selbige den Weg kaum zu genießen scheinen. Sie wollen nur eines – ans Ziel!
ii. Bitte vermeiden Sie umständliche Sachspenden, wie die aus dieser wahren Geschichte; sämtlichen Organisationen, Vereinen oder privaten Institutionen, die sich gemeinnützigen oder wohltätigen Zwecken widmen, sind Geldspenden zumeist dienlicher. Siehe dazu auch gerne mein Projekt SlumKinderKunst – Kinderkunst schafft Leben.
iii. Aus meinen Tagebuchaufzeichnungen; Bangalore, 9.11.2007

Dr. Regina Potocnik

Dr. Regina Potocnik

Dr. Regina Potocnik studierte Jura mit Spezialisierung auf Völker- und Humanitätsrecht. Nach 15 Jahren in der Wirtschaft arbeitet sie nun als selbstständige Yogalehrerin, Trainerin und Coach. Sie verbrachte in Summe mehrere Jahre in Indien und leitet mehrmals im Jahr Yogareisen u.a. in Österreich, Portugal, Italien, Türkei, Bali und Indien getreu ihrem Motto: „Was Du beschließt, das wirst Du!“ www.go-rosa.com

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