Spiritualität & Religion in Indien: Der Hindu-Tempel – Das Haus der Götter

Gesellschaft, Kultur, Politik

Ilja DekeyserGeschrieben von:

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Einer der ersten Anblicke, die man beim Anflug von Indien bekommt, ist die überwältigende Anzahl von Tempeln, die man in der Landschaft weit unter sich sieht: In Städtezentren, an Flussufern, auch komplett isoliert inmitten ländlicher Landschaften – überall sieht man unzählige Tempel, viele mit überdimensionalen Proportionen. Höchstwahrscheinlich gibt es nirgendwo sonst in der Welt so viele Tempel wie in Indien.

Die Errichtung von Tempeln ist sehr tief in der indischen Kultur verankert. Während in der Blütezeit der Vedischen Periode (1500 – 500 v.Chr.) der Feuerkult noch im Mittelpunkt stand, hat die Einführung der Anbetung von Götterbildern am Ende der Vedischen Periode möglicherweise das Prinzip des Tempels als Ort der Götteranbetung initiiert.

Im Gegensatz zu heutigen westlichen Religionen gibt es im Hinduismus keine Abgrenzung zwischen dem säkularen und dem spirituellen Aspekt des Lebens. Demzufolge werden Tempel auch nicht so sehr als Gemeinschaftsort einer Glaubensgemeinschaft gesehen, der Tempel ist vor allem ein Haus der Murti (das Götterbild). Die Murti wird als temporäre Manifestation und Verkörperung des Göttlichen verehrt.

Die wirkungsvollsten und meist erlösenden Murtis sind die so genannten selbst geoffenbarten Murtis. Solche Murtis wurden nicht von Menschenhand eingesetzt, sondern wurden direkt von der Gottheit empfangen. Derartige Murtis findet man meist in älteren Tempeln. Ein Beispiel solch einer selbst geoffenbarten Murti ist das Durga-Bild im Durga-Tempel im Pilgerort Varanasi. Hindus betrachten die Murti sowohl als Repräsentation der Göttlichen Energie, als auch als direkten Kanal zu Gott.

Die Tempel werden hauptsächlich besucht, um eine Darshana der Murti zu bekommen. Eine Darshana ist eine erlösende Ansicht, eine Vision der Gottheit. Neben der Hauptgottheit beheimatet jeder Tempel oft noch eine große Anzahl Abbildungen anderer Gottheiten. Da bei einem Tempelbesuch die Verehrung der göttlichen Energie im Götterbild zentral ist, gibt es für den Tempelbesuch keine festen Uhrzeiten oder Tage.

Obwohl die Schriften genaue Vorschriften für die Anbetung der Götterbilder enthalten, haben die meisten Tempelbesucher ihre individuellen Gewohnheiten bezüglich der Verehrung der Götterbilder. Es gibt jedoch auch Gemeinsamkeiten, zum Beispiel das Läuten der Glocke am Tempeleingang (für die Aufmerksamkeit des Abbilds), das Aufmalen eines sogenannten Tilaks auf der Stirn durch den Tempelpriester und der Verzehr von kleinen Stücken Prasad (Opfergaben die vom Priester geweiht wurden) nach Verehrung des Götterbildes.

Mehrere Male am Tag findet auch eine Verehrung des Götterbildes in einer Gruppe statt. Dennoch gibt es im Hinduismus keine Verpflichtung zu Tempelbesuchen oder zur Inanspruchnahme von Dienstleistungen eines Tempelpriesters.

Neben der Funktion, ein Haus für die Murti zu sein, dienen Tempel auch dem Zweck, durch ihre Architektur das Universum abzubilden. Die Tempelarchitektur symbolisiert die Kombination des Absoluten, des Endlichen und des weltlichen Zeitkonzepts: Der Glaube, dass alles vom gleichen Ursprung stammt und miteinander verbunden ist. Um das zu erreichen, basiert die Tempelarchitektur meistens auf dem Muster eines Mandalas.

Solch ein Mandala enthält in der Regel strukturierte kleinere Quadrate (Padas). Diese Padas repräsentieren die Sphäre der universalen Energie (Brahma Padas), die Sphäre der Götter (Devika Padas), die Sphäre der Menschen (Manusha Padas) und die Sphäre der Dämonen (Paisachika Padas). Oft sind dabei die Ecken des Mandalas den Wächtern der Himmelsrichtungen gewidmet: Surya (der Osten), Agni (der Süd-Osten), Yama (der Süden), Nirrti (der Süd-Westen), Varuna (der Westen), Vayu (der Nord-Westen), Kubera (der Norden) und Ishana (der Nord-Osten). Die zentrale Gottheit ist typischerweise an zentraler Stelle im Tempel positioniert. Größere Tempel haben einen Umgang. Hindu-Tempel wurden in unterschiedlichen – regionalen – Baustilen gebaut.

Während größere Tempel oft an wohl ausgesuchten Orten aufgerichtet wurden, kann man kleinere Tempel oder Schreine überall, sogar entlang einer Landstraße, unter Bäumen oder an entlegenen Orten finden. In den alten Schriften wird suggeriert, dass Tempel in der Nähe von Wasser und Gärten zu bauen sind. Aus diesem Grund sind größere Tempel in der Stadt oft an einem Teich gelegen. In den Städten sind Tempel oft komplett in das tägliche Leben integriert und sind von Geschäften und Teebuden umgeben. Ein Aspekt, der ebenfalls die Verbundenheit der spirituellen und der säkularen Welt symbolisiert.

Die Anzahl der Tempel, die man in jeder Ecke von Indien findet, ist einzigartig. Nirgendwo auf der Welt ist die Routine eines Tempelbesuches so tief ins tägliche Leben integriert, wie in Indien.

Ilja Dekeyser

Ilja Dekeyser

Ilja Dekeyser ist beruflich als IT Manager im Bereich SAP Business Warehouse tätig. In seiner Freizeit beschäftigt er sich als Indologe auch weiterhin intensiv mit Themen rundum Indien. Neben den wirtschaftlichen und soziologischen Themengebieten interessieren ihn auch die eher traditionelleren Bereiche wie Philosophie, Religion, Geschichte und Sprach- und Literaturwissenschaft.

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