Verkehrsopfer auf den Straßen Indiens – Vorsicht!

Gesellschaft, Kultur, Politik

Franz Zang - Gast AutorGeschrieben von:

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In Indien suchen Fahrgäste aus dem Westen auf den Rücksitzen älterer Taxis bisweilen vergeblich die Sicherheitsgurte, um bei dem vorherrschenden rasanten Fahrstil ein Gefühl der Sicherheit zu gewinnen. Auch die Fahrt in den traditionellen Rickshaws, Dreirädern in Schwarz-Gelb mit offenem Seiteneinstieg, ist nichts für Sicherheitsfanatiker. Und beim Blick auf die Straße Kopfschütteln über 4-köpfige Familien, die sich auf einem kleinen Motorrad durch den dichten Verkehr schlängeln. Wie sieht es eigentlich mit der Sicherheit auf Indiens Straßen aus, was sagt die Statistik?

Autorenprofil: Franz Zang ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz (Bad Kissingen) in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und durch viele Kontakte mit der Bevölkerung die Situation vor Ort kennengelernt.

Verkehrstote in Indien: Eine Übersicht

Eine Studie von 2011 zeigt, dass Indien weltweit zwar nur 1% der Fahrzeuge besitzt, aber einen Anteil von 10% aller Todesopfer im Verkehr aufweist! Dieses Missverhältnis dürfte sich inzwischen kaum wesentlich verändert haben, denn die Anzahl der Verkehrstoten ist von 119.000 im Jahr 2008 auf 138.000 im Jahr 2012 gestiegen [1, 2]. Die Zahl der Verletzten wird für das Jahr 2012 mehr als 500.000 beziffert, wobei jedoch einkalkuliert werden muss, dass viele Unfälle und damit auch viele Verletzte gar nicht gemeldet werden. Dasselbe gilt für Unfallopfer, die als Verletzte gezählt, aber Tage nach dem Verlassen eines Krankenhauses an den Unfallfolgen sterben. Bezogen auf die Anzahl der Einwohner gibt es in Indien 10 bis 11 Tote pro 100.000 Einwohner im Vergleich zu 5 bis 7 Unfalltoten im Westen. Diese Zahlen sind im Übrigen auf dem Hintergrund der Tatsache zu lesen, dass es in Indien eine vergleichsweise geringe Anzahl von Fahrzeugen gibt [3].

Verkehrstote in Indien: Hintergründe und Ursachen

„Sicherheit hat eine sehr niedrige Prioität in unserem Leben und keine Bedeutung, weder zuhause noch auf der Straße“, so der Sicherheitschef der Tata-Gruppe kritisch über das Land Indien [2]. Das geringe Bewusstsein über Sicherheit und Risiken bestätigt der Alltag: Steineklopfer mit Gummischlappen, barfüßige Kokosnussernter ohne jede Sicherheitsvorkehrung und Holzarbeiter mit Motorsäge ohne jede Sicherheitskleidung, sondern bekleidet mit Dodi und Hemd.

Die große Anzahl von Verkehrstoten ist nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, einfach den schlechten Straßenverhältnissen zuzuschreiben. The Times of India identifizierte in einem Beitrag vom Dezember 2013 drei Hauptursachen für die hohe Zahl von Verkehrstoten und Verletzten: Einmal die lasche Befolgung der Regeln für die Benutzung von Sicherheitsgurten, das Fahren unter Alkoholeinfluss und das inkonsequente Tragen von Helmen für Zweiräder-Fahrer. Tatsächlich sind bei 25% der Unfälle in Indien Motorräder involviert und 20% der Verkehrstoten sind Zweiradfahrer [4].

Werden indische Autobesitzer gefragt, wie das mit Sicherheitsgurten hinten und mit Airbags aussieht, so sind sie eher verwundert über die Frage. Das Wichtigste ist für sie die Klimaanlage, alles andere ist einfach zu teuer. Wie inkonsequent in Indien bereits die Sicherheitsbestimmungen selbst sind, das lässt sich bei den Motorrädern erkennen. Gesetzlich vorgeschrieben ist das Tragen eines Helmes nur für den Fahrer, und der trägt diesen selten genug! Und nicht selten sitzt eine vierköpfige Familie auf einem Motorrad, lediglich der Familienvater am Steuer hat einen Helm auf.

Ein solches Verhalten ist nur damit zu erklären, dass das Gefühl für den Wert des menschlichen Lebens in Indien sehr niedrig ist, wie auch Sanjay Kedia, der Direktor einer Sicherheitsfirma in Indien bestätigt [2]. Beispiel Bauarbeiten: Die Entschädigungen, die im Todesfall zu zahlen sind, fallen im Vergleich zu den Projektkosten äußerst gering aus. Und die Zeitdauer, für die der Arbeitgeber im Falle eines Arbeitsausfalls zu zahlen hat, beträgt in Indien nur 5 bis 7 Tage – wohingegen dieser Zeitraum in vielen entwickelten Ländern bei etwa 40 Tage liegt. Eine Incentivierung für Investitionen in höhere Sicherheitsstandards sieht anders aus.

Verkehrstote in Indien: Die Fußgänger sind die unschuldigen Opfer

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, wie wenig Unfälle man trotz des chaotischen Fahrverhaltens auf Indiens Straßen direkt sehen kann: In Städten wird eine rote Ampel immerhin noch als Aufforderung zum Stehenbleiben akzeptiert, auf dem Land wird einfach gehupt und – vielleicht mit gedrosseltem Tempo – weitergefahren. Hat es der Fahrer eilig, wechselt er einfach die Spur und leitet bisweilen haarscharfe Fahrmanöver aller Beteiligten ein, die man sonst nur aus Action-Filmen kennt.

In Dreiviertel der Fälle ist der Fahrer schuld, aber er ist nicht im gleichen Maße das Opfer. Tatsächlich sind knapp die Hälfte aller Verkehrstoten Fußgänger. Auch ein anderer Gesichtspunkt spielt eine Rolle, es ist der sogenannte Reboundeffekt: Je sicherer ein Auto wird, umso riskanter wird der Fahrstil, wobei der Sicherheitsgurt ja keineswegs die Sicherheit der Fußgänger erhöht. Die Einführung der Sicherheitsgurte hat also nicht notwendigerweise zu einer Reduzierung der Zahl der Unfallopfer geführt.

Verkehrstote in Indien: Erforderliche Maßnahmen

Auch wenn die Regierung etwa 1999 Sicherheitsgurte verordnet hat, so ist es doch noch etwas anderes, dieses Gesetz auch umzusetzen. In Dehli z. B. wurde erst 2002 begonnen, bei Zuwiderhandlungen Strafen auszusprechen. Aber das war im Übrigen bei der Einführung des Sicherheitsgurtes in Deustchland auch nicht anders. Die vorliegenden Zahlen sprechen jedoch stark dafür, die Umsetzung der gesetzlichen Regeln zu verstärken: Im Jahr 2012 stammten mehr als 60% aller Verkehrstoten aus den ländlichen Gebieten, wo Verkehrsregeln und Sicherheitsmaßnahmen am wenigsten beachtet werden [4].


[1] “The Alarming Facts of Road Accidents in India”, Dr. S. Rajasekaran, Indian Orthopaedic Association, in: www.ioaindia.org, http://www.ioaindia.org/ROADTRAFFICACCIDENTS.pdf (Seitenabruf 14. 4. 2014)
[2] “No safety Belts please, we are Indians”, Suman Layak und Rahul Sachitanand, in: The Economic Times, Bangalore Edition, 13. April 2014
[3] Indianomix, Vivek Dehejia, Rupa Subramanya, 2012, Random House India, S. 60
[4] “No lessons learned to check road fatalities in India”, Dipak Kumar Dash, 16. Dezember 2013, in: www.timesofindia.indiatimes.com, http://timesofindia.indiatimes.com/india/No-lessons-learned-to-check-road-fatalities-in-India/articleshow/27441035.cms (Seitenabruf 14. 4. 2014)

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Franz Zang - Gast Autor

Franz Zang - Gast Autor

ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und setzt sich insbesondere mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung auseinander.

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