Wo Sie das authentische Indien finden …

Die Indien Kolumne

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Wenn Sie als Tourist (oder Kulturforscher, Geschäftsmann, Globetrotter) das authentische Indien suchen, sollten Sie am besten gleich mit Air India einfliegen. Mit ein bisschen Glück werden Sie von einem Sikh mit traditionellem Turban bedient. Richtig authentisch wird es, wenn Ihnen das Bordpersonal bei der Getränkerunde zur Bestellung „Whiskey, please“ statt einer bei anderen Airlines üblichen 0,05L Miniflasche zwei randvoll gefüllte Becher (sic!) von dem Nationalgetränk reicht (Nota Bene: Etwa die Hälfte der weltweiten Whiskyproduktion wird in Indien verkonsumiert).

Was ist überhaupt authentisch „indisch“? Wer als Tourist nach Indien kommt, der möchte ja ebendieses „authentische Indien“ erleben. Aber an dieser Frage können Sie verzweifeln. Die Idee des „authentischen Indien“ aus Werbeprospekten sieht etwa so aus: Das Taj Mahal aus weißem Marmor, Kamele, Frauen in bunten Saris (arm zwar, aber trotzdem glücklich), gelbe knatternde Rickshaws, Fakire, große Tempelanlagen und dazu heilige Kühe auf den Straßen. Dazu Hunderte von Kilometern Küste mit Sandstrand, Party in Goa. Und natürlich: Gandhi. Das ist es vor allem, was die Vorstellung vieler Indien-Reisenden prägt, Gandhi und das Spinnrad.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wenn Sie aus dem Flugzeug aussteigen, dann sind Sie bereits da, im „authentischen Indien“. Sie sind da. Es beginnt nicht erst jenseits des Museumseingangs, wo Artefakte der indischen Kultur ausgestellt werden, oder im Garten des Taj Mahal. Der chaotische Verkehr, der Lärm, das Hupen oder die Straßenhunde auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel: All das ist Indien. Es ist das Indien zu Beginn des 21ten Jahrhunderts, ein heterogenes Gebilde verschiedener Strömungen, hier vermischen sich koloniales Erbe, religiöse Traditionen, auch die Auswirkungen der wirtschaftlichen Öffnung Anfang der 1990er Jahre sind erkennbar. Sie dürfen nicht den Fehler machen, das heutige Indien wie das Gemälde eines alten Meisters zu betrachten, von dem man die Patina der Moderne in restaurativer Arbeit herunterkratzen muss, um zum Meisterwerk zu gelangen, zum „authentischen Indien“. Warum das nicht geht, will ich kurz erläutern.

Das heutige Nationalsymbol Indiens ist der Taj Mahal, eine Grabstätte, die der Großmogul Shah Jahan in Erinnerung an seine geliebte Frau im 17ten Jahrhundert errichten ließ. Es ist ein muslimisches Bauwerk, entstanden während der Mogulherrschaft (die etwa von 1500 bis Mitte des 19ten Jahrhunderts andauerte). Die islamischen Eroberer prägten die Kultur, die Architektur, Kleidung und auch Küche. Diese Kultur überlagerte die bisherige indische Kultur; Kamasutra verschwand, und Bauten wie der Tempel in Khajuraho mit seinen zahlreichen freizügigen erotischen Szenen wären in der muslimischen Ära undenkbar gewesen. Was ist nun authentisch? Ist der Taj Mahal authentisch indisch? Was ist mit dem Red Fort in Delhi, das ebenfalls unter Moguln erbaut wurde?

Und was ist mit dem ganzen Müll in Indiens Landschaften; mit dem Müll, der teilweise an Straßenrändern vor sich hin schwelt? Noch im Indien Gandhis war das ganz einfach: Was im Haushalt als „Abfall“ anfiel, wurde entweder an die Kühe verfüttert (Essensreste, Biomüll) oder hinter dem Haus gesammelt, um in regelmäßigen Abständen verbrannt zu werden (Kokosnussschalen, Mangokerne, etc.). Dann kam das Plastik auf (vor allem mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes in den 1990er Jahren), Plastik steht für die Moderne; mit diesem Plastikmüll wurde ebenso verfahren wie mit dem bisherigen Haushaltsabfall: Er wurde verbrannt. Aufgrund des für Indien typischen notorisch schwachen Staates (vgl. etwa das Buch „India grows at night“ von Gurcharan Das) gibt es auf dem Subkontinent nur eine lückenhafte kommunale Müllentsorgung. Das ist Indien. Das ist typisch. Das ist authentisch.

Es hilft auch, sich bisweilen zu vergegenwärtigen, dass Indien ein „Emerging Country“ ist. Früher hieß das: Entwicklungsland. Kurz vor der wirtschaftlichen Öffnung Anfang der 1990er Jahr hatte Indien ein Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von 1.165 US-Dollar (zwecks besserer Vergleichbarkeit ist diese Zahl kaufkraftbereinigt). Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in Deutschland lag damals 18 Mal (sic!) höher, nämlich bei 20.724 US-Dollar. Noch immer ist der Abstand zwischen Deutschland und Indien enorm, wenn auch der Abstand geschrumpft ist: Nach den aktuellsten Zahlen (Referenzjahr 2017) liegt das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in Indien bei 7.183 US-Dollar, Deutschland bei 50.425 US-Dollar (also: 7 Mal höher). Das erklärt einiges.

Indien ist im Übrigen ein Land, das sich immer als Einwanderungsland verstanden hat und darum vielfältigen kulturellen Einflüssen ausgesetzt war und ist. Eines der bekanntesten Unternehmen (die TATA Gruppe) etwa wurde von der gleichnamigen Familie begründet, die der ethnisch-religiösen Gruppe der Parsen angehört (Stichwort: Zoroastrismus, Ursprung: Persien). Für mich ist Indien ein Land, das in besonderer Weise Heterogenität zulässt, ein Land voller Widersprüche und einer veritablen Dichotomie zwischen der modernen urbanen Lebenskultur und einer ruralen Lebenskultur, die man aus westlicher Sicht politisch unkorrekt als rückständig bezeichnen würde. Eben das macht Indien aus. Sie merken sofort: Sie sind nicht in Frankreich, Deutschland oder in Vietnam. Eben dies ist typisch. Und glauben Sie mir: Das ist alles authentisch.

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