Bücher über Indien: „No full stops in India“ – Sachbuch

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Sebastian ZangGeschrieben von:

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Marc Tully gibt in mehreren Essays einen lebhaften Einblick in den Alltag und die Lebensphilosophie Indiens. Die Essays behandeln ausgewählte Themen, die charakteristisch für Indien sind. Dem Autor misslingt jedoch seine Kritik an einem übermäßigen Einfluss des Westens sowie an einer einseitigen Bewertung Indiens an westlichen Maßstäben.

Bücher über Indien: „No Full Stops in India“ – Der Inhalt

“No Full Stops in India”, Marc Tully, Penguin Books, 1991

Der Autor Marc Tully schöpft in seinem Buch aus einem tiefen Fundus an Erfahrungen über das Land Indien. Nach seiner Geburt in Kalkutta genießt er zunächst seine Ausbildung in England, kommt dann als Korrespondent der BBC 1965 nach Delhi in das Auslandsbüro, dessen Leitung er 1972 übernimmt.

Der Leser begleitet den Autor ganz unmittelbar bei dessen Vor-Ort-Recherchen zu ausgewählten Highlights in der politischen Geschichte Indiens, des indischen Alltags oder der Religionspraxis. Der erste Essay ist beispielsweise der Lebensgeschichte seiner Haushaltshilfe „Ram Chander“ gewidmet, welcher der (unteren) Kaste der „bhangi“ angehört [Putzkräfte]. Tully’s Betrachtung fokussiert vor allem auf das Zusammenleben in dessen „biradari“ [durch die Kaste definierte soziale Gruppe], dem Kastenwesen im Allgemeinen und der Verheiratung von Ram‘s Tochter Rani.

In einem weiteren Essay taucht der Leser ein in das Treiben von Millionen Hindu-Gläubigen während der sogenannten „Kumbh Mela“, die als größtes religiöses Ereignis weltweit gelten kann: Mit mehr als 10 Millionen Gläubigen in 1970 und sogar weit mehr in 1989. In dem Essay „The Rewriting of the Ramayan“ wiederum führt Tully den Leser an den Drehort, wo die Fernsehserie „Ramayan“ verfilmt wurde – die zu dem Zeitpunkt erfolgreichste Produktion des indischen Fernsehens. Es handelt sich dabei um die Verfilmung des religiösen Hindu Epos „Ramayana“ in 78 Episoden, das die Geschichte des Gott-Königs Ram widergibt.

„No Full Stops in India“ hat nicht den Anspruch, ein vollständiges Bild Indiens widerzugeben. Da der Publikationszeitpunkt des Buches inzwischen ohnehin mehr als 20 Jahre zurückliegt, kann das Buch diesen Anspruch ohnehin nicht mehr erfüllen: Das Buch ist just zu dem Zeitpunkt erschienen, als die ersten Reformen zu wirtschaftlichen Liberalisierung umgesetzt wurden und damit der Grundstein für das moderne Indien gelegt wurden. Was das Buch hingegen auszeichnet, ist der lebhafte Einblick in einige ausgewählte Aspekte der Lebenswelt Indiens. Hierin liegt die Stärke des Autors Marc Tully, der hohes erzählerisches Geschick mit hohem Verständnis Indiens kombiniert.

Das Buch hat trotz alledem auch (entscheidende) Schwächen. In der Einleitung gibt Marc Tully dem Leser zu verstehen, dass sein Buch auch als Kritik an einem zu starken Einfluss des Westens gelesen werden soll: „The stories I tell in this book will, I hope, serve to illustrate the way in which Western thinking has distorted and still distorts Indian life.“ Tully’s Anspruch ist zudem aufzuzeigen, dass der westliche Maßstab dem Land Indien nicht (immer) gerecht werden kann. Einiges deutet darauf hin, dass sich diese Haltung aus einem „Mea Culpa“ eines geschichtsbewussten Briten speist, denn Tully konzediert einige Seiten vor dem obigen Zitat: „After all, it was our civilization [Anm. d. Red.: Großbritannien] which left India a poor and backward country.“

Zweifelsohne ist Tully’s Anliegen berechtigt, nämlich zu fragen: Inwieweit werden wir Indien gerecht, wenn wir diese Kultur ausschließlich an unseren westlichen Maßstäben messen? Und: Wo bedroht der westliche Einfluss eine Kultur, die angesichts einer wirtschaftlichen Schwäche Werte über Bord wirft, die über Jahrhunderte gewachsen sind? Der Leser wird mit diesen beiden Fragen immer wieder konfrontiert. Allerdings gelingt es Tully (überhaupt) nicht, sich mit diesen Fragen systematisch auseinander zu setzen und dem Leser verschiedene Argumentationslinien bzw. Perspektiven strukturiert aufzubereiten. Unabhängig von den gelungenen Einblicken in die Lebenswelt Indiens gelingt es Tully nicht, differenziert aufzuzeigen, wo der westliche Blick und westliche Praktiken verfehlt sind.

Vielfach wird der Leser mit vereinzelten Argumentationsbruchstücken konfrontiert, die sich aber nicht (bzw. nur selten) zu einer strukturierten Argumentationskette zusammenfügen lassen. Tully lässt beispielsweise folgende Stellungnahme völlig unkommentiert, die einer seiner Gesprächspartner formuliert und Tully’s kritische Position gegenüber westlichem Einfluss völlig unterminiert: „What is Indianness today? The basic thing in India today is mediocrity. It has never been so mediocre as it is today. I feel stifled by the mediocrity. All our genuine intellectuals live in the West. We need another infusion of the West here. The freshness has gone out of this country, because people stopped reading and thinking thirty years ago.” Tully zitiert hier Iqbal Masood, einen anerkannten Filmkritiker in Indien zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung.

Nachfolgend werden zwei ausgewählte Aspekte vorgestellt, die Tully zur Erläuterung seiner kritischen These(n) betrachtet. Zum einen das Kastensystem, zum anderen die englische Sprache.

Bücher über Indien: „No Full Stops in India“ – Das Kastensystem

In der Einleitung zu seinem Buch beklagt Marc Tully bereits einen einseitigen Blick auf das Kastensystem Indiens: „It would lead to greater respect for India’s culture, and indeed a better understanding of it, if it were recognized that the caste system has never been totally static, that it is adapting itself to today’s changing circumstances and that is has positive as well as negative aspects. The caste system provides security and a community for millions of Indians. It gives them an identity that neither Western science nor Western thought has yet provided, because caste is not just a matter of being a Brahmin or a Harijan [Anm. d. Red: Unterste Kaste]: it is also an kinship system. The system provides a wider support than the family. (…) This in part explains why the Indian poor retain a strong sense of self-respect. It’s that self-respect which the thoughtless insistence on egalitarianism destroys.”

Der hier formulierten Forderung, nämlich beim Blick auf Indien den Anspruch der Gleichheit zwischen Menschen zu suspendieren, wird (und kann) der westliche Leser nicht blind nachkommen. Dies widerspricht dem ethischen Grundverständnis, das westliche Sozialisation vermittelt. Demgegenüber steht also ein Kastensystem, das eine strikt hierarchische Gesellschaftsstruktur etabliert, in der untere Kasten stark diskriminiert werden. Angesichts dieser kontra-intuitiven Forderung Tully’s wird die Argumentation umso wichtiger, die der Autor Tully in der Einleitung und in nachfolgenden Teilen des Buches entwickelt. Hier sei vorweggenommen, dass Tully eine überzeugende Argumentation nicht gelingt.

Tully’s Argumentation beginnt bereits mit der falschen These, dass die Gleichheit der Menschen eine Idee post-religiöser Gesellschaften wäre [„A central tenet of what passes for the post-religious ideal is the equality of all men.“]. Diese These mag darauf abzielen, dass Religiösität (und damit die stark von Religiösität geprägte indische Gesellschaft) mit rationalen Mitteln nur begrenzt nachvollziehbar oder begründbar ist (also für den westlichen Leser schwer zugänglich), aber Tully verkennt [oder unterschlägt], dass die Gleichheit der Menschen nicht erst eine „post-religiöse“ Errungenschaft ist, sondern bereits im Gedankengut des Christentums verankert ist. Tully’s Argument läuft also ins Leere.

Nun weist Tully in seiner Argumentation zu Recht darauf hin, dass das Kastenwesen einen wesentlichen Bezugspunkt für die Identitätsstiftung bildet. Wie viele asiatische Gesellschaften ist Indien der westliche Individualismus fremd. Hier leitet sich die Identität einer Person vielmehr von größeren sozialen Gruppen ab (kommunitaristisches Gesellschaftsmodell). So weit, so gut. Eine Frage, die sich unmittelbar aufdrängt, lässt Tully jedoch völlig unbeantwortet: Warum sollte das Prinzip der Gruppenidentitäten (a priori) unvereinbar sein mit dem Prinzip der Gleichheit?

Der größte Schwachpunkt in Tully’s Argumentation besteht jedoch darin, dass seine Essays vor allem die westliche Kritik an den diskriminierenden Aspekten des Kastensystems wiederholen bzw. illustrieren. Die Essays liefern keine Geschichten oder Argumente, die Tully’s Kritik an einem „westlichen“ Blick auf das Kastensystem untermauern würden. Und selbst der Essay „Ram Chander’s Story“, der zwar einen lebhaften Eindruck des Zusammenlebens in einer kastenbasierten Gruppe beschreibt, gibt die Lebensgeschichte eines Inders wider, die an entscheidenden Wendepunkten eben gerade OHNE die Solidarität der sozialen Bezugsgruppe auskommt. Und im Essay „The new Colonialism“ kritisiert Tully ironischerweise vehement, dass die katholische Kirche die Logik des Kastenwesens übernimmt, was zynisch betrachtet eine „Adaptionsleistung“ der Kirche an den Kontext der indischen Gesellschaft darstellt. Tully formuliert: „Nevertheless, the Harijans also expected Christianity to give them the diagnity that they were denied by Hinduism, but here they were to be bitterly disappointed – especially by the Roman Catholic Church.“ Es ist offensichtlich, dass Tully sich mit dieser Bewertung zu seiner Eingangsthese massiv widerspricht.

Die Kritik an dem Kastensystem ist im Übrigen mitnichten eine Kritik des Westens. Es gibt zahlreiche Kritiker indischer Abstammung, in der Vergangenheit ebenso wie im zeitgenössischen Indien. Es sei nur erinnert an Gandhi und Dr. Ambedbar (Mit-Autor der indischen Verfassung aus der untersten Kaste). Ich empfehle auch die Lektüre des Buches „The White Tiger“, die eine sehr hautnahe Darstellung der Diskriminierungen gegen untere Kasten liefert. Das Buch ist auf diesem Blog ebenfalls besprochen.

Bücher über Indien: „No Full Stops in India“ – Die englische Sprache

Tully schreibt in der Einleitung folgende Bemerkung zum Thema Sprachentwicklung: The attack on Indian languages started in 1835 with what the „Oxford History of India“ describes as a „fateful decision“ by the governor-general, Lord Bentinck. He ruled that the “great object of the British Government ought to be the promotion of European literature and science”. (…) The spread of English as an international language has given a new impetus to this onslaught on the languages of India.

Tully schreibt weiter, und zwar in seinem Essay “The new colonialism”: As English reinforced their superior status, the élite, not surprisingly, made no serious attempt to provide an Indian link language when the British left.

Zunächst einmal erstaunt die Behauptung, die politische Elite hätte nicht ernsthaft versucht, eine andere als die Englische Sprache als „lingua franca“ Indiens zu etablieren. Diese Ambition hat es sehr wohl mit der Sprache „Hindi“ gegeben, jedoch gegen den massiven Widerstand vor allem der südlichen Bundesstaaten. Ein Widerstand, der sich nicht zuletzt in blutigen Protesten ausgedrückt hat. Die Sprache „Tamil“ aus dem südindischen Bundesstaat „Tamil Nadu“ zählt wahrscheinlich zu den ältesten Sprachen der Menschheitsgeschichte (älter auch als Hindi), und der Stolz der Tamilen auf deren Sprache ist stark ausgeprägt. Das politische Projekt „Nationalsprache Hindi“ ist nicht zuletzt deshalb zweimal krachend gescheitert und würde auch heute auf den gleichen erbitterten Widerstand wie zuvor stoßen. Dies wird von Tully unterschlagen. Eine politische durchsetzbare Alternative zu Englisch gab es damit de facto nicht.

Tully unterschlägt auch, dass Englisch mitnichten ausschließlich die Sprache der „kolonialen Unterdrücker“ war. Der Autor Nandan Nilekani schreibt in seinem Buch „Imagining India“: “(…) the English language and the Indian English press were also quickly becoming common ground for a once-fractured Indian community to exchange ideas among themselves and agitate against British rule.” [1] Und Nilekani weist auch darauf hin, dass Englisch gerade für die Kastenangehörigen der Unberührbaren ein Sprachvehikel bildet, das mit sozialem Aufstieg bzw. Überwindung des Unberührbar-Status verbunden ist: “(…) Dalit leaders viewed English as emancipatory, free of the smudgy fingerprints of Hindu discrimination and the stigma of untouchable traditions” [2]

Es darf auch kaum unterschätzt werden, welche Bedeutung die Englische Sprache für das „indische Wirtschaftswunder“ nach der Öffnung 1991 hatte. Die globale Bedeutung Indiens als Offshoring/Outsourcing Standort für die IT/BPO Industrie ist ohne Englisch nicht denkbar. Hierzu auch Nilekani: “But once outsourcing made English the entry ticket to a global economy and higher incomes, the language rapidly became a popular aspiration, a ladder to upward mobility for both the middle class and India’s poor” [3] Die Vernachlässigung dieses letzten Aspekts kann man Tully kaum vorhalten: Der wirtschaftliche Aufschwung auf Basis der englischsprachigen Ressourcen begann im großen Maße erst ab Anfang der 90er Jahre – zu dem Zeitpunkt wurde Tully’s Buch gerade veröffentlicht.

Bücher über Indien: „No Full Stops in India“ – Der Autor Marc Tully

Marc Tully wurde in Kalkutta/Indien geboren, absolvierte seine Ausbildung in England und kehrte als BBC Korrespondent nach Indien zurück. 1972 wird er zum Leiter des Auslandsbüros der BBC in Delhi. 1987 gelingt ihm eine mehrteilige Radiosendung „Fram Raj to Rajiv“, die von Kritikern sehr positiv aufgenommen wird. Hier zeichnet er die Entwicklung Indiens in den Jahren seit der Unabhängigkeit nach.

2006, nach der Veröffentlichung des hier besprochenen Buchs, publiziert er ein weiteres Buch zu Indien: „Amritsar: Mrs Gandhi’s Last Battle“. Das Buch behandelt die „Operation Blue Star“ und deren politischen Konsequenzen, die Attacke der indischen Armee auf die heiligste Stätte der Sikhs, dem goldenen Tempel von Amritsar. Dieses Kapitel der indischen Geschichte wird im Übrigen auch in „No Full Stops in India“ behandelt, nämlich im Kapitel „Operation Black Thunder“.

Wir freuen uns über Anregungen und Feedback. Schreiben Sie an redaktion@indienheute.de

[1] “Imagining India”, Nandan Nilekani, Penguin Books, 2009, S. 87
[2] “Imagining India”, Nandan Nilekani, Penguin Books, 2009, S. 90
[3] “Imagining India”, Nandan Nilekani, Penguin Books, 2009, S. 9

Sebastian Zang

Sebastian Zang

begleitet und berät mittelständische Unternehmen beim IT Offshoring nach Indien: Standortwahl, Gründung, Aufbau eines IT Entwicklungszentrums. Als Geschäftsführer ist er bei dem Softwarehaus Categis GmbH seit 2011 für Aufbau und Weiterentwicklung des IT Entwicklungszentrums in Bangalore / Indien verantwortlich. Er lebt in Indien und Deutschland.

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