Standortportrait Bangalore: IT Hauptstadt in Indien

Wirtschaft

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Bangalore gilt als „Silicon Valley Indiens“ oder „IT Capital of India“. Die Stadt hat den Status als Metropole des Wissens und der Forschung. Unter Indiens Großstädten bietet Bangalore zudem die höchste Lebensqualität. Nicht zuletzt das Klima zählt zu den Pluspunkten der Metropole. Gleichzeitig ist Bangalore die teuerste Stadt Indiens. Hier ein Kurzportrait der City.

Standortportrait Bangalore: IT Hauptstadt in Indien – Einführung

Der wirtschaftliche Erfolg Bangalores sowie die angenehmen klimatischen Bedingungen haben zu einem bemerkenswert dynamischen Wachstum der Stadt geführt. Basierend auf offiziellen Zahlen aus Volkszählungen hat sich die Einwohnerzahl im Ballungsgebiet Bangalore zwischen 2001 und 2011 um fast 50% erhöht. Heute ist Bangalore nach Zahlen der Volkszählung 2011 mit über 8,4 Einwohnern die drittgrößte Stadt Indiens, nach Mumbai (12,5 Mio.) und Delhi (11,0 Mio.).

Was Bangalore vor allem prägt sind zahlreiche Technikparks, mehr als tausend Softwarefirmen, ein Biotechnologie- sowie Luft-/Raumfahrt-Cluster und ein sehr angenehmes Klima, das der Höhenlage Bangalores zu verdanken ist (ca. 900m über N.N). Als boomende Wirtschaftsmetropole zieht Bangalore Zuwanderer aus weiten Teilen Indiens an, vielfach gut qualifizierte IT Fachkräfte, was der Stadt insgesamt eine kosmopolitische Prägung gibt – wenn auch nicht vergleichbar mit London oder New York. [1]

Standortportrait Bangalore: IT Hauptstadt in Indien – Wirtschaftliche Bedeutung

Bangalore zählt zu den wichtigsten Wirtschaftszentren Indiens und weltweit zu den am schnellsten wachsenden Ökonomien [2]. Historisch gesehen ist vor allem die Lage Bangalores für diese Entwicklungsdynamik verantwortlich: Zum einen hat die indische Regierung hier massiv Forschungseinrichtungen und Schwerindustrie angesiedelt, vor allem im Bereich Luft- und Raumfahrt. Denn dieser Standort liegt außerhalb der unmittelbaren Reichweite der potentiellen militärischen Gegner Pakistan und China. Zum anderen hat ebendieses „Cluster an Hightech-Industrie und Forschung“ wiederum die (heimische) Softwareindustrie in den 1980er Jahren angelockt, gefolgt von internationalen Playern, die auch das angenehme Klima als Standortvorteil schätzen. Nach Informationen des Auswärtigen Amtes sind etwa 150 deutsche Unternehmen aus Deutschland in Bangalore ansässig: Dazu zählen Bosch, Siemens, Daimler, Lapp Kabel, GEA Group ebenso wie zahlreiche KMU’s (so zum Beispiel auch die Categis Solutions Pvt. Ltd.). Insgesamt haben deutsche Unternehmen hier etwa 50.000 Arbeitsplätze geschaffen.

Im Bereich Luft- und Raumfahrt finden heute etwa 65 Prozent der nationalen Aktivitäten statt. Die „Hindustan Aeronautics Limited“, ebenso wie die indische Raumfahrtbehörde und die „Indian Space Research Organisation“ (ISRO) haben hier ihren Hauptsitz. Die ISRO hat hier beispielsweise unter anderem Satelliten entwickelt [3]. Aber auch internationale Unternehmen haben hier wichtige Forschungs(Standorte). Dazu zählen beispielsweise Boeing, Airbus, Goodrich, Honeywell oder GE Aviation.

Bangalore ist nicht zuletzt ein Cluster der Biotechnologie. Von ca. 240 Biotechnologiefirmen haben circa 40% einen (Haupt)Sitz in Bangalore. Dazu zählen Biocon, das sich unter die Top 20 Biotech-Firmen weltweit einreiht, und auch Sartorius.

Die Bedeutung des Standorts Bangalore für die genannten Industries wird auch durch jährliche Konferenzen und Messen von internationaler Bedeutung/Reichweite unterstrichen: „BangaloreIT.biz“ (Informations- und Kommunikationstechnologie), „Bangalore INDIA BIO“ (Biotechnologie) oder „Bangalore Nano“ (Nanotechnologie).

Standortportrait Bangalore: IT Hauptstadt in Indien – Bildung & Forschung

Bangalore genießt also unzweifelhaft den Status einer Metropole des Wissens und der Forschung. Die Stadt steht für Innovationskraft in Hightech-Industrien wie Luft- und Raumfahrt, Biotechnologie und Informations- und Kommunikationstechnologie. Neben der Präsenz zahlreicher Forschungsstätten globaler Player festigt Bangalore seinen Status als Metropole des Wissens und der Forschung auch durch die Präsenz von namhaften (staatlichen) Forschungs- und Bildungseinrichtungen: Beispielsweise das „Indian Institute of Science“, das zu den renommiertesten Forschungseinrichtungen Indiens zählt. Ebenso zu nennen ist das „Raman Research Institute“, das im 1948 vom Nobelpreisträger in Physik (1930) C.V. Raman begründet wurde. Einige weitere Forschungsinstitute haben in Bangalore deren Sitz [4].

In Bangalore sind außerdem knapp 200 Colleges ansässig. Und für höhere Bildung gibt es neben sieben (7) Universitäten folgende Lehreinrichtungen (teilweise mit F&E Aktivitäten):

  • Indian Institute of Science (IISc)
  • Jawaharlal Nehru Centre for Advanced Scientific Research (JNCASR)
  • Indian Institute of Management Bangalore (IIMB)

Standortportrait Bangalore: IT Hauptstadt in Indien – Bedeutung in der IT Industrie

Die Stadt Bangalore verdient den Namen „IT Capital of India“ zu Recht. Mehr als tausend IT Firmen sind hier aktiv, darunter zahlreiche große internationale Player wie IBM, Intel, SAP, AccentureCisco Systems, Oracle, Bosch, HewlettPackard,Motorola, Dell, Fujitsu, Infosys Technologies Ltd.,Tata Consultancy Services, Siemens, Texas Instruments, Novell,McAfee, oder Wipro Technologies. Etwa 40% aller indischen Programmierer arbeiten in der Metropole. Damit belegt Bangalore nach Größe den vierten Platz weltweit, hinter dem Silicon Valley, Boston und London.

Wie im Artikel „Die Zukunft des Outsourcing & Offshoring in Indien“ ausgeführt, durchläuft die IT Industrie Bangalores (bzw. Indiens) einen dynamischen Reifeprozess. Während noch in den 1990er Jahren reine „Coding Shops“, drängt die heimische Softwareindustrie heute bereits in das hoch-margige Segment des IT Consulting. Der Titel „Silicon Valley Indiens“ ist jedoch zu relativieren: Die Unternehmen der (heimischen) IT Industrie positionieren sich vor allem als IT Dienstleister. Und wenn zweifelsohne Frameworks und Module für Auftragsentwicklungen entwickelt und eingesetzt werden, findet hier noch nicht jene Art von Produktinnovation und IT-basierten Geschäftsmodellen statt, die zu internationalen Blockbustern à la Facebook, Google oder Twitter geführt hat. Das Selbstverständnis als IT Dienstleistungsindustrie ist ein Grund (noch immer bietet dieses Geschäftsmodelle signifikante Wachstumschancen), ein weiterer der heutige Mangel an einer Venture Capital Industrie, die Risikokapital für innovative Geschäftsideen konsequent unterstützt.

Die Kapazität für Innovationsfähigkeit kann jedoch generell nicht in Frage gestellt werden. Im Jahr 2012 wurde das indische Softwarehaus Infosys von Forbes zu den innovativsten Unternehmen weltweit gezählt. Und zahlreiche große IT Player betreiben in Bangalore Forschungsstätten: Die „HP Labs“, das „Nokia Research Center Media Technologies Lab“ oder „Research Microsoft India“.

Standortportrait Bangalore: IT Hauptstadt in Indien – Lebensqualität

Nach der Studie „Quality of Living Reporting – Edition 2012“ der Unternehmensberatung Mercer ist Bangalore die lebenswerteste Metropole Indiens – wenn auch international nur auf Platz 141 [5]. Hier einmal die Stimme eines deutschen Managers, der seit mehr als zehn Jahren in Bangalore lebt: Gerd Höfner, Leiter des “Global Siemens Corporate Development Center”. Der nachfolgende Auszug stammt aus einem Interview mit dem Spiegel im Juli 2012 [6]: „In den zehn Jahren, die ich jetzt in Bangalore lebe, hat sich unheimlich viel getan: Die Stadt ist um knapp drei Millionen Einwohner gewachsen, mittlerweile arbeiten hier mehr Menschen in der IT als im Silicon Valley. Es wurde eine U-Bahn gebaut, ebenso wie Ringstraßen und Einkaufszentren. Am Anfang gab es hier nur zwei Supermärkte, jetzt bekommt man fast alles. Nur deutsches Brot und Käse vermisse ich manchmal. Ich fühle mich hier wohl, so dass ich mir eine Rückkehr nach Deutschland im Moment nur schwer vorstellen kann.”

Für Europäer ist Bangalore schon allein deshalb sehr angenehm, weil hier milde Temperaturen vorherrschen. Zwar liegt die Stadt im Süden Indiens bereits auf einem Breitengrad, der zur tropischen Zone zählt. Aufgrund der Höhenlage (etwa 900m Höhe über N.N.) ergibt sich jedoch das für Bangalore charakteristische Klima: Im „Winter“ (November – Januar) fällt die Temperatur nachts gerade einmal auf 15 Grad Celsius – im Sommer (April – Mai) hingegen bleiben die Temperaturen noch vergleichsweise erträglich (gerade im Vergleich mit Städten wie Delhi, Chennai oder Hyderabad).

Bangalore galt sehr lange als „Garden City of India“, nicht zuletzt weil es im Stadtgebiet zahlreiche Park- und Gartenanlagen gibt. Aber auch, weil viele Straßen von Bäumen gesäumt sind. Zwar gibt es noch immer zahlreiche dieser Parks (Lal Bagh, Cubbon Park), aber dem Wachstum der Stadt und dem Ausbau der Infrastruktur sind inzwischen viele Bäume zum Opfer gefallen – was auch zu zahlreichen Protesten geführt hat.

Das kulinarische Angebot Bangalores lässt inzwischen keine Wünsche mehr offen. Aus der Perspektive eines Deutschen betrachtet: Glich die Jagd nach einer Salami oder einer gut gefüllten Käsetheke noch vor 5 Jahren der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, bieten heute eine Reihe von Supermärkten und Gourmet-Shops („Westside“, „Nature‘s Basket“, „Spar“ und weitere) eine beachtliche Auswahl. Und wer gut essen gehen will, hat in einem Stadtviertel wie „Indira Nagar“ die Qual der Wahl zwischen mehr als 100 Restaurants.

Aus deutscher Perspektive ist das Leben in Bangalore angenehm günstig. Es kommt dazu, dass für die indische Mittelklasse (für Expatriats ohnehin) Haushaltshilfen die Norm sind. Im Abschnitt „Lebenshaltungskosten in Indien“ aus dem Beitrag „Wie nachhaltig sind niedrige Löhne in Indiens IT Industrie?“ sind einige Kostenpositionen exemplarisch aufgeführt. Aus der Perspektive eines Inders wiederum ist Bangalore jedoch die teuerste Stadt Indiens. Vor allem vergleichsweise hohe Mietkosten schlagen hier zu Buche.

Die unterentwickelte Infrastruktur wiederum zählt zweifelsohne zu den Aspekten, die die Lebensqualität vermindern. Die Verkehrsinfrastruktur konnte mit dem rasanten Wachstum der Stadt in den vergangenen zwei Dekaden kaum mithalten. Pro Monat werden in Bangalore heute (Anfang 2013) fast 25.000 neue Fahrzeuge zugelassen. Diese Entwicklung belegt das Wachstum der Mittelklasse in einer Stadt mit hochqualifizierten und gut bezahlten Arbeitsplätzen. Fahrzeiten von ein bis zwei Stunden (einfach) zwischen Wohn- und Arbeitsstätten werden aber zunehmend zur Norm. Der Ausbau einer Metro zur Entlastung der Straßen stockt.

Das Wachstum führt ebenso zu Engpässen bei der Wasserversorgung und bei der Müllbeseitigung. In vielen Teilen Bangalores zählen brennende Müllhaufen auf unbebauten Grundstücken (improvisierten Mülldeponien) zum Stadtbild. Schwache und ineffiziente staatliche Institutionen zählen zu den notorischen Schwächen des Subkontinents [7]. Amerikanische Städte hatten in den 1950er Jahren mit vergleichbaren Herausforderungen zu kämpfen: Wachsender Verkehr, Luftverschmutzung und wachsende Müllberge. Hierfür haben Großstädte weltweit bereits pragmatische Antworten gefunden. Bitte umsetzen!

Das Fazit: Wie in vielen Mega-Metropolen weltweit kostet das Thema Verkehr und Fortbewegung viel Zeit (und Lebensqualität). Das gilt für Bangalore nicht weniger als für Paris, Bangkok, Tokyo oder London. Wer in Bangalore seinen Wohnort in der Nähe des Arbeitsplatzes wählt, kann immens Lebensqualität gewinnen. Unser IT-Entwicklungszentrum haben wir darum auch ganz bewusst in einen Stadtteil gelegt, der Wohnviertel und Büroviertel gleichzeitig ist. Der Großteil unserer Mitarbeiter hat einen Arbeitsweg von weniger als 15 Minuten. Unter diesen Bedingungen ist Bangalore eine wirklich lebenswerte Stadt.

Der Autor hält sich seit 2011 regelmäßig in Indien auf. Er ist Geschäftsführer eines Softwarehauses mit Entwicklungszentrum in der „IT Hauptstadt Indiens“, Bangalore: Kompetenz in Microsoft Technologien, Software mit .NET Technologie, Datenbankanwendungen, Access Entwicklungen und Excel Tools für fachliche Anforderungen.

[1] Eine sehr gute Informationsquelle über die Stadt Bangalore ist unter anderem folgende Webseite „Kooperation International“ des Bundesministeriums für Forschung und Bildung: http://www.kooperation-international.de/clusterportal/cluster-bangalore.html.
[2] „UK Economic Outlook November 2009”, PriceWaterHouse Coopers, 2009, Seite 7, Quelle: http://www.ukmediacentre.pwc.com/imagelibrary/downloadMedia.ashx?MediaDetailsID=1562, Stand: 05. Mai 2013
[3] Eine kritische Analyse zur Innovationskraft der staatlichen indischen Verteidigungsindustrie findet sich in folgendem Beitrag: „Know your own strength“, The Economist“, Asien-Edition, 30.03.2013, Seiten 20 ff.
[4] Einen guten Überblick bietet unter anderem folgende Webseite „Kooperation International“ des Bundesministeriums für Forschung und Bildung: http://www.kooperation-international.de/clusterportal/cluster-bangalore.html. …
[5] “Bangalore better than Delhi, Mumbai in quality of living: Survey”, Online-Ausgabe der “The Hindu – Business Line”, 04.12.2012, Quelle: http://www.thehindubusinessline.com/news/bangalore-better-than-delhi-mumbai-in-quality-of-living-survey/article4163844.ece, Stand: 05. Mai 2013; und: MERCER’S 2012 QUALITY OF LIVING RANKING HIGHLIGHTS – GLOBAL“, Quelle: „http://www.mercer.de/articles/quality-of-living-survey-report-2011, Stand: 05. Mai 2013.
[6] „Arbeiten in Indien: Wenn der Priester den Computer segnet“, Spiegel Online, 31.07.2012, Quelle: http://www.spiegel.de/karriere/ausland/arbeiten-in-indien-ein-siemens-manager-erzaehlt-vom-leben-in-bangalore-a-847231.html, Stand: 05. Mai 2013.
[7] Vergleiche hierzu auch “India Grows at Night: A Liberal Case for a Strong State”, Gurcharan Das, 2012, Allen Lane.

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