Zu Fuß und Digital unterwegs – Indien während der Ausgangssperre

Gesellschaft, Kultur, Politik

Theresa MoozhiyilGeschrieben von:

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Wie die ganze Welt ist auch Indien von COVID-19 betroffen. Zwar etwas später und mit einer, von Wissenschaftlern begleiteten, verlangsamten Verbreitung. Indien hat eines der kleinsten Budgets für die Wirtschaftsstabilisierung eingesetzt (0,8% des Bruttoinlandsprodukts) und eine der härtesten umsetzbaren Sicherheitsmaßnahmen ergriffen – fast 1,4 Milliarden Menschen mit Ausgangssperre belegt. Ein Blick auf die Ereignisse im Lande:

Was bisher geschah

Um die rasante Verbreitung der Krankheit einzudämmen, führte Indien am 23.03.2020 eine 21-tägige Ausgangssperre ein (inzwischen ist diese bis zum 3. Mai 2020 verlängert). Die Pros und Contras sind heute noch nicht abschätzbar. Doch bei 2,3 Krankenhausbetten pro 100.000 Einwohner gab und gibt es wenig Alternativen. Das Land ist hermetisch abgeriegelt. Nahrungsmittelläden und Apotheken dürfen nur zu vorgegebenen Zeiten geöffnet sein. Wer ohne anerkannten Grund oder außerhalb der erlaubten Zeiten unterwegs ist, muss sich der Konfrontation mit der Polizei stellen und mit einer Mindeststrafe von 120€ und aufwärts rechnen. Eine Kultur, die im Alltag Hochzeiten, religiöse Feste und Pilgerfahrten lebt und liebt, sitzt ziemlich überrascht Zuhause! Oder auch nicht?

Zwischen “I’m dying to go out” und “I’m dying to go home”

Die aus ca. 20% der Bevölkerung bestehende Mittelschicht kann in Quarantäne teilweise von Zuhause aus arbeiten. Das Kürzel WFH (work from home) ist besonders unter IT-lern gern benutzt. Ist es ein Luxusproblem in den eigenen vier Wänden – z. T. klimatisiert, mit fließendem Wasser und ausreichend Nahrungsmitteln – wahnsinnig zu werden?

Der weitaus größere Teil der Bevölkerung am Rande der Stadt oder auf dem Land lebt in engen, kleinen oder sehr einfachen Verhältnissen. [Die Bevölkerungsdichte liegt zwischen 11.000 Menschen pro qkm (Delhi) und bis zu 17 Menschen pro qkm (Arunachal Pradesh)]. Die unvermeidbaren Arbeiten, wie z.B. Landwirtschaft und Tierzucht, dürfen in der eigenen Umgebung fortgeführt werden. Die Kleinhändler und Tagelöhner sitzen mit leeren Händen Zuhause. Eine grob geschätzte Anzahl von ca. 10 Millionen Menschen (0,7% der Bevölkerung) sind ohne Essen und Geld zwischen den Bundesländern unterwegs, überwiegend Wanderarbeiter, zunehmend zu Fuß und ohne an die 2 Meter Sicherheitsabstand denken zu können. Die, die wegen der Sperre nicht mehr losgehen konnten, protestieren zu Tausenden. Das Thema Hygiene, sauberes Trinkwasser und das Konzept ‚Händewaschen‘, lassen wir mal ganz außen vor.

Kein Inder soll hungern

„Kein Inder soll hungern“ lautet das Motto des Krisenmanagements. Die Landesregierung hat einen Hilfsfond von 1,7 Lakh Crore Rupees (€ 21 Milliarden) angekündigt: landesweite Versicherungen für die Hilfs- und Pflegekräfte; hunderte Millionen von Mahlzeiten; Kochgas, Bargeld für Bedürftige und mehr.  Die Regierung plant nach und nach verschiedene Programme, um die Menschen in ihrer Notsituation zu unterstützen, u.a. digitale Erreichbarkeit über einen WhatsApp Chatbot mit aktuellen Infos.

Die einzelnen Bundesländer organisieren sich mal mehr und mal weniger mit ihren eigenen Mitteln. Staatliche ‚Community Kitchens‘ sollen in jedem Kreisgebiet kostenlos frische Mahlzeiten ausgeben. Zum Teil ist dies bereits erfolgreich umgesetzt, ein Beispiel – Kerala. Die kostenlose Nahrungsmittelverteilung von Getreide (für Bedürftige) wird, trotz bürokratischer Hindernisse, streng überwacht und durchgeführt. Je nach Politik und Budget der Bundesländer werden Wanderarbeiter und Obdachlose vom Staat ernährt.

Überwältigend ist die private Nahrungsmittelverteilung. Die privaten Unternehmen (groß wie klein) verteilen kostenlos Mahlzeiten an die Bevölkerung. Im Gegensatz zu z.B. Deutschland, wo viele Menschen das Einkaufen für andere übernommen haben, ist die Verteilung von fertigen Mahlzeiten hier in Indien sinnvoller für die Bevölkerung. Zahlreiche NGO’s und eine Unmenge Einzelpersonen und Haushalte sind fleißig dabei  Essen zuzubereiten und dieses zu verteilen. Dies geschieht freiwillig und ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Auch Rikschas werden landesweit für den Transport von diesen Mahlzeiten eingesetzt. Hunderttausende von Menschen werden so täglich ernährt.

D.V. Prasad, Vorsitzender der staatlichen Food Corporation of India (FCI), zuständig für die Verteilung öffentlicher Lebensmittel, ist der Meinung, dass das Land mit der zweithöchsten Bevölkerungsdichte, genug Getreide habe, um die Armen in Indien noch anderthalb Jahre zu ernähren. Die Ernte im April steht noch aus und ist voraussichtlich besser als in den letzten Jahren. Zu schön um wahr zu sein. Und falls doch, der Prozess einer solch gerechten Verteilung über die 3.287.000 qkm Fläche Indiens ist sehr anspruchsvoll.

Krankenversorgung und Hydroxychloroquine

Die Bekämpfung der Pandemie wird vom Staat gesteuert. Diese Regulierung führt dazu, dass die staatlichen (kostenlosen) Krankenhäuser für die COVID-19 Patienten zuständig sind. (Zwar haben mehrere private Krankenhäuser inzwischen die Erlaubnis Corona-Patienten zu behandeln, in einem Land ohne eine allgemeine Krankenversicherung bleibt aber ein hoher Kostenfaktor, den sich nur wenige Menschen leisten können). Die staatlichen Krankenhäuser hatten bislang ein geringeres Ansehen als die privaten Institutionen. Begründet wird das geringe Ansehen durch mangelnde Hygiene und zu wenig Fachkräfte.  Doch nun sind sie Lebensretter und arbeiten mit großer Sorgfalt, Hygiene und Genauigkeit. Indien hat 2018 die „goldene Ziellinie“ der WHO erreicht, mit einem Arzt-zu-Bevölkerung-Verhältnis von 1:1000. Doch mit 1,8 Millionen Pflegekräften ist der Bedarf an Krankenbetreuung nicht annähernd gedeckt.

Indien ist einer der größten Produzenten von Generikum. Ebenso der größte Produzent von dem Anti-Malaria-Mittel Hydroxychloroquine (70% des weltweiten Bedarfs).  Einem ICMR-Gutachten zufolge (Indian Council of Medical Research – der indische Rat für medizinische Forschung) erwies sich HCQ in Laborstudien als “wirksames Mittel gegen das Coronavirus“ bzw. als vorbeugende Medizin. Die Verabreichung des Medikamentes ist jedoch nur ausnahmsweise in besonders kritischen Fällen genehmigt.  Inzwischen hat Indien, die Exportbeschränkungen für das Medikament teilweise aufgehoben und über 55 Länder mit HCQ versorgt.

Wirtschaft gegen Virus

Die Weltbank hat $ 1 Milliarde durch ein Schnellverfahren genehmigt, für den indischen Kampf gegen COVID-19. Die bislang größte Bewilligungssumme für das Gesundheitswesen in Indien. Auch private Firmen investieren ihr Geld und ihre Zeit zum Wohle der Bevölkerung. Von der Herstellung von Masken und Desinfektionsmitteln bis hin zu Spendengeldern haben sich viele indische Unternehmen zusammengeschlossen, um den Bürgern und der Regierung bei der Bekämpfung der Pandemie zu helfen.

Einige Beispiele:

Tata (Mischkonzern) u.a. Spende in Höhe von Rs. 1500 Crore für den staatlichen Gesundheitsfond (€ 180 Millionen) zusätzlich zu der Massenherstellung von Schutzmasken, Beatmungsgeräten und weiteren Produkten.
Reliance (Mischkonzern) u.a. Spende in Höhe von Rs. 500 Crore für den staatlichen Krisenfond (€ 60 Millionen). Verfügungstellung von Internetdatenvolumen, Versicherungen, Benzin, kostenlosen Esspaketen und ein Krankenhaus mit 100 Betten für Intensivmedizin.
Vedanta (Metall- und Bergbau) u.a. Spende in Höhe von Rs. 201 Crore für den Krisenfond (€25 Millionen)
Mahindra and Mahindra (Automobilhersteller) u.a. Herstellung von Beatmungsgeräten in ihrer Produktionsanlage und finanzielle Hilfe für das Krisenfond.
Diageo (Hersteller alkoholischer Getränke) u.a. Herstellung von 300.000 L Handdesinfektionsmittel und weitere Unterstützung für die Desinfektionsmittelhersteller.
Zoho, ein Cloudbasierte Tech Firma u.a. Rs. 25 Crore für das Krisenfond (€3 Millionen) angekündigt. Bereitstellung von verschiedenen Online Tools die Remote-Arbeiten ermöglichen.
PayTM – ein online Zahlungsportal u.a. eine Spendensammlungsaktion für den staatlichen Gesundheitsfond. Für jede Zahlung über ihr Portal leistet PayTM eine Zuzahlung. Initiierung der #indiafightscorona Kampagne und Verteilung von 1 Million Seifen.


#indiafightscorona

Da Indien eine junge Bevölkerung hat (Durchschnittsalter 26,8 Jahre) sind die Menschen sehr Technik affin und selbst in den kleinsten Dörfern digital erreichbar. Ein Smartphone ist, mit einer Prepaid Karte und Datenvolumen, ab €25,- erhältlich. Indien hat 1,2 Milliarden Mobilfunkteilnehmer (Info April 2019), bzw. 87 Personen von 100 besitzen ein Mobiltelefon. Viele staatliche Hilfsprogramme sind bereits mobilbasiert, die durch einen Einmal-Code abrufbar sind. Die digitale Stärke hilft sehr bei der Bewältigung des jetzigen Lockdown.

Die Digitalisierung ermöglicht den privaten Organisationen, dass sie zielgerichtet die Bedürftigen identifizieren und auf sie zugehen können. Mit Hashtags wie #indiafightscorona #breakthechain #coronawarriors schaffen die Unternehmen sogar überregional zu agieren. Die Krisensituation fordert und fördert auch soziale Verantwortung für die Bevölkerung.

Netzwerkeffekte unterstützen überregionale Zusammenarbeit. „Caremongers-India“, eine in Bangalore gegründete Socialmedia-Gruppe hat in kurzer Zeit ein gigantisches Netzwerk von Helfern und Hilfesuchenden aufgebaut. Mitte März dieses Jahres gab es 100 bestätigte Corona-Fälle in Indien. Am 17. März hat Mahita Nagaraj (38) zeitnah diese Initiative ins Leben gerufen. Netzwerken ist eine indische Stärke. Über einen Freund dessen Freund dessen Nachbarn Kontakt wird bis ins tiefste Tal Hilfe angeboten. Ein Nutzer kann sich den Prozess so vorstellen:

Schritt 1: Bedarfsanalyse und Bedarfsangabe (Nahrungsmittel, Medikamente, medizinische Hilfe…) seitens des Nutzers.

Schritt 2: Angaben der bedürftigen Person (Senioren, Kranke, Schwangere, …) und Ortsteil

Schritt 3: Caremongers India reagieren darauf und taggen die ortsansässigen Multiplikatoren.

Schritt 4: In persönlichen Kontakten vor Ort nähere Angaben austauschen und dann handeln.

Wie geht es weiter?

Es ist eine gemeinsame Bewegung – der Staat, die private Industrie, die einzelnen helfenden Hände und die unermüdlich arbeitenden Pflegekräfte, Reinigungspersonal und Ordnungshüter. Eine Nation wie Indien braucht verschiedene innovative Lösungen und ein großes gesamtgesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein. Wir bleiben hoffnungsvoll.

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