Bücher über Indien: „Reimagining India“ – Sachbuch

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Sebastian ZangGeschrieben von:

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Mit „Reimaging India“ legt ein Editoren-Team der Strategieberatung McKinsey eine Sammlung von Essays zu Indiens aktuellen Herausforderungen und gangbaren Lösungswegen vor. Etwa 60 renommierte Autoren machen eine prägnante Bestandsaufnahme zu politischem System, Wirtschaft, Kultur und Außenpolitik. Die kompakt verfassten Essays lassen sich sehr gut lesen und vermitteln exzellente Einblicke in ausgewählte Themenstellungen.

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Bücher über Indien: „Reimagining India“ – Die Autoren

„Reimagining India“, Clay Chandler, Adil Zainulbhai, Simon & Schuster, 2013

Der Strategieberatung McKinsey ist es als Herausgeber gelungen, kompakte und hoch-informative Essays illustrer Autoren zusammenzustellen. Die Herausgeber betonen im Vorwort, dass es sich weder um eine McKinsey-Studie handelt, noch um ein abgestimmtes bzw. konsistentes Set an Handlungsempfehlungen. „Rather, our aim was to create a platform for others to engage in an open, free-wheeling debate about India’s future.” (Seite xviii).

Die Autoren entstammen unterschiedlichsten Funktionen und bringen unterschiedlichste Perspektiven mit ein: Hier kommen Unternehmensführer, Unternehmensgründer, Journalisten bis hin zu bekannten Autoren zu Wort. Darunter: Mukesh Ambani, CEO von Reliance Industries Limited; Bill Gates, Gründer von Microsoft; Eric Schmidt, Vorstandsvorsitzender Google; Patrick French, Indienkenner und Autor von „India – A Portrait“; Nandan Nilekani, Mitbegründer von Infoysis und Vorsitzender der Inique Identification Authority of India; Ramachandra Guha, Historiker und Autor zahlreicher Bücher über Indien.

Die Herausgeber haben sich tatsächlich – wie im Vorwort ausgeführt – darauf beschränkt, eine Reihe von hervorragenden Indienkennern zu einem kompakt formulierten Beitrag anzuregen (Jeder Essay nimmt etwa 5 – 7 Seiten ein); im Sinne einer freien Diskussion wurden auch Inkonsistenzen zwischen den Beiträgen nicht aufgelöst. Beispielsweise stößt der Leser im Artikel von Fareed Zakaria auf eine Größenschätzung des indischen Mittelstands von etwa 250 Millionen (Seite 7); einige Seiten weiter stellt Mukesh Ambani mit 400 Millionen eine neue Zahl in den Raum (Seite 35). Gleiches gilt für den Anteil der produzierenden Industrie am indischen Sozialprodukt: Eine Faktentabelle von McKinsey beziffert diesen auf 27% (Jahr 2012), während der Autor Ruchir Sharma gerade einmal auf 13% kommt (Seite 14). Zugegeben: Es würde dem Leser helfen, wenn Datenquellen und Grundannahmen zu Zahlenangaben ein widerspruchsfreies Bild ergäben; eine solche Harmonisierung würde jedoch den angeführten Anspruch ersticken, mit dem Buch eine Plattform für eine „free-sheeling debate“ zu schaffen.

Bücher über Indien: „Reimagining India“ – Der Inhalt

Das Buch gliedert die Beiträge in sechs verschiedene Kapitel: „reimagining“, „politics & policy“, „business & technology“, „challenges“, „culture & soft power“ sowie „india in the world“. Essays, die sich thematisch nicht einem der Bereiche „Wirtschaft & Technologie“, „Politik“, „Kultur“ oder „Außenpolitische Stellung“ zuordnen lassen, finden sich in den Kapiteln „reimagining“ oder „challenges“ wieder; die Beiträge dieser letztgenannten Kategorie formulieren bereichsübergreifende Thesen oder widmen sich schlicht einem Einzelthema (z.B. Gesundheit, vgl. „Health Care for All“, Autor: K. Srinath Reddy).

Jeder Essay widmet sich einem eigenen, von den Autoren selbst ausgewählten Thema. So bewertet beispielsweise der Historiker Ramachandra Guha in seinem Essay „Day of the Locust“ die ökologischen Schäden, die mit dem wirtschaftlichen Aufschwung seit Anfang der 1990er Jahre einhergegangen ist. Salman Khan, Gründer der Khan-Academy, legt in dem Essay „The Ed-Tech Revolution“ seine Vision dar für eine Revolutionierung der Ausbildung durch Online-basierte Angebote. Gleichzeitig kristallisiert sich aber auch autorenübergreifend eine gemeinsame Vision bzw. Situationsanalyse heraus, die jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven formuliert wird:

Die Neubewertung der Bundesstaaten im föderalistischen System Indiens. Schon im ersten Essay „The Rediscovery of India“ formuliert der Autor Fareed Zakaria: „India will never be a China, a country where the population is homogeneous and where a ruling elite directs the nation’s economic and political development.“ (Seite 9). Der Spezialist für Emerging Markets der Investmentbank Morgan Stanley, Ruchir Sharma, argumentiert in “Breakout or Washout”: “Before this turn [Anm. d. Red.: 1991], the chief ministers had focused on building political support through appeals to religion and caste, the touchstones of Indian identity. Afterward they realized that they could create a more enduring support base by catering to rising economic aspirations, which cut across caste boundaries. Now, these mass-based leaders are building strong state economies from Gujarat on the Arabian Sea all the way to Bihar on the Nepalese border. (…) In an increasingly federal nation, the dynamism of the state leaders is countering the ineffectiveness of the center and changing the economic map of India.” (Seiten 15f). Der CEO der Werbeagentur Ogilvy Public Relations, Christopher J. Graves, stimmt mit ein: „In travel and tourism, cooperation is the most sensible course. But in seeking to attract global investment, competition among states may be the most effective route.” (S. 380)

Die Forderung nach einem stärkeren und kompetenteren Staat. Ebendiese Forderung formuliert „Gurcharan Das“ bereits in seinem Buch „India Grows at Night“, sie findet sich auch wieder in seinem Essay „How to Grow during the Day“: „As India began its remarkable rise twenty years ago, I celebrated the fact that it was rising despite the government. In the past few years I have come to recognize that the state is in fact of ‘first-order’ importance, essential if its citizens are to flourish. Succeeding despite the state may be heroic, but it is not sustainable. (…) It will take patient, determined efforts to reform the key institutions of governance along well-known lines articulated by numerous committees.” (Seiten 23 ff). Der Vorstandsvorsitzende der Infrastructure Development Finance Company, Rajiv Lall, pflichtet in seinem Essay bei (“India’s Infrastruggles”). Er fordert für das effiziente Zusammenspiel von Staat und Privatunternehmen bei Infrastrukturprojekten einen verlässlichen Rahmen sowie kompetente Schiedsrichter auf staatlicher Seite: „It requires arbiters to be empowered, independent, and objective, and to have deep sectoral expertise in and knowledge of public policy, law, business, and finance. Building a cadre of qualified regulators requires that the government pay reasonable salaries to attract and retain them, and it must also foster the development of the academic disciplines to provide the required training.” (Seite 235)

Kaum überraschend, alle Autoren eint die Forderung nach einer wachstumsorientierten Politik. Der Emerging Markets-Spezialist Ruchir Sharma relativiert zunächst die bisherige Erfolgsstory: „India has finished each decade [Anm. d. Red.: seit 1990] with an average GDP growth rate about 1 to 2 percentage points faster than the emerging market average. That is unusually consistent but not particularly impressive – it’s standard for emerging nations in India’s low-income class.” (Seite 11). Die Förderung einer raschen Urbanisierung sowie der produzierenden Industrie sieht er als Kernpunkte einer politischen Agenda für Wachstum. Der CEO von Reliance Industries Ltd, Mukesh Ambani, unterstreicht die (ethische) Notwendigkeit für Wachstum mit dem Hinweis, dass jährlich etwa 20 Mio. Absolventen auf den Arbeitsmarkt drängen (Essay: „Making the next Leap“). Der CEO von Cognizant, Frank D’Souza, wiederum fordert in „Why virtual Infrastructure is a real problem“ mehr Investitionen in die Infrastruktur für die IT Industrie ein: „For the industry to extend its leadership in technology services, and flourish in a way that can serve as a much more powerful social and economic catalyst, the information infrastructure must connect every corner of India with the rest of the world.” (S. 171)

Viele weitere Einsichten erwarten den Leser / die Leserin. Wer sich bereits mit Indien auseinander gesetzt hat, stößt natürlich auch auf bereits bekannte Thesen, Fakten und Kritik. Bei der thematischen Vielfalt der Essay-Sammlung finden sich aber auch Einblicke und Thesen zum Subkontinent, die erfrischende Perspektiven auf Indien bieten. Kurzum: Ein lesenswertes Buch, das einen kritischen (aber meist auch optimistischen) Blick auf Indien wirft und dem Leser gleichzeitig zahlreiche Anreize gibt, in vereinzelten Themen tiefer zu gehen. Viel Vergnügen bei der Lektüre!

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Der Autor hält sich seit 2011 regelmäßig in Indien auf. Er ist Geschäftsführer eines Softwarehauses mit Entwicklungszentrum in der „IT Hauptstadt Indiens“, Bangalore: Hochwertige Software mit .NET Technologie , Datenbankanwendungen, Access Entwicklungen und Excel Tools für fachliche Anforderungen.

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