Die Indien Kolumne: Über die Liebe in arrangierten Ehen

Die Indien Kolumne

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Wie läuft’s mit Petra? – Wir arrangieren uns. Was als stürmische Liebeshochzeit beginnt, mündet in eine Lebensgemeinschaft mit fein austarierten Gemeinsamkeiten und Kompromissen. Aber wo man sich arrangiert, ist man noch lange nicht in der arrangierten Ehe! Deutsche Liebeshochzeiten halten im Schnitt 15 Jahre, Tendenz: steigend – kürzer als arrangierte Ehen. Also 1:0 für die arrangierte Ehe? Wohl kaum! Wo die arrangierte Ehe dominiert, ist Scheidung ein Stigma: Indien, China oder im Mittleren Osten. Am ehesten ist die Scheidungsquote im Westen also ein Indiz dafür, wie schwierig die richtige Partnerwahl ist, wie unrealistisch manche Paare das Abenteuer Ehe starten oder aber wie einfach eine Gesellschaft die Flucht aus einer unerträglichen Ehe zulässt.

Die arrangierte Ehe war im Übrigen auch in Europa lange verbreitet und hat ihre Berechtigung in einem Kontext, wo Menschen früh verheiratet werden, die wirtschaftliche Absicherung im Vordergrund steht und/oder eine Kasten-(Zunft)-basierte Gesellschaftsordnung die sozio-ökonomische Rolle vorgibt. Denn wo Mädchen mit 16 verheiratet werden (noch immer weit verbreitet im ländlichen Indien), dort werden Familien zwangsläufig eine bessere Partnerwahl treffen können als Minderjährige unter dem Diktat der Hormone: Der Informationsvorsprung ist enorm. Wo dagegen das Heiratsalter aufgrund langer Ausbildungszyklen steigt und junge Menschen eigene Beziehungserfahrung sammeln können, dort entfällt dieser Informationsvorsprung. Insofern ist es nicht überraschend, dass im heutigen Indien die Anzahl der Liebeshochzeiten steigen.

Gehen wir zunächst einen Schritt zurück: Wie einfach lässt sich überhaupt der „ideale“ oder – realistischer! – ein passender Partner identifizieren? Soziologische Untersuchungen zeigen: Ehen halten umso länger, je ähnlicher der kulturelle, soziale und finanzielle Hintergrund. Wichtig für die eheliche Harmonie sind außerdem übereinstimmende Vorstellungen über die moderne/traditionelle Rollenverteilung. Und schließlich: Wie weit reichen die Erwartungen über eine reine „Zweckbeziehung zur wirtschaftlichen Absicherung“ hinaus? Wieviel Seelenverwandtschaft muss sein, gleicher Humor, intellektuelle Gleichgesinntheit oder übereinstimmende Wertvorstellungen?

Die Partnervermittlung bei arrangierten Ehen ist gerade deshalb so effizient, weil der verhandelte Kriterienkatalog überschaubar ist: Im Vordergrund stehen die wirtschaftliche Zweckgemeinschaft sowie die gesellschaftliche Kompatibilität (z.B. Kaste, Religion, Familienstatus). Vielfach basiert die arrangierte Partnerwahl zudem auf der Prämisse, dass einer der beiden zukünftigen Partner eine hohe Anpassungsbereitschaft mitbringt – nämlich die Frau. Das Gegenmodell hierzu, die freie Partnerwahl, sollte man nun keineswegs romantisieren, auch hier spielen wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, auf einem Partnerforum heißt es lapidar: „Frauen suchen sich ihre Partner nach Einkommen und Status aus!“ Das ist für viele Fälle sicher zutreffend. Aber eben nicht für alle – kaum überraschend in einer Überflussgesellschaft mit hoher Beschäftigungsquote der Frauen.

Vor allem gilt: Die Entscheidungsbasis bei der arrangierten Ehe ist per definitionem immer unvollständig, da die Selbsterfahrung einer partnerschaftlichen Beziehung fehlt – und das stimmt auch für die „liberale“ arrangierte Ehe, heißt: mit Mitspracherecht. Denn was haben der künftige Bräutigam oder die künftige Braut im besten Fall den Argumenten der Familie entgegenzusetzen? Die Kitschmärchen über Liebeshochzeiten aus Bollywood‘s Traumstudios?! Die Selbsterfahrung dagegen bietet eine zentrale Orientierung, um die eigenwillige Eigendynamik einer Zweierbeziehung sowie eigene Präferenzmuster verstehen zu können. Dies lässt sich weder ersetzen durch Matching-Algorithmen einer Online-Partnerbörse noch durch die Beratungen eines Familienrats.

Es spricht andererseits viel dafür, in westlichen Ländern die Rolle der Familie bei der Partnersuche zu stärken: Beim Scouting potentieller Partner über das Familiennetzwerk. Als Korrektiv für Rosamunde-Pilcher-Phantasien, für die Bildung realistischer Erwartungen. Als orientierungsstiftender Begleiter während der ersten Zweierbeziehungen. Bei alledem gilt aber: Die finale Entscheidung verbleibt bei der Tochter oder dem Sohn. Die müssen mit der Entscheidung schließlich leben. Angesichts der steigenden Lebenserwartung sogar ziemlich lange.

14 Responses to " Die Indien Kolumne: Über die Liebe in arrangierten Ehen "

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