Reisen in Indien: Die richtige Erwartungshaltung

Reisen in Indien

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Indien ist als Reiseziel aus verschiedensten Gründen beliebt: Nicht nur aufgrund der faszinierenden Andersartigkeit seiner Alltagskultur, der jahrhundertealten Kulturstätten und vielfältiger Naturerlebnisse, sondern auch für Ayurveda-Kuren oder spirituelle Erfahrungen. Neben einer guten Reiseplanung ist es mindestens ebenso wichtig, sich auf ein Land einzustellen, das andere Regeln und Standards hat als in Deutschland üblich.Hier die wichtigsten Tipps für Ihre mentale Vorbereitung auf Indien!

Reisen in Indien mit der richten Erwartungshaltung – Einführung

Reisebeschreibungen von Indien-Reisen klingen in der Regel (und nicht zu Unrecht) verheißungsvoll bis zauberhaft: „Die Metropole empfängt uns in der Altstadt mit ungewohnten Gerüchen und buntem Trubel. Eine herrliche Dynamik, der wir uns nicht entziehen. Auf zur Jama Masjid, der großen Moschee. Ein echtes Wahrzeichen aus rotem Sandstein und weißem Marmor. Danach gibt es Indien pur. Mit Ihrem Reiseleiter erkunden Sie das enge Gassengewirr im alten Delhi. Umso weitläufiger das Rote Fort (UNESCO-Kulturerbe), einstige Machtzentrale des riesigen Mogulreichs. Danach zu einem der imposantesten Bauwerke Indiens – das Grab des Humayun (UNESCO-Kulturerbe) liegt zudem in einem wunderschönen Park.“ Oder: „Früh geht es mit dem Zug nach Haridwar (Fahrzeit ca. 5 Std.), eine der sieben heiligen Städte Indiens, wo himmlisches Wasser in die Ganga fließt. An den berühmten Ghats befinden wir uns im wahrsten Sinne auf den Spuren des Gottes Vishnu: Hier hinterließ er angeblich seinen Fußabdruck. Geradezu göttlich ist die ganze Szenerie; unzählige Pilgerunterkünfte, Tempel, Statuen und sogar ein kleiner Leuchtturm säumen das Flussufer.“

Viele erwarten darum eine exotische Idylle geprägt von fernöstlicher Romantik oder aber eine Insel der spirituellen Glückseligkeit. Wohlgemerkt, die Beschreibungen sind keineswegs leere Versprechen. Aber die beschriebene Realität ist eingebettet in einen wirtschaftlichen Kontext, der für den Besucher ungewohnt ist. Zwar war Indien bis zum Beginn der (britischen) Kolonialzeit eine weltweit politisch wie wirtschaftlich führende Macht [1], und nicht zuletzt deshalb bietet Indien Reisenden eine Vielzahl an beeindruckenden Kulturstätten (Palastbauten, Sakralbauten). Heute aber zählt Indien zur Gruppe der „Emerging Countries“: Das Pro-Kopf-Einkommen in Indien liegt mit ca. 1.400 US-Dollar etwa 30 Mal niedriger als das vergleichbare Einkommen in Deutschland. Selbst unter Berücksichtigung einer höheren Kaufkraft liegt das verfügbare Einkommen in Deutschland immer noch 10 Mal höher [2]. Es kann also niemanden überraschen, dass diese wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Indiens das Erscheinungsbild des Landes sowie die touristische Infrastruktur prägen.

In kultureller Hinsicht ist Indien zudem in vielerlei Hinsicht ein Gegenmodell zur westlichen Hemisphäre. Einige Aspekte seien nachfolgend genannt: Die überragende Bedeutung der Familie (charakteristisch für viele asiatische Länder); die Vielzahl an ko-existierenden Religionen (Hinduismus, Islam, Buddhismus, Christentum und mehr); eine größere Bedeutung der Spiritualität; das Kastenwesen und Vieles mehr. Nicht zuletzt das (überwiegend warme) Klima prägt die Lebensweise in Indien nachhaltig und bringt einen für Europäer ungewohnten Alltagskultur hervor. Es ist zwar schlichtweg unmöglich, eine so andersartige Kulturerfahrung vollständig vorauszudenken; die gedankliche Einstellung auf (radikal) Neues ebenso wie die Beschäftigung mit wesentlichen Aspekten Indiens sind jedoch unbedingt empfehlenswert. In diesem Sinne finden Sie nachfolgend ganz wesentliche Hinweise, deren Sie sich während eines Aufenthalts in Indien stets gegenwärtig sein sollten.

Reisen in Indien – Was Sie sehen werden

Wer Indien besucht, wird zweifellos begeistert von jahrhundertealten prächtigen Kulturstätten – Sakralbauten (z.B. Tempelstadt Madurai, Taj Mahal) ebenso wie Palastbauten (z.B. Palast der Winde, Jaipur). Jenseits der touristischen Pfade trifft der Reisende aber vorwiegend auf eine Architektur, die sich an den Prinzipien des Pragmatismus und der Kosteneffizienz orientiert. Das ist zunächst befremdlich für einen Besucher, der doch eine Reise in das „Land der Maharajas“ gebucht hat oder der das Ursprungsland von Hinduismus und Buddhismus als überdimensionalen Tempel imaginiert hat. Stattdessen: (Bunt gestrichene) Zweckbauten aus Beton oder mit Wellblech improvisierte Hütten, die als Teestand oder Restaurant dienen. Wer ein „Disneyland fernöstlicher Romantik“ erwartet, ist enttäuscht. Wer allerdings westliche Maßstäbe beiseite legt, wird zwangsläufig fasziniert von der allgegenwärtigen kreativen Fähigkeit, mit geringen Ressourcen eine funktionierende Infrastruktur bzw. ein Auskommen zu schaffen. Nehmen Sie einmal an, Sie hätten ein Startkapitel von 200 EUR und wollten damit ein kleines Café eröffnen? Eine Quadratur des Kreises? Nicht in Indien. Ebendavon handelt das „Wirtschaftswunder Indien“, das noch immer von knappen Ressourcen geprägt ist. Ich nenne dies das Prinzip des „kosteneffizienten Pragmatismus“, das den indischen Alltag, die Architektur und viele weitere Aspekte Indiens prägt.

Was für umweltbewusste Deutsche insbesondere Kopfschütteln hervorruft, ist ein fehlendes Umweltbewusstsein in Indien. Immer wieder finden sich am Straßenrand Haufen von (Plastik)Müll, bisweilen wird man auch Zeuge von „Müllverbrennung“, denn auf dem Weg entledigt man sich noch häufig des Unrats. Umwelterziehung findet in Indien tatsächlich gar nicht bis sehr wenig statt, wie eine einfache Szene illustriert: An einem Eisstand steht ein weithin sichtbarer Müllbehälter, aber nur ein oder zwei Meter davon entfernt reißen einheimische Käufer die Verpackung ab und lassen diese ganz selbstverständlich zu Boden fallen. Nun gilt zwar, dass der Umweltschutz in Indien auf der Liste drängender Probleme gewiss nicht an erster Stelle steht („Erst das Fressen, dann die Moral“) – auch im Industriestaat Deutschland hat der Umweltschutz erst in den Jahren einer „wirtschaftlichen Sättigung“ eine breite Öffentlichkeit bekommen (Gründung der Partei DIE GRÜNEN im Jahr 1980). Und zudem gilt: Indien ist geprägt von der Schwäche des Staates (versus starke Zivilgesellschaft), dem eine zentrale Rolle zukommt bei der Durchsetzung von Regeln im Umweltschutz und für eine funktionierende Müllentsorgung. Ungeachtet dieser plausiblen Erklärungen: Müll ist ein echter Störfaktor.

Eine weitere Besonderheit des Landes ist das selbstverständliche Nebeneinander des Heterogenen und Unvereinbaren. Indien wurde von unterschiedlichsten Einflüssen und politischen Machthabern geprägt, was sich in Gesellschaft und Lebenskultur sichtbar niedergeschlagen hat: Zum einen das Nebeneinander verschiedener Religionen – vom Hinduismus, Islam, Christentum, Buddhismus bis hin zum Zoroastrismus. Zum anderen das Kastenwesen, das Inder qua Geburt in eine soziale Hierarchie einordnet. Zudem prallen Tradition und Moderne gerade in den Metropolen sichtbar aufeinander und die Lebenskultur in einer Stadt wie Mumbai hat nur noch wenig gemein mit dem Leben auf dem Land. Das eigentlich Besondere: Das Heterogene ist Teil der alltäglichen Lebenserfahrung in Indien, während es für Europäer unverständlich ist. So blickt man als Europäer in Mumbai fassungslos von einem Wolkenkratzer der Hochfinanz direkt auf die Wellblechhütten der benachbarten Slums. Hier finden sich Moscheen neben Hindu-Tempeln; Luxushotel neben Ruinen; Ochsenkarren neben Luxuslimousinen; Heilige Männer (ca. 4-5 Mio. in Indien) neben Anzugträgern … auch der Unterschied zwischen Reich und Arm ist geradezu schwindelerregend: 10% des BSP geht an 55 Individuen, während gleichzeitig ca. 270 Mio. Menschen (Jahr 2012) unter der nationalen Armutsgrenze leben [3,4].

Apropos Armut: Indien hat bei der Armutsbekämpfung zweifellos Fortschritte erzielt, nicht zuletzt dank des Wirtschaftsbooms seit der Liberalisierung Anfang der 1990er Jahre. Aber der Kampf gegen die Armut ist noch nicht gewonnen. Wer Indien bereist, wird Armut begegnen – weniger im Süden Indiens (Goa, Kerala), mehr im Norden (Bihar, Bengalen, Rajasthan). Hier einige Tipps für den Umgang mit Armut: Ethische Leitplanken für den Umgang mit Armut in Indien. Und schließlich: Indien hat eine notorisch schlechte Infrastruktur. Die Straßen sind dem Verkehrsaufkommen nicht gewachsen, was insbesondere rund um Großstädte zu Staus und Wartezeiten führen kann. In vielen Teilen Indiens sind die Straßen mit Schlaglöchern übersäht, was längere Reisen per Auto eher beschwerlich macht. Längere Strecken innerhalb Indiens lassen sich darum am komfortabelsten per Flugzeug zurücklegen (Zahlreiche Flughäfen sind in den letzten Jahren vollständig modernisiert worden, z.B. Bangalore, Chennai). Der Grund für die schwach entwickelte Infrastruktur: Ein (in weiten Teilen der Geschichte Indiens) schwacher Staat, dessen Unzulänglichkeiten aber durch eine starke Zivilgesellschaft ausgeglichen werden [5].

Reisen in Indien – Mit welchem Verhalten Sie rechnen können

Kürzlich habe ich auf einem Blog die Klage eines Deutschen gelesen, der mit seiner Frau zwei Wochen in einem Luxusressort im Süden Goas (Indien) verbracht hatte. Eines abends wurden beide Gäste von der Hotelchefin zu einem Dinner im Strandhotel eingeladen – auf Kosten des Hauses, die Chefin würde sie abholen. Beide Gäste genossen schließlich ein opulentes Dinner. Sie wurden jedoch nicht von der Hotelchefin abgeholt, sondern von einem Mitarbeiter. Letzteres der Anlass für die Klage. Es handelt sich hier geradezu um einen Klassiker aus dem Handbuch eines interkulturellen Trainers. Merke: Ein Versprechen in Indien enthält in der Regel den Zusatz: „Ich werde mich bemühen“, die Verbindlichkeit ist also geringer. Es handelt sich dabei keineswegs um eine Lüge – das Versprechen ist zum Zeitpunkt der Aussage 100% ernst gemeint! Es ist vielmehr so, dass Umstände die Prioritäten verändern können, und Unvorhergesehenes passiert in Indien vergleichsweise häufig: Stromausfall, Krankheitsfall/Unfall in der (Groß)Familie, stundenlange Verkehrsstaus (aufgrund schlechter Infrastruktur), ein Streik (häufiger in Kerala, seltener in eine Stadt wie Bangalore) oder aber einer (sozial) höhergestellten Person muss Priorität eingeräumt werden. Pläne und Termine werden in Indien darum häufig angepasst.

Im Geschäftsleben Indiens etablieren sich in punkto Verbindlichkeit sukzessive die hohen Standards des Westens. Auch in Hotels der Oberklasse können Sie sich in der Regel auf Zusagen verlassen. Im eingangs erwähnten Fall des Luxushotels in Goa ist die Hotelchefin ihrem Versprechen einer Essenseinladung ja nachgekommen, auch wenn sie persönlich die Gäste nicht zum Restaurant begleitet hat (die Annahme ist durchaus plausibel, dass sich eine unvorhersehbare Situation eingestellt hat, die die Aufmerksamkeit des Managements erfordert hat). Der Verbindlichkeitsgrad einer Aussage ist für einen Inder im Übrigen immer klar, er stellt sich hierauf von Anfang an ein. Und wenn erforderlich, kann man die Verbindlichkeit auch erhöhen (z.B. schriftliche Vereinbarung, kontinuierliches telefonisches Nachfassen). In Indien ist man auf Planänderungen durch Unvorhergesehenes meist eingestellt. Bei Reservierungen in gehobenen Restaurants ist es vielfach üblich, dass der Gast ein bis zwei Stunden vor dem Reservierungszeitpunkt für eine Bestätigung angerufen wird. Und bei Flugbuchungen in indischen Reisebüros sind kurzfristige Stornierungen vergleichsweise einfach möglich: Im Gegensatz zu Deutschland bekommt man hier fast den gesamten Ticketpreis zurückerstattet.

Hier noch ein Auszug aus dem „Fettnäpfchenführer Indien“ [6], der sich mit einer weiteren Besonderheit Indiens befasst: “Tatsächlich, wo auch immer Sie sich aufhalten, wird Lärm eine stete Herausforderung sein, der Sie nicht entkommen können. Sei es der Straßenverkehr, der Ihr Hotelzimmer zu durchqueren scheint, sei es, dass um Mitternacht Bauvorhaben dringender Vollendung bedürfen, durchaus auch im Aschram, oder dass nebenan ein bis zwei Hochzeiten dröhnen plus einem Tempelfest. Bei Festen und Feiertagen, und davon gibt es unzählige, sind turmhohe Lautsprecheranlagen ein Muss – niemand soll von den Wohltaten der Feier ausgeschlossen werden. (…) Das Wort Zimmerlautstärke ist hundred per cent nicht im indischen Wortschatz enthalten, in keiner der einheimischen Sprachen. (…) Große Familien auf engstem Raum in dicht gedrängten Nachbarschaften bieten ihnen ein Hochleistungstraining. So bildet sich nicht nur eine Unempfindlichkeit gegen Dauerlärm in hohen Dezibelstärken aus, sondern es entsteht sogar das Bedürfnis nach einer angemessenen Dosis Lärm, die die Nähe der anderen Menschen fühlbar macht und somit ein wohliges Gefühl von Aufgehobensein erzeugt.“

Reisen in Indien – Hilfreiche Links & Videos

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[1] Indien war Anfang des 17-ten Jahrhunderts das reichste Land weltweit, mit etwa einem Viertel der weltweiten Wirtschaftsleistung, vgl. The World Economy, Bände 1-2 (OECD Veröffentlichung), Angus Madison, 2006, Seite 638
[2] Länderübersicht nach BIP pro Kopf, Wikipedia, Länderübersicht nach BIP pro Kopf
[3] Body of Unequal Evidence, Sunil Khilnani, in: “The Times of India” Bangalore Edition, 31.01.2014, Seite 20
[4] India: Poverty Trend (by national standards), Angabe zum Jahr 2012, Quelle: Weltbank, vgl. www.worldbank.org
[5] “India grows at night”, Gurcharan Das, Penguin, 2012
[6] „Fettnäpfchenführer Indien – Be happy oder das no problem-Problem“, Karin Kaiser, 3. Auflage 2013, Conbook Medien GmbH, Seiten 147f

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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