Royal Enfield – Kultmarke für Motorradfans in Indien

Motorradtouren in Indien

Sebastian ZangGeschrieben von:

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“Royal Enfield“ ist die älteste noch produzierende Motorradmarke der Welt und genießt unter Motorradfans in Indien Kultstatus. Dank weitsichtiger technischer Weichenstellungen und kluger Modellpolitik erlebt der indische Motorradhersteller aktuell wirtschaftlich eine Renaissance: Der Absatz hat sich zwischen 2010 und 2013 mehr als verdreifacht …

Kultmarke Royal Enfield in Indien – Einführung

Die „Royal Enfield“ mit Produktionsstandort im indischen Chennai (ehemals: Madras) genießt Kultstatus und Bikern in Indien, und sogar darüber hinaus: Immer mehr Motorradfans aus aller Welt kommen für eine Motorradtour auf dem „Vintage bike“ (Retro-Bike) nach Indien. Die charakteristischen Bikes, die das Design von Modellen der 1930er bis 1950er Jahre mit (einer Dosis) moderner Technologie verbinden, positionieren sich explizit als Kontrapunkt zu den windkanal-optimierten Hochleistungsmaschinen der japanischen Motorradindustrie.

„Bulletteers“ (Fans von Bullet-Bikes) suchen nicht etwa den Adrenalin-Kick im Geschwindigkeitsrausch, sondern das entspannte Genießen des Fahrtwindes bei sonorem Knattern des Motors: „The leisurely and relaxed feel of the engine (…) would keep the rider happy and contented in a Zen-like fashion rather than delivering an outright adrenalin rush“, schreibt etwa ein Testfahrer des Magazins „Motoroids“ [1]. Rishad Saam Mehta, Reisejournalist, nennt die Royal Enfield “a meditative motorcycle —on a Bullet on the highway, you feel alone and happy” [2].

Wer in Indien ein verlässliches und kosteneffizientes Bike zum Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsstätte sucht, der kauft sich eine Bajaj, Honda oder TVS. Wer den Geschwindigkeitsrausch will, landet bei Kawasaki, Aprilia oder KTM. Wer Motorradfahren als Hobby betreibt, wird früher oder später über eine Royal Enfield nachdenken. Das Hobby „Motorrad“ schließt Interesse an der Technik und das Schrauben / Herumbasteln an der Maschine mit ein, nicht zuletzt deshalb haben Royal Enfield-Fans auch eine hohe Toleranz für technische Schwächen des Motorrads. Der Royal Enfield-Fan und Besitzer eines Royal Enfield-Shops in den USA, Dan Holmes, erklärt sogar: „The Royal Enfield motorcycle (…) appealed to buyers, because one could tinker endlessly with it.” [2]. Natürlich, auch diese Toleranz hat seine Grenzen! Wurde die Loyalität zu Royal Enfield in den 1970ern und 1980ern von Qualitätsmängeln massiv auf die Probe gestellt, so begrüßten Fans von Royal Enfield erleichtert die längst fälligen Qualitätsverbesserungen in den 1990ern und 2000ern.“

Royal Enfield (gegründet 1893, erstes Motorrad gebaut in 1901) ist übrigens die älteste noch produzierende Motorradmarke der Welt. Sie ist älter als die britische Marke „Triumph“ (gegründet 1886, erstes Motorrad gebaut in 1902) oder „Harley-Davidson“ (gegründet 1903, erstes Motorrad gebaut in 1907).[3]

Kultmarke Royal Enfield in Indien – Geschichte

Die Motorradmarke „Royal Enfield“ wurde 1893 in Großbritannien gegründet. Im Jahr 1933 wurde das legendäre Modell “Bullet” (übersetzt: „Projektil“) hervorgebracht, Design-Blueprint für zahlreiche weitere gleichnamige Modelle bis heute. Tatsächlich ist die Bullet 500 inzwischen eines der meistgebauten Motorräder der Welt. Im Jahr 1955 baute der englische Motorradhersteller schließlich eine Produktion für die legendäre Bullet in Madras / Indien (heute: Chennai) auf, die Tochtergesellschaft firmierte unter „Royal Enfield India“.

Die Produktion von „Royal Enfield“ in England wurde 1970 eingestellt. Während der 1970er und 1980er Jahre treibt das Management von „Royal Enfield India“ das Unternehmen in eine hohe Verschuldung, 1994 übernimmt schließlich die Firma Eicher Goodearth Ltd. den verschuldeten indischen Motorradhersteller für einen symbolischen Preis; es kommt zur Umfirmierung in „Enfield Motors Limited“. Einige Jahre später (1999) gehen die Namensrechte an “Royal Enfield” nach Indien: Die in Indien gefertigten Motorräder heißen fortan nicht mehr „Enfield India“, sondern „Royal Enfield“. Zu diesem Zeitpunkt werden von dem Erfolgsmodell Bullet jährlich etwa 35.000 Stück produziert.

Das neue Management erreicht während der Restrukturierung in den 1990ern und 2000ern spürbare Verbesserungen bei der Produktionsqualität. Noch eine entscheidende Weichenstellung wird vorgenommen: Während bei Enfield Modellen vor 2010 Fusskupplung rechts und Fussbremse links angeordnet werden (anders als bei allen sonstigen Motorradherstellern), stellte die Motorrad-Manufaktur schließlich auf den Standard um. Gleichzeitig werden signifikante Investitionen in Technologie gemacht, nicht zuletzt der Wechsel zu den sogenannten Unit Construction Engines in 2009 (Technische Details hier: Unit Construction engine vs Cast Iron Engine ). Der Turn-Around durch Qualitätsverbesserungen und eine attraktive Modellpolitik gelingt: Royal Enfield Händler verzeichnen eine steigende Nachfrage, die Wartezeiten für eine „Royal Enfield Classic 500“ lagen zwischenzeitlich (2012) bei 18 Monaten – mit den gesteigerten Produktionskapazitäten (Einweihung neue Produktionsstätte im April 2013) hat sich diese Wartezeit inzwischen auf 6 Monate eingependelt.

Nachfolgende Dokumentationen liefern weiterführende Informationen zur Geschichte von „Royal Enfield“ sowie zum Erfolgsmodells „Bullet“:

Kultmarke Royal Enfield in Indien – Unternehmensentwicklung

Das Marktsegment für Motorrad-Liebhaber ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Das Wirtschaftswachstum seit den 1990er Jahren hat eine konsumfreudige Mittelklasse hervorgebracht, die Straßeninfrastruktur hat sich verbessert, ein Trend zum „leisure motorcycling“ hat eingesetzt. Kumar Kandaswami, ein Senior Director bei Deloitte Touche Tohmatsu India, erklärt: “Even at a rough estimate, there are easily half a million buyers out there who want to use motorcycles for leisure.” Dieser wachsende Markt hat bereits weitere Hersteller angezogen: Harley-Davidson hat 2009 die erste Verkaufsniederlassung auf dem Subkontinent eröffnet, die britische Marke „Triumph“ kam 2013 nach Indien.

Die Expansion des Marktsegments “Motorrad-Liebhaber” sowie die Repositionierung der Marke ”Royal Enfield” führte zu einem explosiven Wachstum zwischen 2010 und 2013. Von 50.000 verkauften Modellen in 2010 schnellte der Umsatz auf fast 175.000 Modelle in 2013 hoch. Der Exportanteil ist aber noch unwesentlich, gerade einmal 3.500 Motorräder wurden 2013 außerhalb Indiens verkauft. Das Management von Royal Enfield hat jedoch große Ambitionen. Das neueste Modell „Continental GT“ von Royal Enfield, ein sogenannter „Café Racer“, wurde im September 2013 mit großem Aufwand in London vorgestellt. “It’s the first bike that we’ve developed keeping the world market in mind,” erklärt Siddhartha Lal, CEO von “Enfield Motors Limited” [2].

Die Wachstumspläne werden untermauert von der Eröffnung einer neuen Produktionsstätte im April 2014 (Investment: 24 Mio. US-Dollar). Die kombinierte Kapazität der alten und neuen Produktionsanlagen ist für 2014 auf 250.000 Motorräder pro Jahr ausgelegt, eine weitere Steigerung auf 500.000 pro Jahr geplant. Zum Vergleich: Harley-Davidson hat in Indien von 2010 bis 2013 ca. 4.000 Motorräder verkauft (weltweiter Umsatz in 2013: ca. 260.000), der (Massen)Hersteller Honda setzte in Indien in 2013 ca. 3,7 Mio. Motorräder ab.

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[1a] “DAYS OF THUNDER! Royal Enfield Thunderbird 500 Review: Images, Specifications, Price And Details”, in: Online-Ausgabe von “Motoroids”, Deepak Dongre, 19.03.2013, URL: http://www.motoroids.com/reviews/days-of-thunder-royal-enfield-thunderbird-500-review-images-specifications-price-and-details/ [Seitenabruf 24.06.2014] [2] ”A Cult Motorcycle From India Takes On the World”, Samanth Subramanianjan, in: Online-Ausgabe der “New York Times”, 03.01.2014, http://www.nytimes.com/2014/01/04/business/international/a-cult-bike-from-india-takes-on-the-world.html?hp&_r=1 [Seitenabruf 24.06.2014] [3] “Royal Enfield“, in: Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Royal_Enfield [Seitenabruf 24.06.2014] [4] ”Royal Enfield’s success boosts Eicher Motors fortunes”, Varun Sinha, in: Online-Ausgabe von “NDTV Profit”, 15.01.2014, http://profit.ndtv.com/news/market/article-royal-enfields-success-boosts-eicher-motors-fortunes-377714 [Seitenabruf 24.06.2014] [5] ”Honda Targets 21% Rise in India Two-Wheeler Sales in FY15”, in: Online-Ausgabe von “NDTV Profit”, 13.05.2014, http://profit.ndtv.com/news/corporates/article-honda-targets-21-rise-in-india-two-wheeler-sales-in-fy15-388251 [Seitenabruf 25.06.2014] [6] ”Royal Enfield Unit Construction(UCE) Engine vs Royal Enfield Cast Iron (CI) Engine!”, Jay Prashanth, 05.04.2011, http://www.indiancarsbikes.in/motorcycles/royal-enfield-unit-constructionuce-engine-royal-enfield-cast-iron-ci-engine-34402/ [Seitenabruf 25.06.2014] [7] ”Harley-Davidson 4Q Report – Sales Up in 2013”, Byron Wilson, 30.01.2014, http://www.motorcycle-usa.com/568/17865/Motorcycle-Article/Harley-Davidson-4Q-Report—Sales-Up-in-2013.aspx [Seitenabruf 25.06.2014]

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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