TikTok in Indien: Erst Hype – jetzt verboten

Die Indien Kolumne

Sebastian ZangGeschrieben von:

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Die App TikTok des chinesischen Unternehmens ByteDance (vergleiche auch Eine kleine Chronik der Digitalisierung als FREE DOWNLOAD) hat in Indien einen Hype ausgelöst. Tatsächlich ist Indien der größte Markt für TikTok außerhalb Chinas: Die App wurde mehr als 600 Millionen mal heruntergeladen, es gibt 120 Millionen regelmäßige Nutzer pro Monat (wenngleich die Einnahmen für TikTok nicht gänzlich dieser Bedeutung des indischen Marktes entsprechen).

Die Gründe für den durchschlagenden Erfolg von TikTok sind vielfältig: Erstens, die Einführung der App fiel mit einer beispiellosen Verbilligung der Smartphonenutzung zusammen; denn im Jahr 2017 startete das Konglomerat Reliance Industries den Telekommunikationsanbieter Jio, der die Kosten für mobile Daten radikal senkte. Statt einem Gigabyte pro Monat hatten die Smartphone-Nutzer plötzlich einen Gigabyte pro Tag zum Surfen und Spielen. Günstige Smartphones aus chinesischer Produktion (z.B. von Herstellern wie Xiamoi oder OnePlus) kamen hinzu. Zweitens, wer den Alltag in Indien beobachtet, der stellt fest, wie viele und häufig es zu Wartezeiten kommt: Warten auf Linienbusse, die Bus- oder Zugfahrten selbst, Jobs am Tresen eines kleines Kiosk, undsoweiter. Es gibt unglaublich viel Zeit, die sich mit Surfen auf einem Smartphone verbringen lässt.

Drittens, TikTok hat eine Art Gegenkultur zu Bollywood geschaffen sowie zum Content, der auf den „klassischen“ Apps wie YouTube generiert wird und eher den urbanen Eliten zuzurechnen ist. Ein auffälliger Anteil der Autoren stammte aus Randgruppen. Amit Varma, ein Podcaster aus Mumbai, der einen Online-Kurs über TikTok abhielt, erklärt: “Das sind keine Inhalte, die von ahnungslosen Eliten gemacht werden. In Bollywood wird das Ganze von ein paar hohen Tieren betrieben. Aber sie haben veraltete Vorstellungen davon, was die Menschen wollen.“ Ein paar Beispiele:

Ein dürrer Stoffverkäufer aus einer Kleinstadt konnte über Nacht eine Sensation auflösen mit einer Tanzperformance; prunkvolle s muslimische Comics fanden ein Publikum, das so groß war wie das der gängigen Hindi-Filme; transsexuelle Darsteller teilten Make-up-Tipps mit Fans und anderen Neugierigen; Großmütter auf dem Land unterrichteten in traditionellem Kochen, und ein Mädchen baute sich eine Fangemeinde auf mit einem Rap in Hmar, einer Sprache, die in einigen kleinen Teilen des dünn besiedelten Nordostens gesprochen wird. Was die TikTok-Fangemeinde tatsächlich sehen wollte: Content mit einem Touch von Exotik, Heimeligkeit und mehr Abwechslung, als es Fernsehen, YouTube oder Instagram bieten.

Unter den 1,2 Millionen Content Creatoren haben auch Tausende ihren Lebensunterhalt mit TikTok verdienen können. Nun wurde am 30ten Juni 2020 nicht nur TikTok von der indischen Regierung verboten, sondern 58 weitere Apps mit Ursprung in China (z.B. Help, Like und Bigo Live). Dieses Verbot war die Reaktion auf einen. Grenzkonflikt an der nordöstlichen Grenze mit China, bei dem über 20 Soldaten ums Leben gekommen waren. Die TikTok-Stars forderten ihre Fangemeinde auf, auf eine andere Plattform mit umzuziehen, etwa eine der fast 100 entstandenen indischen CopyCats.

Dieser Artikel nutzt als primäre Quelle einen Artikel von The Economist, Englische Ausgabe July 4th 2020

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