Tiger in Indien

Gesellschaft, Kultur, Politik

Franz Zang - Gast AutorGeschrieben von:

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Der Tiger Shere Khan in Rudyard Kiplings Dschungelbuch ist wohl den meisten ein Begriff. In dieser Geschichte ist er der gefährlichste Gegner des Menschenkindes Mogli. Ist das eine Metapher für die Konkurrenz um die Lebensräume von Mensch und Tiger? Findet der Tiger in Indien trotz der wachsenden Bevölkerung einen Platz? Und was tut Indien für das Überleben einer seit vielen Jahren abnehmenden Tigerpopulation?

Autorenprofil: Franz Zang ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz (Bad Kissingen) in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und durch viele Kontakte mit der Bevölkerung die Situation vor Ort kennengelernt.

Tiger in Indien: Anzahl und Vorkommen des bengalischen Tigers

Filme wie „Der Tiger von Eschnapur“, „Das Dschungelbuch“ oder jüngst „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ zeigen immer wieder, dass Tiger und Indien zusammen gehören. Tatsächlich ist Indien mit geschätzten 1.200 – 1.700 Tigern das Land mit der größten Tigerpopulation weltweit – etwa 60% der Tiger in freier Wildbahn leben in Indien. Mag diese Zahl beeindruckend erscheinen, so gilt doch auch, dass in Indien in den letzten 30 Jahren 30.000 Tiger getötet wurden [1]. Noch um das 1900 streiften noch rund 100.000 Tiger durch ganz Asien, der Großteil davon in Indien. Nicht ohne Grund titelte deshalb der Spiegel 2013 „Asiens letzte Tiger: Dschungel ohne König“ [2].

Eine verhältnismäßig stabile Population hat sich heute in den sogenannten „Sundarbans“ gehalten, den größten Mangrovenwälder der Erde mit einer Fläche von etwa 10.000 km², die bis nach Bangladesch hinüber reichen. In dieser Region lebt die weltweit größte Tigerpopulation mit 200 Exemplaren. Wer mehr über diese Tiger in den Sundarbans erfahren möchte, hier geht’s zu einer sehenswerten Filmdoku: Phoenix-Reportage: Indiens Königstiger (Teil 2, 13 Minuten).

Auch wenn die Sundarbans eine besonders hohe Dichte an Tigern beanspruchen kann, gilt ansonsten: Tiger leben fast überall in Indien, allerdings fast ausschließlich in Schutzgebieten. Etwa 40 von diesen Gebieten gibt es, das Größte davon ist das „Nagarjunsagar – Srisailam Tiger Reservat“ in Andhra Pradesh mit mehr als 2500 Quadratkilometern [3]. Tiger leben außerdem in den subalpinen Himalaya-Regionen genauso wie im Süden, ausgenommen sind lediglich Kashmir und die Wüstenregionen von Rajasthan und Kutch (Gujarat).

Übrigens: Außer dem bengalischen Tiger Indiens gibt und gab es noch weitere Arten: Die Anzahl der etwas größeren Sibirischen Tiger wird mit augenblicklich etwa 400 Exemplaren angegeben. Auch die anderen Unterarten wie der indonesische und der Sumatra-Tiger kommen in wesentlich geringeren Zahlen vor. Andere Arten sind ausgestorben. [4]

Tiger in Indien: Aktuelle Konflikte

Beispielhafte Konflikte mit dem Tiger zeigen aktuelle Berichte aus indischen Tageszeitungen. So schreibt The Hindu schreibt im April 2014, dass die stetigen Übergriffe der Anwohner auf Flächen des Bandipur-Tigerreservats zu massiven Streitigkeiten zwischen der Bevölkerung und dem Forest Department führten: Von den Anrainern werden die Grenzen des Reservats in Frage gestellt, die Versuche einer eindeutigen Grenzziehung führt zu ständigen Konflikten. [5]

Konflikte schaffen aber vor allem die Menschenopfer, die das Nebeneinander von Tigern und menschlichen Siedlungen fordert. Schätzungsweise 125 bis 175 Menschen werden jährlich von Tigern getötet, so ein Wildtierexperte, andere Quellen geben sogar höhere Zahlen an. Im Vergleich: Um 1900 betrug die Zahl der Opfer an die 1.000! Es gilt auch, dass die Zahl der Opfer niedriger ist als die Anzahl der Menschen, die von Elefanten getötet werden, niedriger auch als die mehrere Tausend Menschen, die in Indien jedes Jahr Schlangenbissen zum Opfer fallen.

Besonders in den Sundarbans wird das Wort „Baagh“ (Tiger) nur geflüstert. Dieses artenreiche Ökosystem ist weit verzweigt und schwer zugänglich, insbesondere weil die Deltagebiete der Flüsse Ganges, Brahmaputra und Meghna ineinander übergehen. Die Sundarbans sind die einzige Region in Asien, in der regelmäßig Menschen von Tigern getötet werden, bis zu 50 Menschen pro Jahr: Sie schwimmen des Nachts leise hinter den kleinen Booten und ziehen Fischer, Honigsammler und Holzfäller vom Boot [6].

Tiger, die zu Menschenfressern werden, gibt es allerdings nicht nur in den Sundarbans. Die Tigerdame mit dem Namen Champawat tigress soll es im heutigen Gebiet von Uttarakhand zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar auf 436 Menschen gebracht haben [7]. The Hindu und Times of India führen aktuelle Beispiele aus Tamil Nadu und Andhra Pradesh an. Aufgespürt mit Fotofallen und gejagt mit Hundemeuten werden solche Tiger so schnell wie möglich geschossen [6].

Tiger in Indien: Bedeutung für die Biodiversität und aktuelle Bedrohungen

Der Tiger ist für Indien nicht einfach nur ein charismatisches oder ein weiteres wildes Tier irgendwo weit weg in der Wildnis. Der Tiger spielt eine einzigartige Rolle für die Gesundheit und die Vielfalt in den Ökosystemen Indiens. Er steht an der Spitze der Nahrungskette, hält die Population der Paarhufer in Schach und schafft dabei ein Gleichgewicht zwischen Pflanzenfressern und deren Nahrungspflanzen. Deshalb ist die Anwesenheit der Tiger in den Wäldern Indiens ein Zeichen für den guten Zustand des Ökosystems. Ihre Ausrottung zieht nach Ansicht vieler Biologen die langfristige Gefährdung des empfindlichen Ökosystems nach sich. WWF-India betont denn auch, dass nur ein funktionierendes Ökosystem Leistungen wie saubere Luft, sauberes Wasser oder Temperaturregulation liefert [8].

Die Bestandserhaltung ist darum von Bedeutung bzw. Bedrohungen müssen minimiert werden. Zunächst gilt: Wo es wenig Nahrung gibt, da sind Tiger nicht anzutreffen, die „Tigerdichte korreliert direkt mit der Dichte an Beutetieren”, ein leicht nachzuvollziehender Zusammenhang. Neben dem Schrumpfen von Beutetierbeständen etwa durch Wilderei außerhalb von Schutzgebieten, geht eine ähnliche große Bedrohung des Tigers von der Zerstörung seiner Lebensräume aus: Die Rodung von Wäldern, die Ausbreitung von Agrarland und die Zunahmen der Weidegebiete. Eine besonders große Gefährdung stellt die illegale Jagd auf den Tiger dar. Gründe für die Jagd sind inzwischen nicht mehr das Tigerfell als Statussymbol wie es früher der Fall war, es ist der Handel mit Tigerprodukten, die vor allem in der traditionellen chinesischen Medizin Verwendung finden [9].

Tiger in Indien: Maßnahmen zum Schutz der Tigerpopulation

Die National Tiger Conservation Authority gibt an, dass die Fläche der Tigerreservate bis zum Jahr 2010 auf über 30.000 km² angewachsen ist, eine Fläche fast so groß wie Baden-Württemberg [10]. Inzwischen liefern neue Untersuchungsmethoden bessere Informationen zu den Lebensgewohnheiten von Tigern, die dazu führen sollen, die Reservate regional einzubinden. Die insgesamt etwa 160.000 km² an Schutzgebieten, die als Nationalparke, Tigerreservate und andere Typen von Wildreservaten existieren, machen etwa 5% der Landesfläche Indiens aus. Allerdings sind diese Flächen schwer mit Schutzgebieten z. B. in Deutschland zu vergleichen, da in beiden Ländern Flächen mit unterschiedlichem Schutzstatus bestehen [11].

Welche Schutzmaßnahmen ergriffen werden, lässt sich gut in folgendem Film beobachten: Phoenix-Reporting: Indiens Königstiger (Teil 1, 13 Minuten)

Immer mehr wird aber klar, dass der langfristige Tigerbestand sowohl in Indien als auch weltweit vom Austausch der Gene abhängt. Die meisten Tiger in Indien leben in verhältnismäßig kleinen und isolierten Schutzzonen. In einem engen Netz von Straßen und menschlichen Siedlungen schafft es kaum mal ein Exemplar, große Entfernungen zum nächsten Reservat zurückzulegen. Langfristig wird es also darauf ankommen, die genetische Vielfalt zu erhalten. Dazu gehören auch die Tiger in den Zoos, deren Zahl die der wildlebenden Tiere inzwischen übersteigt [12].


[1] Tiger, in: Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Königstiger#Indien (Seitenabruf 28. 4. 2014)
[2] „Asiens letzte Tiger: Dschungel ohne König„ , Kai Althoetmar, 9. April 2013, in: www.spiegel.de, http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/tiger-in-indien-vom-aussterben-bedroht-a- 892154.html (Seitenabruf 28. 4. 2014)
[3] „Project Tiger“, in: www.projecttiger.nic.in, http://projecttiger.nic.in/yearofcreation.asp (Seitenabruf 28. 4. 2014)
[4] Königstiger, in: Wikipedia, http://en.wikipedia.org/wiki/Tiger (Seitenabruf 28. 4. 2014)
[5] „Residents threaten to boycott polls“, R. KRISHNA KUMAR, in: Online-Ausgabe von “The Hindu”, 3. April 2014, http://www.thehindu.com/todays-paper/tp-national/tp-karnataka/residents-threaten-to-boycott-polls/article5865621.ece (Seitenabruf 27. 4. 2014)
[6] „Tiger out of the woods“, Atul Sethi, in: Online-Ausgabe von “Times of India”, 16. Februar 2014, www.timesofindia.indiatimes.com, „http://timesofindia.indiatimes.com/home/stoi/deep-focus/Tiger-out-of-the-woods/articleshow/30495205.cms (Seitenabruf 28. 4. 2014)
[7] „Man-eater on the prowl is a tiger“, in: Online-Ausgabe von “The Hindu”, 12. Januar 2014, http://www.thehindu.com/news/national/tamil-nadu/maneater-on-the-prowl-is-a-tiger/article5567329.ece (Seitenabruf 27. 4. 2014)
[8] „Why should we save tigers?“, in: www.wwfindia.org, http://www.wwfindia.org/about_wwf/priority_species/royal_bengal_tiger/ (Seitenabruf 28. 4. 2014)
[9] „Habitat and prey loss“, in: www.wwfindia.org, http://www.wwfindia.org/about_wwf/priority_species/royal_bengal_tiger/conservation_challenges/ (Seitenabruf 28. 4. 2014)
[10] „Facts and figures“, in: www.projecttiger.nic.in, http://projecttiger.nic.in/yearofcreation.asp (Seitenabruf 28. 4. 2014)
[11] “Nationalparks in Indien“, in: Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalparks_in_Indien (Seitenabruf 28. 4. 2014)
[12] „Extremes in monsoon rainfall growing: study“, N. Gopal Raj , in: Online-Ausgabe von “The Hindu”, 30. April 2014, http://www.thehindu.com/sci-tech/energy-and-environment/extremes-in-monsoon-rainfall-growing-study/article5962767.ece?css=print (Seitenabruf 1. 5. 2014)

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Franz Zang - Gast Autor

Franz Zang - Gast Autor

ist Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern. Er hat Indien seit 2010 mehrfach bereist und setzt sich insbesondere mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung auseinander.

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