Wie nachhaltig sind niedrige Löhne in Indiens IT Industrie?

IT Offshoring

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Millionen von Arbeitsplätzen sind in Indien in Offshore-Einheiten internationaler Konzerne entstanden. Nicht zuletzt die niedrigen Löhne auf dem Subkontinent haben diesen Trend ausgelöst. Angesichts signifikanter Lohntsteigerungen in den vergangenen Jahren stellt sich nun die Frage: Wie lange bleibt Indien ein Niedriglohnland?

Wie nachhaltig sind niedrige Löhne in Indien – Eine Bestandsaufnahme

Wie hoch sind Löhne in Indien heute? Mag diese Frage auch sehr banal daherkommen, so ist nur eine differenzierte Antwort angemessen. Zunächst empfiehlt es sich, die Gültigkeit der Analyse einzuschränken, hier auf die IT-Industrie. Und schließlich muss eine Analyse des Gehaltsspiegels nach folgenden Faktoren differenzieren, die sich maßgeblich auf das inviduelle Gehaltsniveau auswirken:

  • Die Qualifikation: Das Bildungssystem Indiens ist vergleichsweise heterogen. Neben Ausbildungsinstitutionen für die Wissenselite [Institutes of Information Technology: IIT] gibt es Tausende von Colleges, deren Bildungsqualität unterhalb des internationalen Standards liegen. Vgl. hierzu den Artikel: Höhere Ausbildung in Indien: Wie gut sind Colleges und Universitäten?
  • Der Standort: Standorte wie Bangalore („Silicon Valley Indiens“) sind teurer als „2nd tier cities“ wie Kochi oder Trivandrum [jeweils im Bundesstaat Kerala].
  • Die Unternehmensgröße: Als Faustregel kann gelten “Je größer das Unternehmen [IBM, Wipro, TCS, Infosys, Accenture], desto höher das Gehaltsniveau.”
  • Das individuelle Leistungsprofil eines Absolventen bzw. Arbeitnehmers, Technologiespezialisierung sowie Verantwortungsbereich.

Gehaltsdaten liegen in dieser differenzierten Form häufig nicht vor. Die fehlende Differenzierung ist einer der wesentlichen Gründe für die [teilweise sehr hohen] Abweichungen zwischen Angaben, die sich in verschiedenen Studien oder Artikeln zum Gehaltsspiegel in Indien finden lassen. Die Bedeutung einer solchen Differenzierung wird an einem Beispiel deutlich: Der Median für das Einstiegsgehalt von IT-Fachkräften liegt indienweit bei 270.000 Rupien im Jahr [1]. Für Absolventen der erwähnten Eliteinstitutionen IIT’s sind hingegen Einstiegsgehälter um 600.000 Rupien üblich, im Einzelfall deutlich mehr – also mehr als das Doppelte! … aber ähnliche Gehaltsspreizungen zwischen Top-Absolventen und dem Durchschnitt sind ja auch in Deutschland üblich.

Grundsätzlich gilt: Trotz einer dynamischen Lohnentwicklung bei IT-Fachkräften in den vergangenen Jahren weist der IT Standort Indien auch heute noch signifikante Kostenvorteile gegenüber Osteuropa [Near-Shore] oder sogar China [Kostenvorteil: ca. 20%] auf – nach Aussagen einer Führungskraft aus dem Senior Management eines großen deutschen Players mit Standorten weltweit.

Eine einfache Überprüfung von Gehaltsdaten ist über Online-Jobportale möglich. In vergleichsweise differenzierter Form bietet die Internetseite www.payscale.com Lohndaten an. Die Daten basieren auf [freiwilligen, allerdings auch nicht verifizierbaren] Angaben von ca. 220.000 Angestellten aus ganz Indien. Eine Auswertung ist möglich nach Standorten, Arbeitgebern, Positionen, Berufserfahrung und Vielem mehr. Ein Beispiel aus der Sortierung nach Berufserfahrung [in Jahren]: Mit 5 bis 9 Jahren Expertise liegt der Gehaltsmedian nach dieser Seite bei ca. 8.700 EUR [Stand März 2013, Wechselkurs: 1 EUR = 72 Rupien], mit 10 bis 19 Jahre Expertise bei ca. 16.000 EUR. Die Seite www.naukri.com ist die größte Online-Jobbörse Indiens. Unter www.naukrihub.com/salary-in-india/it-salary.html finden sich nun Gehaltsdaten, die auf einer Umfrage unter Berufstätigen durch den Informationsdienstleister ZDNet Asia basieren. Die Daten sind etwas abweichend von payscale.com aufbereitet, jedoch weisen beide Quellen Gehälter in vergleichbarer Größenordnung aus. Hier lässt sich gut nachvollziehen, welche Rolle die technische Spezialisierung für das Gehaltsniveau spielt: SAP Consultants oder Programmierer für C++ werden besser bezahlt als Test-Ingenieure oder Entwickler in PHP. So liegt beispielsweise der Median für einen IT Professional im Bereich „Application Development“ mit 5 – 10 Jahren Berufserfahrung bei ca. 12.250 EUR, ein Kollege aus dem Bereich „Operating Systems“ mit vergleichbarer Anzahl von Berufsjahren verdient etwa 30% weniger.

Aus der unmittelbaren Praxiserfahrung für das IT-Entwicklungszentrum der Categis GmbH in Bangalore liegen die Gehälter oberhalb dieses Medians. Das lässt sich jedoch einfach erklären: Die nachfolgenden Gehälter beziehen sich auf die Leistungsträger innerhalb ihres jeweiligen Unternehmens, und zwar am Standort Bangalore, dem teuersten Standort Indiens. Hier einige Beispiele:

  • Softwareentwicklerin, 9 Jahre Erfahrung, High Performer, Bangalore: 14.000 EUR
  • Softwareentwicklerin, 7 Jahre Erfahrung, Arbeitsaufenthalt im westl. Ausland: 20.800 EUR
  • Elektroingenieur, 11 Jahre Erfahrung, Jahrgangsbester der Universität, Bangalore: 27.5000 EUR

Der Vollständigkeit halber seien auch Darstellungen aus anderen Medien hier widergegeben: In einem Artikel des „Economist“ wird die Einschätzung der indischen Beratungsfirma IndusView wiedergegeben, die auf Daten des Arbeitgebers IBM beruht [1a]: Während demgemäß die gesamten Kosten eines indischen IT-Ingenieurs lange Zeit ca. 80% unter vergleichbaren Kosten in den USA gelegen hätten, sei dieser Kostenvorteil nun auf ca. 30-40% geschrumpft. Wohlgemerkt, diese Betrachtung zielt bereits auf die gesamten Kosten ab – nicht ausschließlich auf die Gehaltskosten, die freilich den Löwenanteil dieser Kosten ausmachen. Es ist zu berücksichtigen, dass diese auf IBM bezogenen Angaben vergleichsweise undifferenziert vorliegen: IBM hat zahlreiche Standorte in ganz Indien, betreibt Forschung ebenso wie projektbezogene Softwareentwicklung und entwickelt in verschiedensten Technologien [Java, C#, C++, HTML, etc.].

Es sei auch ein Beispiel genannt für kuriose Zahlen, nämlich ein Artikel aus dem Jahr 2007, worin die Erfahrung eines indischen IT-Unternehmers mit Hauptsitz im kalifornischen Silicon Valley widergegeben wird. 2005 sei das Unternehmen nach Indien gekommen, hätte dort Top-Leute mit Berufserfahrung zwischen 5 und 10 Jahren angeheuert – zu 25% der vergleichbaren Kosten wie in Kalifornien. Bereits im darauffolgenden Jahr [2006] seien die Kosten auf 50% der vergleichbaren Kosten explodiert, in 2007 schließlich auf 75% der Kosten [2]. Mit anderen Worten: Ein Jahr nach Unternehmensstart seien ALLE Gehälter im Schnitt verdoppelt worden, im Jahr 2 der Unternehmensaktivitäten nochmals um 50% erhöht worden. Unzweifelhaft gab es in den Boomjahren Indiens Fälle von Gehaltssteigerungen im Bereich 30%, sicherlich auch in Einzelfällen von 50%. Wie plausibel ist aber die beschriebene Gehaltsdynamik für ein gesamtes Unternehmen, zumal in einem so kurzen Zeitraum? Selbst unter der Annahme, dass es diesen Fall tatsächlich gegeben hat: Wie repräsentativ wäre dieses Fallbeispiel, um die Rahmenbedingungen eines Standorts (hier: Indien) zu beschreiben?

Fakt ist: Das Volumen an Offshore-Aktivitäten in Indien nimmt noch immer zu, und zwar mit signifikanten Wachstumsraten [Vgl. hierzu den Artikel Die Zukunft des Outsourcing & Offshoring in Indien„“]. Der unternehmerische Erwartungswert für ein Investment in Indien wird also ganz offensichtlich für viele Unternehme noch immer positiv bewertet, Lohnspirale hin oder her. Es handelt sich bei diesen Wachstumsraten um einen Indikator, der eine klare Sprache spricht und jenseits von anekdotenhaften Fallbeispielen [mit Extremcharakter] illustriert, welche Rolle der IT-Standort Indien auch heute noch spielt. Mit welcher Lohndynamik in den kommenden Jahren zu rechnen ist und welche Faktoren hier eine Rolle spielen, soll nachfolgend dargestellt werden.

Wie nachhaltig sind niedrige Löhne in Indien – Die demographische Dividende Indiens

Die Ein-Kind-Politik wurde – insbesondere im Westen – schon lange als kritisch für die Wachstumsdynamik China’s gesehen. Die Anfänge liegen in den 1970er Jahren, nun, zu Beginn 2013 kommt es zur entscheidenden Trendwende in der Statistik: Die Erwerbsbevölkerung in China schrumpft! [3]

Die sogenannte „demographische Dividende“ Chinas läuft aus [und verkehrt sich sogar ins Negative]. Die „demographische Dividende“, das bedeutet: Das Verhältnis von Erwerbsbevölkerung zum nicht-erwerbstätigen Teil der Bevölkerung nimmt zu. Dies führt zu einem Anstieg der Sparquote, zu einem Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens und – last but not least – das wachsende Angebot an Arbeitskräften bremst die Dynamik der Lohnspirale.

Im Gegensatz zu China wird Indien noch über Jahrzehnte von einer solchen demographischen Dividende profitieren. Indien hat eine der jüngsten Bevölkerungen weltweit, und das Bevölkerungswachstum hält an: Die Geburtenrate für das Jahr 2010 liegt bei 2,5 – noch deutlich über dem Wert zur Erhaltung der Bevölkerung von 2,1 [4]. Während China seine demographische Dividende in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum von 40 Jahren eingefahren hat [ca. 1970 bis 2010], vollzieht sich die gleiche Entwicklung in Indien über einen längeren Zeitraum: Sie hat in den 1980er Jahren eingesetzt, erreicht Ihren Höhepunkt ca. 2035 und flacht dann bis ca. 2050 aus [5]. In Statistik: Die Geburtenrate pro Frau fiel von 6,5 in den 1960er Jahren auf 2,5 im Jahr 2010.

Was heißt das für die Lohnentwicklung? Die Erwerbsbevölkerung nimmt zu – und sofern das Bildungssystem die erforderliche Ausbildungsqualität sicherstellen kann, steht in den kommenden Jahrzehnten ein wachsendes Angebot an Arbeitskräften zur Verfügung. Es kommt ein Urbanisierungstrend hinzu, der das Arbeitskräfteangebot in den Industrie-/Servicezentren Indiens zusätzlich erhöht. Nach einer Projektes des McKinsey Global Institutes wird die urbane Bevölkerung Indiens von 340 Mio. in 2008 auf 590 Millionen in 2030 anwachsen [6].

Wie nachhaltig sind niedrige Löhne in Indien – Die Angebotsseite: Absolventen

Der Output an indischen Absolventen aus den sogenannten MINT-Fächern [Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik] ist beeindruckend: Unter der Gesamtheit von ca. 4,4 Mio. Absolventen aus dem Jahr 2012 [Bachelor und Master] haben etwa 580.000 einen Bachelor in Ingenieurwissenschaften, weitere 560.000 einen Bachelor in „Science“ [Physik, Chemie, Biologie]. Es kommen ca. 270.000 Master-Absolventen hinzu, 240.000 Absolventen eines Ingenieur-Diploms [„engineering diploma“: Ausbildungsumfang geringer als Bachelor]. [7]

Die technische und naturwissenschaftliche Ausbildung genießt eine besondere Wertschätzung in Indien, nicht zuletzt Eltern drängen Ihre Sprösslinge häufig auf diesen Ausbildungsweg. Und es kommt hinzu: Im indischen Ausbildungssystem findet bereits ab der 10ten Klasse eine Spezialisierung statt [Wahl zwischen „Mathematics, Physics“, „Medical Science“, „Arts“, „Commerce“]. Auch nimmt die Mathematik im Lehrplan eine besondere Bedeutung ein, und Informatik findet sich heute zunehmend auch als Fach im Lehrplan von weiterführenden Schulen.

Diese Zahlen sind jedoch zu relativieren. „Obwohl Indien über eine große Anzahl englischsprachiger, junger Ingenieure verfügt, ist ihre Beschäftigungsfähigkeit gering.“ Das erklärt Rajesh Nath, Managing Director des Verbindungsbüros des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau in Indien [8]. Nach Angaben des Unternehmens Aspiring Minds, das sich auf Dienstleistungen rund um Ausbildung fokussiert, sind nur etwa 3% der technischen Absolventen sofort einsetzbar, ohne von Unternehmen eine weitere Ausbildung durchlaufen zu müssen [9]. Hier ist zu berücksichtigen, dass der Ausbildungsweg eines indischen Studenten weit theoretischer ausfällt, denn Praktika gehören nicht zur Norm: Knappe Ressourcen von Studenten lassen keinen Spielraum für unbezahlte oder schlecht bezahlte Praktika. Ungeachtet dieser Bemerkung gilt, dass eine pauschale Bewertung des Ausbildungssystems kritisch ausfallen muss. Die Ergebnisse der PISA-Studie 2012 bestätigen eine solche Argumentation. Nach dem „Global Competitiveness Report“ des World Economic Forum 2012-13 landet Indien in der Kategorie „Höhere Bildung und Ausbildung“ nur auf Rang 86. Hinter China (Rang 62) und deutlich hinter Deutschland (Rang 5) [10].

Eine differenzierte Betrachtung tut allerdings not: Unstrittig ist, dass das öffentliche Schul-/Ausbildungssystem zum größten Teil internationale Standards nicht erreicht. Eine Ausnahme hiervon bilden die Elite-Ausbildungsinstitutionen IIT [Indian Institutes of Technology] und IIM [Indian Institute of Management]. Die Indian Institutes of Technology sind hierbei den TU’s in Deutschland vergleichbar, die IIM’s der ENA [Ecole nationale d’administration] in Frankreich. Nicht zuletzt aufgrund dieses Versagens der Öffentlichen Hand im Bildungsbereich hat sich in Indien ein wachsendes Angebot an privaten Bildungseinrichtungen entwickelt, deren Ausbildungsstandards weit höher liegen. Und es gilt: Es fehlt nicht an Ambitionen, der teilweise enorme Ehrgeiz von Eltern und Studenten wird für jeden spürbar, der vor Ort in Indien arbeitet. In einer Studie der Credit Suisse aus dem Jahr 2011 wurden die durchschnittlichen [privaten] Ausgaben für Bildung eines Inders auf 7,5% geschätzt – höher als beispielsweise in China, Russland oder Brasilien, den anderen BRIC-Kandidaten [11]. Jährlich fließt zudem ein zweistelliger Milliardenbetrag an Studiengebühren aus Indien an Universitäten/Akademien im Ausland, vorwiegend an anglo-amerikanische Ausbildungsstätten.

Es steht außer Frage, dass Indien über hochqualifizierte Fachkräfte verfügt. Dies zeigt sich beispielsweise auch in dem deutliche besseren Ranking im „Global Competitiveness Report“ in der Kategorie „Innovation“ [Rang 41], auch auf Basis meiner persönlichen Erfahrung kann ich das bestätigen. Die große Herausforderung, aber auch die Chance, besteht in einem Anheben dieses Ausbildungsstandards in der Breite. Hier sind große Anstrengungen und Investitionen erforderlich. Hiervon hängt ab, ob die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften auf ein ausreichendes Angebot trifft; oder ob das unausgeglichene Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot eine Lohnspirale in Gang setzt, die den Lohnvorteil indischer Fachkräfte langfristig abschmelzen lässt.

Wie nachhaltig sind niedrige Löhne in Indien – Lebenshaltungskosten in Indien

Neben dem Prozess der Lohnpreisbildung durch Angebot und Nachfrage [vgl. beide vorangegangene Abschnitte] spielt auch die Entwicklung der Lebenshaltungskosten eine wesentliche Rolle für die Frage, wie sich Gehaltsforderungen entwickeln werden. Das betrifft vor allem Bildungskosten, Raumkosten, Ernährung, Haushaltshilfen und Ähnliches.

Ein Blick auf das Durchschnittseinkommen ergibt folgendes Bild, diese Größe wird mit einer einfachen Schätzrechnung ermittelt: Das Pro-Kopf-Einkommen Indiens liegt bei ca. 53.300 Rupien [12]. Dies entspricht beim Kurs Anfang Februar 2013 etwa 740 Euro [72 Rupien = 1 Euro]. Berücksichtigt man des Weiteren eine Gesamtbevölkerung von ca. 1,2 Mrd. Menschen und ca. 480 Mio. Erwerbstätigen [13], so gelangt man zu einem durchschnittlichen Jahreseinkommen je Erwerbstätigem von ca. 133.300 Rupien [14]. Dies entspricht zum genannten Wechselkurs etwa 1.850 EUR, d.h. ca. 155 EUR pro Monat.

Die Dynamik der Lohnentwicklung in den Bereichen außerhalb der hochqualifizierten Fachkräfte ist grundsätzlich weit niedriger; es ist mithin nicht damit zu rechnen, dass die lohnabhängigen Lebenshaltungskosten langfristig signifikant ansteigen werden. Blick in die Praxis, und zwar in Bangalore, Indiens teuerster [und lebenswertester] Metropole. Hier kann man selbst in einem hochpreisigen Stadtviertel für unter einem Euro zu Mittag essen [Das gilt für die heimische, indische Küche. Das Lunchbuffet beim Italiener mit Vorspeisen, Salaten, Pizza, Pasta und Dessert kostet bereits 5,50 EUR]. Eine Haushaltshilfe für ca. 8 Stunden pro Werktag verdient zwischen 30 und 90 EUR.

Und die Wohnkosten? Zwar sind die Grundstückspreise in den Metropolen Indiens vergleichsweise hoch [Ersparnisse fließen vor allem in Gold und Immobilia, dies treibt die Preise], Baukosten fallen jedoch niedrig aus: Zum einen aufgrund eines klimatisch bedingten, einfachen Baustils [z.B. keine Isolierung, keine Heizung]; zum anderen aufgrund niedriger Lohnkosten beim Bau. Die Miete für das Appartement einer 4-köpfigen Familie liegt in einem guten Wohnviertel [z.B. Indiranagar im Osten] bei ca. 350 EUR. Ein „Fresher“ [und typischerweise Single] wohnt häufig als „Paying Guest [PG]“ in einem Einzelzimmer für ca. 70 bis 80 EUR, bei größerem Budget in einer Ein-Zimmer-Wohnung für ca. 150 EUR. Wie gesagt: Wir betrachten hier Zahlen zu Bangalore, Stadt mit den höchsten Lebenshaltungskosten in ganz Indien.

Wie nachhaltig sind niedrige Löhne in Indien – Globale Mobilität von Fachkräften

Noch ein weiterer Faktor soll hier betrachtet werden, der die Gehaltsentwicklung in Indien beeinflusst bzw. beeinflussen kann: „Wissensarbeiter“ können – zumindest theoretisch – in einer globalen Wissensökonomie überall arbeiten.

Die indische Community im Ausland ist beachtlich und wird beim Blick in die Medien oder im Alltag auch sichtbar. Um nur einige Beispiele zu nennen: Anshu Jain, der Co-Chef der Deutschen Bank, hat seine Wurzeln im nordindischen Bundesstaat Jaipur. In den USA war der Inder Vikram Pandit von 2007 bis 2012 CEO der Citibank [Herkunft: Südindischer Bundesstaat Maharasthtra]. Und in vielen deutschen Kirchen finden sich inzwischen Pfarrer aus dem katholischen Indien, da die deutsche Kirche den Nachwuchs nicht mehr aus dem Heimatland rekrutieren kann.

Hier wird eine indische Community im Ausland sichtbar, die ein Karriere-Sprungbrett bildet für Familienmitglieder. Wie groß diese Community ist, lässt sich beispielsweise daran ermessen, wie viel Devisen von den „Emigranten“ zurück in das Heimatland Indien fließen. In einer Übersicht des Economist im April 2012 mit den 10 größten privaten Geldströmen aus Industrieländern in Emerging Markets im Jahr 2010 nimmt Indien den ersten Rang ein. Allein der Anteil der Geldströme nach Indien aus dieser Darstellung belief sich auf insgesamt 35,2 Milliarden Dollar [15]. Das entspricht bereits 10% der gesamten Mittel, die nach Angaben der Weltbank jährlich in Emerging Markets fließen.

Eine vollständige Konvergenz bei Gehältern ist allerdings nur dann zu erwarten, wenn die Mobilität der Arbeitskräfte vollständig ist. In der Praxis hat die globale Mobilität von „Wissensarbeitern“ natürlich ihre Grenzen. Gerade in den letzten Jahren lässt sich beispielsweise zunehmend beobachten, dass Inder selbst nach mehrjähriger beruflicher Tätigkeit in einem Industrieland nach Indien zurückkehren. Die Gründe sind häufig: Heimatverbundenheit, Verantwortung für die Elterngeneration oder auch die eigene Unternehmensgründung in einem Land mit hohem Wirtschaftswachstum. Hier gilt außerdem: Je größer die Gehaltsunterschiede, desto höher die Mobilitätsbereitschaft – und umgekehrt. Eine vollständige Konvergenz ist also auch langfristig nicht zu erwarten.

Wie nachhaltig sind niedrige Löhne in Indien – Fallbeispiele

Nachfolgend einige Rechenbeispiele für mögliche Gehaltsentwicklungen. Die Szenarien „1“ und „2“ gehen von Einstiegsgehältern aus, die dem Median in der IT-Industrie entsprechen. Szenarien „5“ und „6“ legen das bereits erwähnte Einstiegsgehalt eines Absolventen der Top-Ausbildungsstätte IIT zugrunde. „3“ und „4“ liegen dazwischen.

Es werden verschiedene Wachstumsszenarien für diese Gehälter dargestellt, und zwar für einen Gesamtzeitraum von insgesamt 20 Jahren. Für die ersten zehn Jahre sowie für die darauf folgenden 10 Jahre werden jeweils unterschiedliche prozentuale Wachstumsraten für die Gehälter definiert.

Die Gehälter nach 10 bzw. 20 Jahren sind inflationsbereinigt angegeben, das heißt es handelt sich um eine Realgröße [um Inflation bereinigte Nominalgröße]. Es wird mithin unterstellt, dass sich die Inflation in der Wechselkursentwicklung Rupie/Euro widerspiegelt. Die gewählte Inflationsrate von 7,5% entspricht der durchschnittlichen jährlichen Inflation zwischen 1992 und 2011 in Indien [basierend auf Angaben der Weltbank].

Anmerkungen:

  • Diese Daten entsprechen den gesamten Firmenkosten und sind mithin mit den Bruttolohnkosten in Deutschland inkl. den Arbeitgeberanteilen für Sozialversicherungsabgaben zu vergleichen.
  • Diese Szenarien sollen vor allem verdeutlichen, wie sich verschiedene Parameter auf die Gehaltsdynamik auswirken. Die Parameter sind grundsätzlich konservativ ausgelegt bzw. gelten im Wesentlichen für das Leistungsprofil von Top Performern.
  • Die Gehaltsentwicklung für die Szenarien „5“ und „6“ gilt für hochqualifizierte High-Performer. Diese Szenarien unterstellen reale Gehaltssteigerungen im Schnitt von 17,5% in den ersten 10 Berufsjahren, sowie nochmals 7,5% [„5“] bzw. 12,5% [„6“] in den folgenden 10 Berufsjahren.

Wie nachhaltig sind niedrige Löhne in Indien – Fazit

Die Lohndynamik der vergangenen Jahre in Indien hat die Gehaltsdifferenz zwischen einem deutschen und indischen Softwareingenieur verkürzt, keine Frage. Dies ist aus ethischer Sicht einer gerechteren Verteilung des Welteinkommens gerechter und ohne Frage zu begrüßen. Es ist gleichzeitig aus den obigen Überlegungen deutlich geworden, dass diese Aufholdynamik auf absehbare Zeit nicht zu einer vollständigen Gehaltsangleichung führen wird. Die geradezu traumhaft niedrigen Löhne der Vergangenheit, die mit 10% nur einem Bruchteil der Lohnkosten in Deutschland entsprachen, gehören zwar der Vergangenheit an; dennoch wird Indien aus der Perspektive des Westens seinen Status als Niedriglohnland nicht vollständig verlieren. Auf welchem Niveau sich die Lohndifferenz mittel- oder langfristig einstellen wird, bleibt offen. Jede Vorhersage diesbezüglich ist unseriös, und man darf durchaus unterstellen, dass manche kommunizierte/veröffentlichte Zahlen mit Rücksicht auf politische Befindlichkeiten in die ein oder die andere Richtung verzerrt sind.

Die Diskussion um die Lohnentwicklung in Indien verdeckt aus meiner Sicht ohnehin zwei Aspekte, die aus unternehmerischer Sicht mindestens genauso wichtig sind, wenn nicht sogar deutlich wichtiger. Zum einen die wachsende Bedeutung Indiens als Talentpool für qualifizierte Fachkräfte. Dieser Aspekt ist de facto völlig unabhängig vom Gehaltsniveau, oder wird es zunehmend sein. Nehmen wir dazu die Perspektive Deutschlands ein: Insbesondere für Positionen mit technischem Anforderungsprofil wird die Besetzung aus dem schrumpfenden Absolventenpool Deutschlands eine wachsende Herausforderung. Für die IT-Industrie stellt sich das wie folgt dar: In einem Artikel der Financial Times Deutschland Ende 2012 warnt die Online-Ausgabe der Zeitung, dass ca. 43.000 Stellen für IT-Experten unbesetzt wären. Innerhalb von nur drei Jahren hätte sich die Zahl der unbesetzten Jobs damit mehr als verdoppelt. Nur 8% der Unternehmen erklären, sie hätten keine Probleme bei der Stellenbesetzung.[16]

Es ist offensichtlich, dass eine solche Situation der Verknappung von IT-Fachkräften auf dem deutschen Arbeitsmarkt auch einen erheblichen Druck auf die Gehälter in der IT-Industrie auslöst. Die Frage der Lohnentwicklung in Indien lässt sich nicht losgelöst von der Situation auf dem Heimatmarkt in Deutschland betrachten – vielmehr geht es bei Löhnen jeweils um relative Größen. Und hier gilt: Der Gehaltstrend in Deutschland für IT-Fachkräfte zeigt nach oben – und kompensiert [überkompensiert?] die Lohndynamik in Indien.

Zum anderen rangiert die Lohnfrage auf der Liste der Erfolgsfaktoren für ein Offshore-Zentrum gar nicht mal an erster Stelle. Viel entscheidender für den gesamten Kostenvorteil eines solchen Offshore-Engagements sind Fragen des effizienten Projektmanagements und des HR Managements im indischen kulturellen Kontext. Wie lässt sich die Schnittstelle zwischen deutschen Auftraggebern [intern oder extern] am effizientesten gestalten? Welche Rolle kann hierbei Technologie spielen [Webkonferenzen, Real-Time Chat-Software, etc.]? Welche Unternehmenskultur ist zu etablieren, um eine Leistungskultur und Loyalität zu schaffen? Hier liegen die eigentlichen Kostentreiber – die Lohnfrage ist aus meiner Sicht unkritisch: Indien wird seinen Status als Niedriglohnland innerhalb der nächsten 10 Jahre nicht verlieren.

Weitere Infos auf indienheute …

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[1] ”Engineering roles see biggest salary increase in 2012-13”, Times of India, Edition Bangalore, 24.01.2013, Seite 19
[1a] “On the turn: India’s Outsourcing Business”, in: The Economist, Special Report “Outsourcing and Offshoring”, Asien-Edition, 19.01.2013, Seiten 18-22
[2] ”Es muss nicht immer Indien sein”, FAZ Wirtschaft, Online-Ausgabe, 07.10.2007, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/netzwirtschaft/it-branche-es-muss-nicht-immer-indien-sein-1492666.html, Stand: 10.02.2013
[3] “Peak toil”, The Economist, Asien-Edition, 26.01.2013, Seite 27 f. Der Rückgang von 3,45 Millionen ist zu einem Teil auch auf eine Anpassung der Altersspanne durch das National Bureau of Statistics zurückzuführen. Die Trendaussage jedoch bleibt gültig. Die durchschnittliche Anzahl von Kindern je Frau liegt bei 1,47 – deutlich unter dem Wert 2,1, der für eine stabile Bevölkerungszahl erforderlich wäre.
[4] “Fertility rate in India drops by 19% in 10 yrs”, Online-Ausgabe der Times of India vom 01.04.2012, http://articles.timesofindia.indiatimes.com/2012-04-01/india/31269775_1_fertility-rate-population-stabilization-national-population-policy, Stand: 02.02.2013
[5] “Imagining India“, Nandan Nilekani, Penguin Books, 2009, S. 50 ff.
[6] “India’s urban awakening: Building inclusive cities, sustaining economic growth”, Report des McKinsey Global Institute, http://www.mckinsey.com/Insights/MGI/Research/Urbanization/Urban_awakening_in_India, Stand: 02.02.2013
[7] Information des Industrieverbands NASSCOM in Indien; The Economist gibt eine Zahl von 500.000 Bachelorabsolventen pro Jahr an: vgl. „A billion brains“, The Economist, Asien-Edition, Special Report „India“, 29.09.2012, Seite 22
[8] “Investitionsklima und –risiken – Indien”, Broschüre der Germany Trade and Invest Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbh, November 2012, Seite 2; Die Germany Trade & Invest ist die Gesellschaft zur Außenwirtschaftsförderung der Bundesrepublik Deutschland. Sie unterstützt deutsche Unternehmen, die ausländische Märkte erschließen wollen, mit Außenwirtschaftsinformationen.
[9] “A billion brains”, The Economist, Special Report “India”, Asien-Edition, 29.09.2012, Seite 22
[10] “Investitionsklima und –risiken – Indien”, Broschüre der Germany Trade and Invest Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbh, November 2012, Seite 2
[11] “A billion brains”, The Economist, Special Report “India”, Asien-Edition, 29.09.2012, Seite 21
[12] “Per capita income crosses Rs 50,000”, Online-Ausgabe der Times of India vom 01.02.2012, http://timesofindia.indiatime Per capita income crosses Rs 50,000s.com/business/india-business/Per-capita-income-crosses-Rs-50000/articleshow/11707030.cms, Stand: 02.02.2013
[13] “Doing business in India”, Ernst&Young, 2011, Seite 13
[14] Einkünfte von Nicht-Erwerbstätigen werden in diesem vereinfachten Rechenverfahren ebenfalls Erwerbstätigen zugerechnet. Gleichzeitig wird vernachlässigt, dass ein Teil des Bruttosozialprodukts über Umverteilungsverfahren [z.B. aus Renten] Nicht-Erwerbstätigen zufließt. Beide Effekte reduzieren das Durchschnittseinkommen eines Erwerbstätigen. Da die Grundaussage dieses Kapitels unter Berücksichtigung der o.g. Effekt nicht verändert würde, hat der Autor auf eine weitergehende Recherche verzichtet.
[15] “New rivers of gold”, The Economist, Asien-Edition, 28.04.2012, Seite 63
[16] „IT-Spezialisten gesucht: Fachkräftemangel kostet Milliarden“, Online-Ausgabe der Financial Times Deutschland, http://www.ftd.de/karriere/karriere/:it-spezialisten-gesucht-fachkraeftemangel-kostet-milliarden/70112786.html, Stand: 26.01.2013

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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