Sechs Jahre Indien – ODER: Das Tiramisu-Prinzip

Die Indien Kolumne

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Nicht „arm aber sexy“ (Klaus Wowereit über Berlin), sondern „arm aber glücklich“. Mit solcherlei sozialromantischen Vorstellung tritt mancher die Reise in das geheimnisvolle, bunte Indien an. Herrje, es gibt die universale Glücksformel natürlich auch in Indien nicht! Gleichwohl erleben Indienbesucher bisweilen das einfache Leben auf dem Land als befreienden Rausch, oder entwickeln angesichts der Armut eine tiefe Dankbarkeit für das Privileg der Geburt im reichen Deutschland. Einige verzweifeln auch. Indien hält also einen bunten Strauß an Selbsterfahrungen bereit. Ich selbst war 6 Jahre dort. Als Expat bzw. Unternehmensgründer.

Sechs Jahre Indien – das erinnert ein wenig an die Filmbiographie „Sieben Jahre Tibet“ über Heinrich Harrer, der sich in den einfachen Verhältnissen Tibets vom egoistischen Arschloch zum Menschenfreund wandelte. Klingt toll. Super Erfahrung. Unbestritten gibt das Leben in Sichtweite von Armut Impulse für die Persönlichkeitsentwicklung, weckt häufig karitatives Engagement: Expats finanzieren Bildungsinitiativen, übernehmen Patenschaften, schaffen Bewusstsein als Aufklärer in Indien wie in Deutschland, fördern die eigene Maid und deren Kinder. Wir geben großzügig Trinkgeld und konsumieren fröhlich im Bewusstsein, dass jede ausgegebene Rupie die nationale Wirtschaft in Schwung bringt.

Man wird aber kein Heiliger. Es mag der Anteil von Wohltätigkeitsausgaben am verfügbaren Einkommen steigen, aber ich kenne keinen Fall, wo jemand nach dem Vorbild von Sankt Martin gehandelt hätte, den eigenen Mantel in zwei Hälften geteilt und an Bedürftige gegeben hätte. Es menschelt überall, auch bei Expats. Ein Besuch bei Starbucks kostet so viel, wie eine 4-köpfige Familie auf dem Land pro Tag zum Leben braucht, das Dinner im angesagten Restaurant kostet das 10-fache des durchschnittlichen indischen Tagelohns. Wie kann es sein, dass jemand guten Gewissens bei Starbucks Kaffee trinkt, wenn diese Ausgabe alternativ eine ganze Familie ernähren könnte? Im Rückblick stimmt mich das nachdenklich. Wir Expats sind doch keine Unmenschen?

Diese Frage gilt im Übrigen nicht nur für Expats, sondern für alle – ganz unabhängig davon, ob wir in Deutschland auf der Wohnzimmercouch sitzen oder in Indien im Rooftop Restaurant. Meine Beobachtung ist, dass bei Expats das Bewusstsein für eine ungerechte Chancenverteilung besonders stark ausgeprägt ist. Irgendwie ist uns auch klar gewesen, dass unser Status nicht allein und ausschließlich auf Leistung gründet, das „You didn’t built that“ von Obama wird sehr wohl verstanden. Wir werden aus verschiedenen Gründen aber trotzdem keine Heilige nach dem Vorbild von Sankt Martin.

Beginnen wir mit Statusbewusstsein: Soziale Gruppen geben Verhaltenskodizes, einen Habitus vor; in diesem Rahmen bewegen wir uns für gewöhnlich. Der Mensch ist außerdem Gewohnheitstier („Ich brauche morgens einen guten Kaffee“), wir belohnen uns für Anstrengung („Ich arbeite auch hart dafür“), und wir fordern nicht zu Unrecht zunächst das Engagement der Elite eines Schwellenlandes („Subsidiaritätsprinzip“). Vor allem aber leben wir einen Optimismus nach dem Tiramisu-Prinzip: Tira mi su, italienisch für „Zieh mich hoch“. Anders formuliert: Aufwärts immer, abwärts nimmer – Die Welt verbessern ohne Verzicht.

Wirklich? Optimismus? Je mehr ich über das Geschriebene nachdenke, desto mehr bin ich überzeugt, das dürfte es nicht ganz treffen. Die Irrungen und Wirrungen von Entwicklungspolitik in den letzten Jahrzehnten machen skeptisch. Das Beispiel China und Indien lehren, dass kluge Wirtschafts- und Bildungspolitik das beste Mittel gegen Armut sind; das Beispiel Zimbabwe zeigt, dass jahrzehntelange Entwicklungsarbeit mit einem politischen Streich zunichte gemacht werden können. Die Frage ist berechtigt, ob man besser einen von Steuergeldern finanzierten Wirtschaftsberater entsenden oder aber privat in Bildungsprojekte investieren sollte. Je größer die Unsicherheit über die Wirksamkeit von privaten Spenden, desto mehr orientieren wir uns am Prinzip „Das Hemd ist mir näher als der Rock“.

Ich persönlich habe keine Ambitionen, heilig zu werden. Aber als Arschloch will ich andererseits auch nicht in die Geschichte eingehen. Darum stelle ich mir die Frage nach dem richtigen Maß und Formen globaler Solidarität immer wieder neu. Es ist anstrengend. Aber ich kann eben nicht mehr behaupten, ich hätte von nichts gewusst.

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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